Kritik

Ragnarök

„Ragnarök – Staffel 1“ // Deutschland-Start: 31. Januar 2020 (Netflix)

Magne (David Stakston) und Laurits (Jonas Strand Gravli) hätten sich bestimmt einen spannenderen Ort vorstellen können als Edda. Doch ausgerechnet an den werden sie von ihrer Mutter geschleppt, um dort ein neues Leben zu beginnen. Eine norwegische Kleinstadt, mitten im Nirgendwo. Vor allem der freundliche, aber introvertierte Magne tut sich etwas schwer damit, Anschluss zu finden, neigte er doch schon immer dazu, ein Außenseiter zu sein. Dabei ist er durchaus etwas Besonderes, wie er kurze Zeit später feststellt, hat er doch plötzlich übermenschliche Kräfte entwickelt. Und er ist nicht der einzige, in Edda sind auch andere nicht ganz das, als das sie erscheinen …

Während es nun nicht gerade einen Mangel an neuen Titeln gibt, die Netflix auf der ganzen Welt produziert oder zumindest einkauft, ist der Norden Europas bislang noch ein wenig unterrepräsentiert. Ein paar interessante Werke finden sich zwar schon in den Tiefen des Archivs, etwa die Endzeitserie The Rain aus Dänemark oder das schwedische Krimidrama Quicksand – Im Traum kannst du nicht lügen, welches die Hintergründe eines Schulamoklaufs rekonstruiert. Aber das dürfte gern noch mehr sein. Mit Ragnarök kommt nun ein neuer Anwärter auf ein Binge-Wochenende. Und zumindest das Thema ist vielversprechend: die aus der nordischen Saga bekannte Götterdämmerung, welche beispielsweise auch in der gleichnamigen Wagner-Oper aufgegriffen wurde, jedoch in die moderne Zeit integriert.

Und jetzt noch mal von vorne …
Wer weder die schriftliche, noch die musikalische Fassung kennt, muss sich keine Sorgen machen. An Erklärungen mangelt es in Ragnarök nicht. Tatsächlich wollten die Drehbuchautoren auf keinen Fall riskieren, dass das Publikum etwas nicht versteht. Das bedeutet, dass jede der sechs Folgen mit einer kleinen Texttafel beginnt, die einen Teil der Saga vorstellt. Außerdem scheint es an der Schule von Magne und Laurits kein anderes Unterrichtsthema zu geben, wenn immer wieder neue Aspekte besprochen werden. Das war sicher nett gemeint, ist aber schon etwas faul und unbeholfen.

Letzteres gilt leider insgesamt für Ragnarök. Wer sich angesichts des Szenarios große, epische Kämpfe erhofft – in der Götterdämmerung geht es ja eigentlich um die Schlacht zwischen den Göttern und den Riesen, welche als erstes die Erde bevölkerten –, der wird enttäuscht. Stattdessen nutzte Serienschöpfer Adam Price die Gelegenheit, um sich über die aktuelle Welt auszutauschen. Genauer stellt sich bald heraus, dass die einstigen Riesen als Menschen getarnt unter uns leben. Mehr noch, sie bilden eine der mächtigsten und reichsten Familien, einen Status, den sie durch Skrupellosigkeit erreicht haben. Ihr Konzern ist nämlich nicht nur besonders groß, sondern auch besonders umweltfeindlich. Und dagegen gilt es anzukämpfen. Das Thema selbst ist natürlich wichtig, so wie auch andere angesprochene Themen – darunter soziale Ungleichheit – eine Behandlung in Filmen und Serien verdienen. Die konkrete Ausführung lässt jedoch zu wünschen übrig.

Alles irgendwie zusammen
Nicht allein, dass die Verurteilung dieser Praktiken mit dem Vorschlaghammer erfolgt und mit einer bizarren Vehemenz ins Publikum geprügelt wird, um auch ja jeden eigenen Gedanken verhindern zu können. Die Verbindung mit der nordischen Mythologie wird zum anderen nie schlüssig. Warum sollten ausgerechnet die unsterblichen Riesen die Welt vergiften wollen, der sie doch mehr verbunden sind als die Menschen? Es ist nicht einmal so, dass dies einem offensichtlichen Plan folgen würde. Auch das Verhältnis zu den Menschen und Göttern wird nie deutlich, von einer konstanten Verabscheuung abgesehen. Anders als in der Saga, wo der Krieg eine willentlich herbeigeführte Angelegenheit ist, scheint das hier nur das Ergebnis davon zu sein, dass die Guten die Bösen daran hindern wollen, die Erde zu verschmutzen.

Verbunden wird das zu allem Überfluss mit jeder Menge Teenie-Drama. Als wäre das Ende der Welt nicht wichtig genug, muss zusätzlich ein Liebesdreieck eingebaut werden, damit die Handlung vorankommt. Umweltkatastrophen und Verbrechen, das ist zweitrangig, wichtiger ist: Das Mädchen ist ja süß! Im Grunde unterscheidet sich Ragnarök deshalb nicht zu sehr von anderen Highschool-Geschichten. Der Zielgruppe mag das gefallen. Der Versuch, diese Klischees mit Klimaschutz und nordischer Saga zu kombinieren führt jedoch dazu, dass irgendwie keiner der Bestandteile so richtig gut ist. Die Spannung hält sich in Grenzen, zumal Magne nicht wirklich verletzt werden kann. Trotz der an und für sich sehr reizvollen Mythologie ist die Serie nichts Besonderes geworden, hat auch nicht das Budget, um so episch zu werden, wie sie es gerne wäre.

Credits

OT: „Ragnarök“
Land: Dänemark, Norwegen
Jahr: 2020
Regie: Mogens Hagedorn, Jannik Johansen
Drehbuch: Simen Alsvik, Emilie Lebech Kaae, Christian Gamst Miller-Harris, Marietta von Hausswolff von Baumgarten, Jacob Katz Hansen
Idee: Adam Price
Musik: Halfdan E
Kamera: Philippe Kress
Besetzung: David Stakston, Jonas Strand Gravli, Theresa Frostad Eggesbø, Herman Tømmeraas, Emma Bones, Bjørn Sundquist, Gísli Örn Garðarsson, Henriette Steenstrup, Odd-Magnus Williamson, Synnøve Macody Lund

Bilder

Trailer



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Ragnarök – Staffel 1
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Ragnarök – Staffel 1
„Ragnarök“ hat ein an und für sich interessantes Szenario, indem es die nordische Mythologie in die Neuzeit verlegt, Götter und Riesen sich in einer entscheidenden Schlacht gegenüberstehen. Die Serie selbst ist jedoch alles andere als episch, verknüpft die Legenden recht unbeholfen mit Teeniedrama und Klimathematik zu einem Mischmasch, der keinem der Bestandteile gerecht wird.
5von 10

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