Kritik

Die Ausgrabung The Dig Netflix

„Die Ausgrabung“ // Deutschland-Start: 29. Januar 2021 (Netflix)

England im Jahr 1939: Schon länger ist die an Archäologie interessierte vermögende Witwe Edith Pretty (Carey Mulligan) davon überzeugt, dass in den Grabhügeln auf ihrem Anwesen Schätze verborgen sein könnten. Als sie Basil Brown (Ralph Fiennes), der seit seiner Kindheit selbst leidenschaftlich gräbt, damit beauftragt, dort einmal genauer nachzuschauen, ist der schnell Feuer und Flamme. Tatsächlich dauert es nicht lange, bis er fündig wird und jahrhundertealte Überreste darin findet, darunter ein ehemaliges Schiff. Das wiederum ruft den Archäologen Charles Phillips (Ken Stott) auf den Plan, der im Auftrag des Britischen Museums schnell die Leitung der Ausgrabung in Anspruch nimmt. Und das nicht der einzige Grund, weshalb das Unterfangen immer wieder von Konflikten begleitet wird …

Faszination Vergangenheit

Die Vorstellung vergessener Schätze, die irgendwo versteckt sind und nur darauf warten, von uns entdeckt zu werden, hat schon immer die Fantasie der Menschen beflügelt. Nicht ohne Grund wurden gerade früher viele Abenteuerfilme gedreht, an deren Ende die Bergung von Gold, Juwelen oder Überreste vergangener Zivilisationen standen. Inzwischen sind solche Filme eher selten geworden, auch weil die technischen Möglichkeiten zu groß wurden, die heutigen Landkarten zu detailliert. Man hat einfach das Gefühl, dass spektakuläre Entdeckungen nicht mehr so wirklich wahrscheinlich sind. Umso größer ist dann die Freude, wenn doch mal wieder etwas gefunden wurde, ägyptische Grabkammern beispielsweise.

Der Netflix-Film Die Ausgrabung lebt von dieser Faszination und Entdeckerfreude, wenn hier die Geschichte von Sutton Hoo erzählt wird, einer bedeutenden Ausgrabungsstätte in England, die zurückgeht auf das 6./7. Jahrhundert nach Christus. Das Besondere ist, dass diese Schätze nicht in einem weit entfernten Land versteckt waren. Es gab keine gefährlichen Expeditionen, bei denen raffinierte Fallen überwunden werden mussten. Stattdessen befanden sie sich in zuvor wenig beachteten Hügeln auf einem ganz gewöhnlichen Grundstück, an denen zuvor unzählige Menschen vorbeigekommen waren, ohne etwas zu ahnen. Erst Edith Pretty, die einem Gefühl folgend einen Experten zu Rate zog, brachte den Stein ins Rollen.

Die Ausgrabung hält sich dabei aber nur zum Zeit an das tatsächliche historische Unterfangen. Vielmehr basiert der Film auf dem Roman von John Preston, dessen Tante damals ebenfalls an den Ausgrabungen beteiligt war. Diese fiktionalisierte Fassung der Ereignisse ist gar nicht so sehr an den konkreten Funden interessiert. Vielmehr liegt der Fokus auf den Menschen, deren Zusammenarbeit und Leidenschaft diese Funde erst möglich gemacht hat. Anfangs sieht es dabei noch danach aus, als würde sich das Drama dabei vor allem um Pretty und Brown drehen. Sogar die Ahnung einer Romanze liegt in der Luft. Stattdessen erweitert sich das Team ständig, immer mehr Leute kommen hinzu, alle mit eigenen Geschichten und Themen.

Eine Geschichte über Menschen

Peggy Piggott (Lily James), besagte Tante von Preston, wird zum Beispiel herangezogen, um die Position von Frauen in der Archäologie weiter zu beleuchten – schließlich ist sie die einzige, die tatsächlich im Dreck wühlt. Eingebaut wird dies in ein Liebesdreieck und eine größere Geschichte um Selbstbehauptung. Der nahende Zweite Weltkrieg liegt über allem, wird beispielsweise Rory Lomax (Johnny Flynn) beeinflussen. Später rückt Robert Pretty (Archie Barnes) stärker in den Vordergrund, der Sohn der Witwe. Damit verbunden ist der tieftraurige Nebenstrang um ihren nahenden Tod. Doch Die Ausgrabung macht daraus nicht das große Melodram, sondern findet in der Beschäftigung mit der Vergangenheit Trost. So wie die Vergangenheit durch die Funde wieder lebendig wird, so wird auch die Schwerkranke ein Teil der Geschichte, deren Spuren ihren Tod überdauern werden.

Das klingt natürlich schon ein wenig nach Kitsch. Zusammen mit der nicht gerade zurückhaltenden Musik und den schwelgerischen Bildern der englischen Landschaft gerät der Film immer wieder gefährlich in dessen Nähe. Am Ende gelingt es Regisseur Simon Stone (Die Wildente) aber immer wieder, doch noch rechtzeitig die Kurve zu bekommen. Auch dank des ausdrucksstarken Ensembles ist Die Ausgrabung ein schöner Film geworden, der einerseits die Faszination und Leidenschaft für eine Geschichte veranschaulicht, die größer ist als jeder und jede einzelne, doch dabei das Individuum nicht aus den Augen verliert. Er ermuntert zudem dazu, selbst wieder mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und nach Schätzen Ausschau zu halten. Denn manchmal sind sie näher, als man denkt.

Credits

OT: „The Dig“
Land: UK, USA
Jahr: 2021
Regie: Simon Stone
Drehbuch: Moira Buffini
Musik: Stefan Gregory
Kamera: Mike Eley
Besetzung: Carey Mulligan, Ralph Fiennes, Lily James, Johnny Flynn, Ben Chaplin, Ken Stott, Archie Barnes, Monica Dolan

Bilder

Trailer

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Die Ausgrabung
„Die Ausgrabung“ erzählt die fiktionalisierte Geschichte eines spektakulären Fundes im England der späten 1930er. Das Drama legt dabei seinen Schwerpunkt gar nicht so sehr auf den Schatz an sich, sondern vielmehr die Leute, die bei der Ausgrabung beteiligt waren, und deren Schicksale. Dann und wann rückt das zwar dem Kitsch etwas nahe, ist letztendlich aber doch ein schöner Film mit zahlreichen Themen, der die Faszination für die Vergangenheit gelungen wiedergibt.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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