What If Netflix

„What/If – Staffel 1“ // Deutschland-Start: 24. Mai 2019 (Netflix)

Fast hat sie es geschafft, Lisa Ruiz Donovan (Jane Levy) steht mit ihrer Firma Emigen kurz davor, einen wichtigen Beitrag zur Heilung von Krebs zu entwickeln. Es fehlt ihnen nur an Geld, alle Versuche, Investoren von ihrem Vorhaben zu überzeugen, sind fehlgeschlagen. Als sie sich nach einer erneuten Niederlage bei ihrem Mann Sean (Blake Jenner) ausweint, der gerade in einer Bar ausschenkt, wird die einflussreiche und schwerreiche Investorin Anne Montgomery (Renée Zellweger) auf die beiden aufmerksam. Tatsächlich macht sie dem völlig verschuldeten und verzweifelten Paar das Angebot, bei ihrem Unternehmen einzusteigen. Unter einer Bedingung: eine Nacht mit Sean.

Die Idee hinter What/If ist nicht uninteressant: Jede Staffel der neuen Netflix-Serie erzählt eine völlig eigene Geschichte, die sich um Fragen der Moral drehen sollen. Zum Auftakt gibt es eine, die wir nur zur Genüge kenne – wie viel sind wir bereit, für Geld zu tun? Die wurde in der einen oder anderen Form schon oft gestellt. Das offensichtliche Vorbild hier ist Ein unmoralisches Angebot. Damals war es Robert Redford, der in der Rolle eines Milliardärs einen verschuldeten Paar für eine Nacht mit der Frau eine Million Dollar in Aussicht stellte. Dieses Mal sind die Geschlechterrollen vertauscht, in Zeiten von #MeToo dürfen auch reifere Damen mal so richtig ihre Macht missbrauchen.

Heiligt der Zweck die Mittel?
Ein paar andere Unterschiede gibt es aber auch. Wo beim Film oben das Unglück hausgemacht war und die Motivation für das Geld rein egoistisch bestimmt – ich will ein schönes Haus! –, da soll hier mit dem Geld die Welt gerettet werden. Und die Eltern gleich mit, die sich für das Töchterchen verschuldet haben und nun im Begriff sind alles zu verlieren. Während es das kommerziell immens erfolgreiche, von Kritikern weniger wohlwollend aufgenommenes Drama dem Publikum recht einfach machte, sich moralisch überlegen zu fühlen, da ist das bei What/If deutlich schwieriger. Hier ist eher die Frage: Wäre es nicht egoistisch von dem Paar, das Angebot abzuschlagen und damit alle anderen leiden zu lassen? Sind sie nicht vielleicht sogar moralisch dazu verpflichtet, sich unmoralisch zu verhalten?

Darüber hätte man tatsächlich länger nachdenken können. Tut hier aber keiner. Schon in der ersten Folge ist das Kind in den Brunnen gefallen, Sean in die Arme der undurchsichtigen Anne. Stattdessen interessiert sich Serien-Schöpfer Mike Kelley dafür, wie das Paar mit der Situation umgeht. Auch daraus hätte man etwas machen können, da die vertragliche Vereinbarung einen besonders fiesen Passus enthält: Lisa und Sean dürfen nicht darüber reden, was in der Nacht geschehen ist, sonst müssen sie das Geld zurückgeben. Auch diese Situation hätte spannend sein können, wenn wir ein langsam in sich zusammenfallendes Paar beobachten, zerstört von einem Geheimnis, über das niemand reden darf. Von der Ungewissheit, was genau eigentlich in der Nacht vorgefallen ist. Doch auch hier versagt What/If.

Ein perfides Geduldsspiel
Was also tut die Serie stattdessen? Antwort: sehr viel und gleichzeitig nicht genug. Die eigentliche Hauptgeschichte hätte man problemlos in drei bis vier Folgen erzählen können, werden hier aber auf qualvolle Weise auf zehn Episoden gestreckt – das übliche Netflix-Muster eben. Dafür werden noch eine Reihe von Nebenhandlungen eingeführt, die ein ganzes Fass von Problemen aufmachen: dunkle Geheimnisse, nicht bewältigte Traumata, Ehebruch, Gewalttätigkeit. Viele Figuren gibt es in What/If nicht, sie alle aber sind auf ihre Weise kaputt. Das ist in dieser Konzentration natürlich völlig lächerlich, was als Psycho-Thriller verkauft werden soll, ist eine auf glamourös gemachte, letztendlich billige Seifenoper, in der es nur schöne Menschen gibt, die alle etwas Hässliches tun. Und just wenn man denkt, das könnte alles nicht schlimmer kommen, baut die Serie noch einen Twist ein, der einen das Drehbuchteam auf Schmerzensgeld verklagen lassen möchte.

Nun kann ein bisschen überzogener Schund durchaus Spaß machen, wie das zeitgleich auf Netflix veröffentlichte The Perfection gezeigt hat. Und zumindest manchmal trifft das auch auf What/If zu, vor allem wenn Renée Zellweger (Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück) in einer für sie völlig ungewohnten Rolle das laszive Monster verkörpert, das gern mit den Menschen spielt, ihre Schwachstellen findet und manipuliert. Nur kommt auch sie nicht gegen die Schwachstellen des dünnen Gaga-Drehbuchs an. Die Serie ist oft langweilig, zwischendurch ein Ärgernis, wenn sich jeder hier für ab- oder tiefgründig hält, indem Trash voller Selbstüberzeugung ein paar schöne Schlagworte angeklebt werden. Das hätte alles lustig sein können oder spannend, bewegend oder provokativ. Das einzige, was hier provoziert wird, sind jedoch ein Gähnen und der Griff zur Fernbedienung, um dem Elend ein Ende zu setzen.



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What/If – Staffel 1
1.79 (35.75%) 240 Artikel bewerten

What/If – Staffel 1
„Ein unmoralisches Angebot“ im Serienformat? Kann man machen, zumal „What/If“ ein paar interessante Aspekte hinzufügt. Am Ende wird daraus aber nichts gemacht. Die spannenden Fragen werden fallengelassen, stattdessen gibt es billiges Seifenoper-Drama, das sich in völliger Fehleinschätzung für abgründig hält. Sehenswert ist das in erster Linie für eine lasziv-bösartige Renée Zellweger – oder die völlig überzogenen Twists, wenn einem der Sinn nach Glamour-Schund steht.
4von 10

Eine Antwort

  1. Gernhart Reinholzen

    Filme und Serien sollen in erster Linie unterhalten und das konnte die Serie durchaus. Soundtrack, Schauspieler und gewisse Teile der Geschichte haben mir sehr gut gefallen. Ich erwarte nicht von jedem Netflix Titel eine Cineastische Meisterleistung und fand die Serie deshalb in Ordnung. Gewisse Teile der Kritik sind sicherlich gerechtfertigt aber der Autor übertreibt hier maßlos.

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