Kritik

Der endlose Graben la trinchera infinita The Endless Trench Netflix

„Der endlose Graben“ // Deutschland-Start: 28. Februar 2020 (Netflix)

Higinio (Antonio de la Torre) und Rosa Blanco (Belén Cuesta) sind noch nicht lange ein Paar, als die junge Beziehung auf eine große Probe gestellt wird: Der spanische Bürgerkrieg ist ausgebrochen und die Männer von General Francisco Franco machen gnadenlos Jagd auf die Republikaner – darunter auch Higinio. Um deren Gewalt zu entkommen, beschließt der, sich in einem kleinen Loch in ihrem Zuhause zu verstecken, nur so lange, bis die Lage sich wieder beruhigt hat. Doch was anfangs als vorübergehende Maßnahme gedacht war, dauert während der Diktatur Francos bald Wochen, Monate, sogar Jahre und wird so zu einer fortlaufenden Prüfung für das Paar …

Um das eigene Portfolio aufzustocken kauft Netflix bekanntlich in der ganzen Welt Filme und Serien ein, als Ergänzung für die selbst produzierten Titel. Zuletzt waren da jede Menge Werke aus Spanien oder lateinamerikanischen Ländern dabei. Das ist ganz schön, um so ein bisschen den Horizont des Publikums zu erweitern, in der Theorie zumindest. In der Praxis dürften die Auswirkungen aber hierzulande überschaubar sind, da Netflix oft auf deutsche Synchronisationen verzichtet, allenfalls schrecklich komische englische Fassungen anbietet – sieh zuletzt Spectros und Omas Hochzeit.

Preisgekröntes Drama
Bei Der endlose Graben investierte man dann aber doch wieder in eine lokalisierte Fassung, was ein gewisses Vertrauen in den Titel demonstriert. Daran mag das große Kritikerlob in Spanien einen Anteil haben: Bei der Premiere auf dem renommierten San Sebastián International Film Festival 2019 erhielt das Drama Preise für Regie und Drehbuch, bei den Goya Awards, dem wichtigsten Filmpreis des Landes, war es fünfzehn Mal nominiert. Aus den Nominierungen wurden zwar letztendlich nur zwei Preise – beste Hauptdarstellerin und bester Ton –, da die Konkurrenz von Leid und Herrlichkeit zu groß war. Dennoch, das Versprechen auf qualitative Unterhaltung ist da.

Glücklicherweise hält Der endlose Graben dieses Versprechen auch, wenn uns der Film mit in eine düstere Periode der spanischen Geschichte nimmt. Dabei ist es weniger der Bürgerkrieg noch die anschließende Diktatur Francos, die hier im Mittelpunkt stehen. Von beidem bekommen wir nur am Rand mit. Aus gutem Grund: Nach einer nervenaufreibenden Jagd zu Beginn des Films, in der Higinio und andere Republikaner durch die engen Straßen flüchten, spielt sich ein Großteil des Geschehens in dem Haus ab. Mehr noch, viele Szenen finden sogar nur innerhalb des Loches statt, das man mit viel Wohlwollen als Gang bezeichnen könnte. Von diesem aus beobachtet der Protagonist die Welt, zumindest den winzigen Ausschnitt, den er noch zu Gesicht bekommt.

Viele Themen auf engem Raum
Der endlose Graben verknüpft auf diese Weise gleich mehrere Themen. Auf der einen Seite zeigt der Film die Geschichte des Landes, erzählt anhand einzelner Szenen, wie sich Spanien im Laufe der Jahrzehnte verändert. Darüber hinaus handelt es sich natürlich um ein Gefängnisdrama. Denn auch wenn es hier keine Gitter und keine Wärter gibt, so ist Higinio auf engem Raum gefangen, was dem Film eine äußerst klaustrophobische Atmosphäre verleiht. Vor allem aber hat das Regietrio Aitor Arregi, Jon Garaño und Jose Mari Goenaga hier ein sehr persönliches Drama vorgelegt, das vorführt, welche Auswirkungen die Situation auf die Beziehung der beiden hat – ist Rose doch ebenso eine Gefangene von ihr, wie es Higinio ist.

Das ist sehr gut gespielt, von beiden. Antonio de la Torre (El Autor) und Belén Cuesta (Trotz allem) führen vor Augen, dass auch die größte Liebe an den Umständen zerbrechen kann, wenn Zuneigung und Abscheu, Fürsorge und Misstrauen auf tragische Weise miteinander verschmelzen. Teilweise ist der Film auch ausgesprochen spannend, wenn immer die Gefahr besteht, dass das Versteck auffliegt und Higinio doch noch entdeckt wird. Ganz bis zum Schluss bleibt diese Spannung aber nicht, die beachtliche Laufzeit von knapp zweieinhalb Stunden lässt das nicht zu. Zwar wurde beim Drehbuch versucht, durch diverse Begegnungen die Abwechslung hochzuhalten. Doch das wirkt oft eher etwas übertrieben. Trotz dieser gelegentlichen Längen ist Der endlose Graben aber eine Bereicherung im Netflix-Angebot, erzählt eine interessante Geschichte, die von vielen weiteren inspiriert wurde und dennoch unglaublich wirkt.

Credits

OT: „La trinchera infinita“
IT: „The Endless Trench“
Land: Spanien, Frankreich
Jahr: 2019
Regie: Aitor Arregi, Jon Garaño, Jose Mari Goenaga
Drehbuch: Luiso Berdejo, Jose Mari Goenaga
Musik: Pascal Gaigne
Kamera: Javier Agirre
Besetzung: Antonio de la Torre, Belén Cuesta

Trailer



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Der endlose Graben
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Der endlose Graben
„Der endlose Graben“ nimmt uns mit in das Spanien der 1930er, als ein Mann sich vor den Männern des Generals Franco versteckt und nun gezwungen ist, viele Jahre hinter einer Wand zu leben. Der Film kombiniert historische Aspekte mit Elementen des Gefängnisdramas, erzählt aber vor allem, was es für den Protagonisten und seine Frau bedeutete, ein jahrelanges Leben in Isolation und Angst zu führen.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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