Kritik

Der weiße Tiger The White Tiger Netflix

„Der weiße Tiger“ // Deutschland-Start: 22. Januar 2021 (Netflix)

Von klein auf wurde der in einem kleinen Dorf aufgewachsene Balram Halwai (Adarsh Gourav) dazu erzogen, anderen Menschen zu dienen. Und so geht sein größter Wunsch in Erfüllung, als er zum persönlichen Fahrer von Ashok (Rajkumar Rao) und seiner Frau Pinky (Priyanka Chopra-Jonas) wird, die gerade aus New York nach Indien zurückgekehrt sind. Diese sind von der unbeirrbaren Unterwürfigkeit Balrams irritiert, war ihr Leben in den USA schließlich ganz anders. Mit der Zeit spielt sich das Verhältnis aber ein, jeder hat seine Position gefunden. Doch dann geschieht eines Tages ein großes Unglück, was in Balram einen Denkprozess in Gang setzt und ihn erkennen lässt, dass dieses festgelegte System nicht die einzige Möglichkeit ist …

Eine unwahrscheinliche Erfolgsgeschichte

Die Geschichte eines indischen Chauffeurs? Das klingt jetzt erst einmal nicht nach Material, um im Westen die Massen zu erreichen. Und doch gelang es Arvind Adiga mit seinem 2008 veröffentlichten Debütroman The White Tiger nicht nur den renommierten Man Booker Prize zu gewinnen, einen der wichtigsten Literaturpreise der englischsprachigen Welt. Das Buch schaffte es sogar auf die Bestsellerliste der New York Times. Insofern überraschte es schon ein wenig, dass es so lange dauerte, bis aus dem gefeierten Roman ein Film wurde. Und auch dass Der weiße Tiger ein Netflix Original ist, kommt für einige eventuell unerwartet. Tatsächlich ist der Streamingdienst aber durchaus für indische Geschichten zu haben, in den letzten Jahren wurden eine Reihe von Filmen und Serien aus dem Vielvölkerstaat in alle Welt exportiert – darunter sehr düstere Titel wie Leila.

Und düster ist Der weiße Tiger, auch wenn es eine Weile dauert, bis das ganz klar wird. Der Film erzählt dabei, kommentiert von einem Balram der Gegenwart, wie dieser von einem kleinen Jungen zu einem Fahrer und später zu einem Unternehmer wurde. Der Hauptteil nimmt dabei seine Zeit bei Ashok und Pinky ein. Die erlaubte ihm nicht nur, richtiges Geld zu verdienen und seine Berufung als Diener zu finden. Sie ist auch prägend, weil er im Laufe seiner Dienstjahre erkennt, dass vieles von dem, was er für unumgänglich hielt, das gar nicht ist. Die Kasten, welche eine starre Hierarchie in Indien bilden, aus denen niemand entkommen kann, sie sind nicht allein gesellschaftliche, sondern oftmals psychologische Konstrukte. So ist Balram nicht nur unterwürfig, weil andere es von ihm erwarten, sondern weil er diese Vorstellung so sehr verinnerlicht hat, dass er gar nicht auf die Idee kommt, es könnte anders sein.

Kommentare voller Spott

Daraus hätte man einen sehr wütenden Film machen können, der die Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten bitter anklagt. Aber auch eine zum Kitsch neigende Wohlfühl-Tragikomödie wäre denkbar gewesen, wenn es doch um jemanden geht, der eben diesen Graben überwindet und trotz aller Widerstände seinen Weg macht. Der weiße Tiger ist keins von beidem. Stattdessen hält die Adaption den Ton der Vorlage bei, die mit beißendem Spott genüsslich ein Land seziert, das von Widersprüchen bestimmt ist. Immer wieder geht es darum, dass die Leute ihren Platz kennen müssen, dass es Regeln gibt, wer wer zu sein hat. Gleichzeitig vergeht kaum eine Szene, in der nicht irgendjemand diese Regeln bricht, sei es durch Intrigen oder auch reine Korruption. Am Ende bestimmt derjenige, der das Geld hat.

Der Reiz von Der weiße Tiger liegt dabei einerseits in dem besagten Humor, wenn der spätere Balram so gar kein Blatt vor den Mund nimmt. Er liegt aber auch in dem offensichtlichen Konflikt zwischen dem, was Balram sagt und dem, was zu sehen ist. Der Fahrer lässt sich nahezu alles gefallen, lächelt selbst dann, wenn er mal wieder auf unwürdige Weise beschimpft wurde. Als allgemeiner Erzähler wiederum ist klar, dass es irgendwann zu einer Wende kommen muss, denn das gibt der Rahmen vor. Wer die Geschichte des Romans nicht schon kennt, darf sich deshalb immer wieder wundern, wann es so weit ist und wie weit der Protagonist sich noch erniedrigen muss, bevor er seine Zähne zeigt. Das bedeutet gut Spannung, umso mehr, da der Film beim Schlusslauf richtig finster wird.

Der weiße Tiger lebt dabei natürlich schon von seinen Beobachtungen und den genauen Beschreibungen des heutigen Indiens. Die Geschichte selbst ist aber universell genug, um auch ein internationales Publikum zu finden. Gerade die weltweit wachsende Kluft zwischen Arm und Reich machen die Abenteuer des Fahrers zu einem, bei dem man leicht selbst mitfiebern kann. Machen den Aufstand des kleinen Mannes zu einer Genugtuung. Regisseur und Drehbuchautor Ramin Bahrani, durch Filme wie 99 Homes bereits bestens vertraut mit sozialem Brennstoff, gelingt mit dieser etwas anderen Aufsteigerstory sehr gut die Balance aus purer Unterhaltung und Nachdenklichkeit, aus Amüsement und Schmerz, wenn wir einer Zukunft entgegenfahren, in der die alten Regeln außer Kraft gesetzt wurden – zumindest zum Teil.

Credits

OT: „The White Tiger“
Land: USA, Indien
Jahr: 2021
Regie: Ramin Bahrani
Drehbuch: Ramin Bahrani
Vorlage: Arvind Adiga
Musik: Danny Bensi, Saunder Jurriaans
Kamera: Paolo Carnera
Besetzung: Adarsh Gourav, Rajkummar Rao, Priyanka Chopra, Mahesh Manjrekar, Vijay Maurya

Bilder

Trailer

Kaufen/Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.




(Anzeige)

Der weiße Tiger
„Der weiße Tiger“ erzählt mit viel Spott, aber auch bitteren Momenten von einem einfachen indischen Mann, der als Fahrer seine Berufung findet, später aber mehr will. Die Adaption des gleichnamigen Bestsellers zeichnet dabei das Bild eines widersprüchlichen Indiens, in dem jeder nur für sich kämpft. Das ist unterhaltsam und spannend, scheut sich dabei nicht davor zurück, auch richtig hässlich zu werden.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Hinterlasse eine Antwort