
An Filmen und Serien über reale Verbrechen mangelt es auf Netflix bekanntlich nicht, der Streamingdienst bringt die ganze Zeit irgendwelche True-Crime-Produktionen heraus. Aktuell ist der Output wieder besonders hoch. Da ist beispielsweise Charles Manson: Selbstporträt eines Serienmörders, welches an den Sektenführer und dessen mörderischen Einfluss erinnert. Mit Die Trustor-Affäre wagen wir einen Ausflug in die Finanzwelt, diesmal geht es um Betrug bei der Übernahme einer Investmentfirma. Davor handelte The Idaho Murders: Ein College-Albtraum von vier Studierenden, die brutal im eigenen Zuhause getötet wurden. Ganz so heftig geht es in Mein eigenes Kind nicht zu, einem mexikanischen Dokumentarfilm.
Mehr Spielfilm als Doku
Dieser sticht gleich in mehrfacher Hinsicht hervor. Schon die Umsetzung ist ungewöhnlich, wenn ein großer Teil des Films aus nachgespielten Szenen besteht. Natürlich, das ist bei Dokumentationen keine Seltenheit. Immer wieder wird auf so etwas zurückgegriffen, um Abläufe zu illustrieren, für die es keine Originalaufnahmen gibt. Wo andere diese Szenen aber so einzubauen versuchen, dass sie nicht weiter auffallen, da geht Mein eigenes Kind sehr offen damit um, dass das gespielte Versionen sind. Die Illusion wird damit von Anfang an zerstört. Bemerkenswert ist zudem, wie ausführlich dieses Reenactment ist. Üblicherweise sind diese Szenen nur zur Überbrückung da. Hier werden sie genommen, um einen Großteil der Geschichte zu erzählen. Erst später kommen dokutypische Interviews hinzu.
Aber auch inhaltlich ist das hier etwas ganz anderes. Normalerweise wird bei diesen True-Crime-Dokus recht früh das Verbrechen etabliert, danach geht es dann um die Folgen oder auch die Suche nach der Wahrheit. Mein eigenes Kind hingegen erzählt von den privaten Versuchen eines Ehepaars, ein eigenes Kind zu bekommen. Das eigentliche Verbrechen kommt spät. So spät, dass man sich darüber streiten kann, ob der Film überhaupt als True Crime durchgeht. Es ist auch nicht so spektakulär und schockierend, wie man es aus dem Segment oft kennt. Den ganz großen Nervenkitzel sollte man daher auch nicht erwarten, darum geht es gar nicht. Manche könnten beim Anschauen sogar etwas enttäuscht sein, wie wenig hier geschieht.
Gesellschaftliche Themen
Interessanter ist der Film wegen der gesellschaftlichen Komponente. So geht es in Mein eigenes Kind schon um den persönlichen Wunsch des Paares nach Nachwuchs. Es geht aber auch um Erwartungshaltungen, die von außen geschürt werden. Um den Druck, den Menschen, gerade Frauen, verspüren, dass sie selbst Kinder in die Welt setzen, weil sie sonst nicht komplett sind. Stärker als bei anderen Beiträgen aus diesem Bereich wird man hier also dazu angehalten, über das Gesehene zu diskutieren. Regisseurin Maite Alberdi (Die unendliche Erinnerung) entschuldigt damit nicht, was da geschehen ist, wirft aber zumindest die Frage auf, wie es zu einem solchen Vorfall kommen konnte. Zumal auch andere nicht gut wegkommen bei der Geschichte und man kaum glauben kann, dass das überhaupt möglich war.
Mein eigenes Kind ist dabei jedoch keine dieser Produktionen, die von dem Überraschungsfaktor leben. Da waren andere wendungsreicher. Man ist hier mehr an den Menschen interessiert und ihrer Sicht auf die Dinge. Das ist prinzipiell ganz interessant. Allerdings sind die besagten nachgestellten Szenen nicht so wirklich gelungen. Selbst wenn man die offene Thematisierung des Schauspiels weglässt, dazu die starke Künstlichkeit der Settings, ist das zu gestellt. Vielleicht wäre es daher besser gewesen, dass der Film, der unter anderem auf der Berlinale 2026 gezeigt wurde, sich für eine Variante entschieden hätte: Dokumentation oder Drama. Der Mix aus beidem lässt in beide Richtungen etwas zu wünschen übrig.
OT: „Un hijo propio“
IT: „A Child of My Own”
Land: Mexiko
Jahr: 2026
Regie: Maite Alberdi
Drehbuch: Julián Loyola, Esteban Student
Kamera: Ignacio Miranda
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