Kritik

Enola Holmes Netflix

„Enola Holmes“ // Deutschland-Start: 23. September 2020 (Netflix)

Eigentlich hätte der Tag etwas ganz Besonderes werden soll, man wird schließlich nur einmal 16. Der von Enola Holmes (Millie Bobby Brown) ist es auch, aber nicht ganz so wie gedacht. Als sie an dem Morgen aufwacht, stellt sie fest, dass ihre Mutter Eudoria (Helena Bonham Carter) verschwunden ist und ihr eine Reihe seltsamer Geschenke hinterlassen hat. Aber weshalb? Und wohin ist sie gegangen? Während ihre beiden berühmten Brüder Sherlock (Henry Cavill) und Mycroft (Sam Claflin) noch darüber diskutieren, was mit dem wenig damenhaften Wildfang anzufangen ist, beschließt Enola, sich auf die Suche nach ihrer Mutter zu machen – zur Not eben allein. Dabei macht sie die Bekanntschaft des jungen Tewkesbury (Louis Partridge), der auf der Flucht ist und dessen Wege sie noch häufiger kreuzen wird …

Frauen an die Front! In den letzten Jahren ist das Bewusstsein gewachsen, dass Filme und Serien sowohl hinter wie auch vor der Kamera mehr starke Frauen vertragen können. Zu lange war das vermeintlich schwache Geschlecht auf Rollen der Mutter oder der Damsel in Distress beschränkt, Rollen, deren Daseinsberechtigung lediglich durch andere Figuren erfolgte. Das bedeutete zum einen, dass jetzt vielfältigere, eigenständigere Charaktere entworfen werden müssen – was nicht unbedingt bei allen auf Gegenliebe stößt. Zum anderen gibt es das Phänomen, dass langlebige, etablierte Franchises auf einmal die männlichen Hauptfiguren durch weibliche ersetzt werden. Das führte gerade bei Ghostbusters zu einem Sturm der Entrüstung. Ein anderes Beispiel ist Die drei !!!, die Mädchen-Variante der Kultreihe Die drei ???.

Eine junge Heldin, neu entdeckt
Der neueste Fall ist der Netflix-Film Enola Holmes. Wobei, ganz neu ist die Idee eigentlich nicht. Tatsächlich erschien der erste Band der zugrundeliegenden Buchreihe von Nancy Springer bereits 2006, also lange vor dem aktuellen Trend. Angekündigt wurde der Film schon Anfang 2018, war ursprünglich auch fürs Kino gedacht, bis er dann doch aufgrund der Corona-Welle beim Streamingdienst landete. Dass er überhaupt erscheint, ist dabei zweifelsfrei ein Gewinn fürs Publikum. Dieses muss sich jedoch darauf einstellen, dass bei der ersten Geschichte um Sherlock Holmes’ jüngere Schwester einiges anders ist, als man es aus den „normalen“ Auftritten des Meisterdetektivs gewohnt ist. So zeigt er hier nicht nur eine ungewohnt emotionale Seite, was zu einem bizarren Rechtsstreit geführt hat. Er spielt zudem nicht wirklich eine Rolle.

Stattdessen ist alles auf die junge Protagonistin zugeschnitten. Anders als bei so manchem Geschlechtertausch bekannter Werke hat die Veränderung hier aber tatsächliche Auswirkungen. So handelt Enola Holmes maßgeblich davon, sich als Frau in einer von Männern dominierten Welt durchzusetzen. Der Film spielt dabei einerseits mit dem bewährten Gegensatz von einer freiheitsliebenden Jugendlichen, die so gar nicht in das steife, auf Konformität bedachte Umfeld passt. Wenn die Titelheldin ihre Jiu-Jitsu-Kenntnisse anwendet, dann ist das nun einmal nicht besonders ladylike. Das Thema weiblicher Selbstbestimmung wird aber auch offen angesprochen, gerade im Zusammenhang mit Elonas Mutter, welche sie zu einer starken, unabhängigen Frau zu erziehen versucht, in einer Welt, in der für solche kein wirklicher Platz ist.

Zwischen allen Stühlen
Der zweite große Unterschied ist der, dass Enola Holmes für ein jüngeres Publikum gedacht ist, so wie seinerzeit die Bücher von Springer. Allerdings hat Regisseur Harry Bradbeer, sonst im Serienbereich unterwegs, so seine Mühe, das auch konsequent durchzuhalten. An manchen Stellen wird der Film durchaus düster. Hinzu kommt, dass die Geschichte einen speziellen historischen Kontext hat, der aber so wenig ausgeführt wird, dass das Ergebnis nichts Halbes und nichts Ganzes ist. Beim Kriminalaspekt heißt es ebenfalls Abstriche zu machen. Die Komplexität eines Sherlock-Falls gibt es hier nichts. Zwar wird immer wieder behauptet, dass Elona eine begnadete Detektivin ist, die sich nicht hinter ihrem berühmten älteren Bruder verstecken muss. Sie bekommt aber zu wenig Gelegenheit, das auch zu zeigen, da wird bei der Spurensuche so manche Abkürzung genommen.

Dafür ist Enola Holmes sehr charmant und liebevoll gemacht, schön ausgestattet, zudem mit gelegentlichem Humor aufgelockert. Millie Bobby Brown (Stranger Things, Godzilla II: King of the Monsters) gelingt es auch, den Film mühevoll zu tragen, ohne sich von ihren deutlich erfahreneren und bekannteren Kollegen und Kolleginnen überschatten zu lassen. Wenn sie sich gegen andere auflehnt, einen eigenen Weg sucht, dabei schon mal die Vierte Wand durchbricht, macht es Spaß, ihr dabei zuzusehen. Allerdings kann auch sie nicht verhindern, dass nach dem turbulenten Start in der zweiten Hälfte ein wenig die Luft ausgeht. Inhaltlich ist da also durchaus noch Luft nach oben. Aber der Einstieg macht Lust auf mehr. Gegen eine bereits angedachte Fortsetzung wäre also nichts einzuwenden, auch wenn man sich dann nicht mehr ganz so sehr auf der feministischen Note ausruhen kann und doch mehr Stoff bieten muss.

Credits

OT: „Enola Holmes“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Harry Bradbeer
Drehbuch: Jack Thorne
Vorlage: Nancy Springer
Musik: Daniel Pemberton
Kamera: Giles Nuttgens
Besetzung: Millie Bobby Brown, Henry Cavill, Sam Claflin, Helena Bonham Carter, Louis Partridge

Bilder

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Enola Holmes
„Enola Holmes“ stellt uns die jüngere Schwester des großen Detektivs vor, die hier unter Beweis stellen darf, dass sie das Familientalent geerbt hat. Die feministische Geschichte um eine Jugendliche, die sich in der Männerwelt durchsetzen muss, ist sympathisch und liebevoll umgesetzt, hat in der zweiten Hälfte jedoch so seine Längen und ist als Krimi eher dünn.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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