Kritik

Familie Willoughby

„Familie Willoughby“ // Deutschland-Start: 22. April 2020 (Netflix)

Die Ahnenreihe der Willoughbys ist lang und ruhmreich, bekannt für große Heldentaten und große Schnurbärte. Voller Sehnsucht starrt Tim deshalb auf die prächtigen Gemälde seiner Vorfahren. Und voller Enttäuschung: Nicht nur, dass ihm selbst noch kein Bart gewachsen ist, es gibt auch keine richtige Familie mehr. Seine Eltern zumindest haben so gar kein Interesse daran, sich um ihn, seine Schwester Jane oder die beiden Zwillinge zu kümmern. Mehr noch, die zwei wären froh, wenn sie die lästige Plage endlich los würden. Umgekehrt wünschten sich auch die vier Kinder, dass die grausamen Schandflecke aus ihrem Leben verschwinden. Und so fassen sie einen Plan: Sie organisieren einen Urlaub für die Eltern, von dem sie nie wieder zurückkommen sollen. Denn dann wären sie Waisen und könnten endlich tun und lassen, was sie wollen. Doch es kommt anders …

Zuletzt hatte Netflix einen echten Lauf, was den Bereich Animation angeht. Mit Ich habe meinen Körper verloren und Klaus finden sich zwei der besten Animationsfilme des letzten Jahres exklusiv auf dem Streamingdienst wieder. Diese Woche ging mit Enthüllungen zu Mitternacht zudem eine Serie online, wie sie mit keiner anderen zu vergleichen ist. Während die großen Studios angesichts astronomischer Budgets keine Risiken mehr eingehen wollen, da wird hier auch kleineren, ungewöhnlichen Produktionen einen Chance gegeben. Da reiht sich Familie Willoughby schön ein, das eine interessante Mischung aus Bewährtem und Überraschendem bereithält.

Die sehen komisch aus!
Schon die Designs der Figuren stechen aus dem oft eintönigen Angebot der CGI-Animationsfilme hervor. Die langen Nasen, die eher an Vogelschnäbel erinnern, die – gelinde gesagt – gewöhnungsbedürftigen Frisuren, auch bei den Proportionen ist einiges irgendwie seltsam. Manchmal meint man eher, einen Film der englischen Stop-Motion-Experten von Aardman zu sehen. Dazu passen auch die Animationen, die teilweise so abgehackt sind, als würden Puppen durch die Gegend bewegt. Ohnehin, visuell ist Familie Willoughby eine einzige Entdeckung: Das kanadische Studio Bron Animation verwendet eine Vielzahl von Stilen, eigenwillige Perspektiven, zeigt uns die seltsame Welt aus Sicht der Kinder – was manchmal dann auch knallbunt und surreal sein kann.

Doch es ist nicht nur die Optik, die Familie Willoughby zu einer echten Alternative macht. Auch inhaltlich hebt sich die Adaption eines Buches von Lois Lowry von der Konkurrenz animierter Familienfilme ab. Das wird zu Beginn auch angekündigt, wenn der Erzähler der Geschichte – eine blaue Katze – das Publikum darauf vorbereitet, dass hier einiges anders ist. Tatsächlich ist die Grundsituation, dass Kinder von ihren Eltern vernachlässigt bis misshandelt werden, kein üblicher Stoff für einen solchen Film. Wenn diese besagten Kinder ihre Eltern nun in den Urlaub und damit den vermeintlich sicheren Tod schicken, muss man auch schon mal ein bisschen schlucken – zumal das mit der Nonchalance alter Cartoons geschieht. Da werden Erinnerungen an die Looney Toons oder auch Tom und Jerry wach.

Nicht alle können gut sein
Das ist auch irgendwie naheliegend, verhalten sich die Eltern doch wie Bösewichter aus solchen alten Cartoons. Wo Animationsfilme von heute meistens mit einem gewissen Lernprozess einhergehen, an dessen Ende immer alles gut ist, da traut sich Familie Willoughby noch zu sagen: Stimmt nicht. Hinter den bunten Bildern und dem komischen Chaos ist die Aussage versteckt, dass nicht alles gerettet werden kann. Dass es manchmal besser ist, Dinge hinter sich zu lassen und etwas Neues zu suchen, anstatt um jeden Preis das Vorhandene bewahren zu wollen. Das ist einerseits traurig, andererseits auch heilsam, wenn einem schon früh bewusst gemacht wird, dass man nicht auf alles einen Einfluss hat. Schon gar nicht als Kind.

Trotz dieses ernsten und tragischen Kerns will der Film jedoch in erster Linie Spaß machen. Das tut er auch, weitgehend. Immer wieder geraten die Kinder in absurde Situationen, tauchen eigenartige Figuren auf oder geht alles schief, was schief gehen kann – manchmal auch mehr. Das neigt manchmal zu Wiederholungen, etwa bei manchen Gags. Und so ganz mag sich Familie Willoughby auch nicht von den Gesetzen und Erwartungen eines Kinderfilms lösen, es gibt durchaus einige Konventionen, die eingehalten werden. Aber auch wenn das inhaltliche Feuerwerk nicht ganz mit dem visuellen gleichziehen kann, der Titel ist unterhaltsam und warmherzig, ein würdiges neues Mitglied in der Netflix-Ahnengalerie.

Credits

OT: „The Willoughbys“
Land: Kanada, USA
Jahr: 2020
Regie: Kris Pearn, Rob Lodermeier
Drehbuch: Kris Pearn, Mark Stanleigh
Vorlage: Lois Lowry
Musik: Mark Mothersbaugh
Animation: Bron Animation

Bilder

Trailer

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Familie Willoughby
3.94 (78.75%) 16 Artikel bewerten

Familie Willoughby
Vier Kinder leiden unter ihren Eltern und versuchen diese deshalb loszuwerden: „Familie Willoughby“ ist ein Animationsfilm, der sich sowohl visuell wie auch inhaltlich von dem Einerlei der westlichen CGI-Werke unterscheidet. Unterhaltsam, dabei mit einem ernsten Hintergrund, ist die Buchadaption ein schöner Geheimtipp, selbst wenn es dabei zu Wiederholungen kommt und nicht alle Konventionen gebrochen werden.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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