Weißes Rauschen White Noise Netflix
© Netflix/Wilson Webb

Weißes Rauschen

„Weißes Rauschen“ // Deutschland-Start: 8. Dezember 2022 (Kino) // 30. Dezember 2022 (Netflix)

Inhalt / Kritik

Eigentlich lief es gut für den Universitätsprofessor Jack Gladney (Adam Driver), der ein erwiesener Experte zum Thema Hitler ist und dem die Studierenden an den Lippen kleben. Bis sein Leben nach und nach aus den Fugen gerät. So beunruhigt es ihn, dass seine Frau Babbette (Greta Gerwig) heimlich irgendwelche Medikamente schluckt, von denen niemand sagen kann, was sie genau sind und tun. Und dann wäre da noch die Sache mit der schwarzen Wolke, die sich nach dem Unfall eines Tanklasters gebildet hat und nun bedrohlich näherkommt. Zwar versucht Jack, seine Familie zu beruhigen, das wäre alles kein Grund zur Sorge, so rein rational gesehen. Spätestens als alle per Lautsprecher dazu aufgerufen werden, die Gegend zu verlassen, wird es aber auch für seine Familie Zeit, die Koffer zu packen und eine Reise ins Ungewisse zu starten …

Ein umstrittener Coup

Ist Streaming der Tod der Filmindustrie oder Chance etwas Neues zu erschaffen? Wo andere Regisseure und Regisseurinnen noch mit einer sich verändernden Branche hadern, hat sich Noah Baumbach schon früh festgelegt und sein Schicksal an das von Netflix gekettet. Zuerst gab es 2017 das hochgelobte The Meyerowitz Stories, das im Wettbewerb von Cannes lief. 2019 folgte in Venedig das Scheidungsdrama Marriage Story, welches für mehrere Oscars im Rennen war. Eben dort feierte auch sein dritter Film in Folge Premiere, den er exklusiv für den Streamingdienst gedreht hat. Mehr noch, Weißes Rauschen war 2022 sogar der Eröffnungsfilm des altehrwürdigen Festivals, was für sich genommen schon ein sehr starkes Bekenntnis ist. Ein Coup für alle Seiten. Aber auch für das Publikum?

Darüber wird noch kräftig gestritten. Wo die letzten beiden Werke des Filmemachers glänzende Kritiken erhielten, waren die Reaktionen auf Weißes Rauschen deutlich gemischter. Zum Teil dürften die Probleme mit der Vorlage zusammenhängen. Der bereits 1985 veröffentlichte Roman White Noise von Don DeLillo galt nicht ohne Grund als unverfilmbar, wenn dort die Regeln des Geschichtenerzählens aufgehoben wurden. Die wollte beim Postmodernismus niemand mehr haben. Inzwischen sind wieder knapp vier Jahrzehnte vergangen, was damals noch mutig und neu war, wird heute von vielen nur noch als unnötig anstrengend empfunden. Nicht wenige werden das auch über den Film sagen, der sich einen Spaß daraus macht, sich den Erwartungen zu entziehen, die man an einen Film haben kann.

Zwischen allen Genres

Das fängt schon beim Genre an, dessen Einteilung schwerfällt. Am ehesten passt wohl Komödie, genauer eine Satire, da sich Baumbach in vielerlei Hinsicht über seine Mitmenschen lustig macht. Zwischendurch wird es aber auch ernst, todernst sogar. Auch Horror ist zuweilen zu lesen, was zumindest an einer Stelle absolut gerechtfertigt ist, wenn der Film unheimlicher ist als die meisten „richtigen“ Horrorfilme, die jede Woche auf den Markt kommen. Auch Elemente des Mysterythrillers sind zu entdecken, mit einigen Noir-Anleihen. Roadmovie passt auch für die Zeit auf der Flucht. Und dann sind da noch ganz grundsätzliche Überlegungen, die Weißes Rauschen anstößt und bei denen die Zuschauer und Zuschauerinnen angehalten sind, selbst einmal ein paar Fragen zu stellen. Und gerade wenn man denkt, man hätte vielleicht verstanden, worauf das alles hinausläuft, passiert doch etwas anderes, sei es eine alberne Slapstickszene oder ein tänzerischer Ausflug ins Musical.

Damit einher geht ein nicht minder bunter Strauß an Themen, die Baumbach als Sprachrohr DeLillos mit dem Publikum teilt. Mal geht es um Konsumkritik, dann wieder den Umgang mit dem Tod. Der Glaube spielt an einer Stelle ebenso eine Rolle wie die Vergötterung einzelner Menschen. Auch über Fake News darf man nachdenken, in einer Mischung aus realer Kritik und Verschwörungsgroteske. Viel Stoff also, der dazu beiträgt, dass der Film mit einer Laufzeit von weit über zwei Stunden recht aufgebläht ist und herummäandert. Ein Film, der streckenweise großartig ist, streckenweise aber auch etwas selbstverliebt daherkommt. Der es anderen schwermacht, indem er es sich selbst leichtmacht. Für das Ergebnis darf man dankbar sein, gerade auch im Kontext der oft seicht-dümmlichen Netflix-Berieselung. Schauspielerisch ist das sowieso großartig. Gleichzeitig ist es schon etwas enttäuschend, wie sich Weißes Rauschen mit vielen Spielereien beschäftigt und dabei doch bemüht wirkt.

Credits

OT: „White Noise“
Land: USA, UK
Jahr: 2022
Regie: Noah Baumbach
Drehbuch: Noah Baumbach
Vorlage: Don DeLillo
Musik: Danny Elfman
Kamera: Lol Crawley
Besetzung: Adam Driver, Greta Gerwig, May Nivola, Raffey Cassidy, Sam Nivola, Don Cheadle, Lars Eidinger

Bilder

Trailer

Filmfeste

Venedig 2022

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Weißes Rauschen
fazit
„Weißes Rauschen“ ist ein Film, der sein Publikum mit Sicherheit spalten wird. Zwischen zahlreichen Genres herumwandelnd und einem bunten Strauß an Themen bewaffnet ist die Adaption des gleichnamigen Romans ein betont eigensinniges Werk. Das ist immer mal wieder großartig, zumal exzellent besetzt. Aber auch aufgebläht und streckenweise bemüht.
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