Anne plus der Film Netflix
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Anne+: Der Film

Inhalt / Kritik

Anne plus der Film Netflix
„Anne+: Der Film“ // Deutschland-Start: 11. Februar 2022 (Netflix)

Eigentlich läuft es gerade richtig gut im Leben von Anne (Hanna van Vliet). Zumindest dachte sie das. Ihre Partnerin Sara (Jouman Fattal) zieht für die Arbeit nach Montréal, Anne bleibt erst einmal in Amsterdam zurück, um dort ihr Buch fertig zu schreiben. Ist dieses erst einmal abgeschlossen, will sie nachkommen. In der Zwischenzeit führen sie eben eine Fernbeziehung, bei der beide sich auch mit anderen treffen dürfen. Irgendwie will das alles aber nicht so wirklich klappen. So kommt sie mit der Entfernung nicht wirklich klar, das Buch stagniert. Und je mehr sie darüber nachdenkt, umso weniger ist sie sich sicher, ob sie überhaupt Sara hinterherreisen will. Das stellt sie vor eine schwierige Frage: Was genau will sie selbst? Und wer ist sie überhaupt?

Ein später Einstieg ins Leben

In den Niederlanden kennt man die Geschichte der homosexuellen Anne, die noch ihren Lebensweg sucht, schon ein bisschen länger. Genauer lief dort von 2018 bis 2020 die Serie Anne+, die in 14 Folgen von den Irrungen und Wirrungen ihres Alltags erzählte. Bei uns wurde die Serie nicht veröffentlicht, weshalb es ein wenig eigenartig ist, dass die Filmversion nun über Netflix zu uns kommt. Der Titel Anne+: Der Film verrät bereits, dass es sich um Langfassung der TV-Vorlage handelt. Das könnte zu fragenden Gesichtern im hiesigen Publikum führen. Und tatsächlich kann man sich darüber streiten, ob solche Veröffentlichungen überhaupt sinnvoll sind. Wirklich gesehen haben muss man die damaligen Folgen aber nicht, um dem Inhalt hier folgen zu können.

Ein bisschen konfus ist Anne+: Der Film dabei schon. Das hat aber mehr damit zu tun, dass die Protagonistin keine Ahnung hat, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Das ist prinzipiell nicht ungewöhnlich. Nahezu der gesamte Coming-of-Age-Bereich erzählt davon, wie junge Menschen in dieser Welt eine Position für sich finden wollen. Anne selbst ist etwas älter, Mitte 20 inzwischen. Sehr viel weiter ist sie aber nicht. Auch das ist nicht auffällig. Vielmehr wissen in einer Welt der kontinuierlich wachsenden Möglichkeiten immer weniger, was sie damit anfangen sollen. Zumindest theoretisch alles tun zu können und zu dürfen, kann eine Überforderung nach sich ziehen. Freiheit bedeutet eben auch, weniger feste Gewissheiten zu haben, auf die man sich im Zweifel zurückziehen kann.

Fragen nach der Identität

Dieses ganz allgemeine Phänomen einer zunehmend orientierungslosen Generation wird hier zusätzlich mit speziellen Fragen der LGBT-Community verknüpft. Das Thema Identität spielt dabei eine große Rolle, wenn auch die Vorgaben einer heteronormativen Gesellschaft abgelehnt werden. Niemand will sich sagen lassen, wer er oder sie zu sein hat – oder überhaupt ein er oder sie sein zu müssen. Aber auch an der Stelle zeigt Anne+: Der Film, dass eine Freiheit Beliebigkeit zur Folge haben kann. So sagt Anne an einer Stelle ganz stolz, dass sie queer ist und wie sehr sie sich damit identifiziert. Sie scheitert jedoch daran zu sagen, was genau das bedeuten soll und wer sie ist. Sie versteckt die Frage nach ihrer Individualität hinter einem Label, ist bequemer so.

Überhaupt ist es auffällig, wie sie immer wieder jede Eigenverantwortung von sich schiebt. Gerade zum Ende hin wird das sehr anstrengend, wenn sie mit weinerlich-vorwurfsvollen Ton allen anderen die Schuld dafür gibt, dass sie ihr eigenes Leben nicht im Griff hat. Natürlich müssen Figuren nicht zwangsläufig Vorbildcharakter haben. Es lädt auch deutlich mehr zur Identifikation ein, wenn da jemand mit Fehlern ist. Ist einfach menschlicher. Anne+: Der Film verpasst es aber, daraus etwas Interessantes zu machen. Dem Mangel auch etwas entgegenzusetzen, welches diesen irgendwie ausgleicht und die Figur zu einer komplexen Person zu machen. Das einzige, worauf sich alle bei Anne einigen können, ist dass sie gut aussieht. Auf Dauer ist das etwas wenig.

Schwammig und nichtssagend

So sympathisch und wichtig es auch ist, wenn sich Anne+: Der Film mit Fragen der Identität auseinandersetzt, das ist einfach zu schwammig und letztendlich nichtssagend. Wenn wenigstens die Figuren selbst sympathisch genug wären. Aber das ist schon eine wenig ansprechende Mischung aus selbstgerecht und belanglos, die hier herumläuft. Den einen oder anderen Denkanstoß findet man in den gut anderthalb Stunden sicherlich, im Hinblick auf Selbstfindung und Selbstbestimmung. Außerdem ist das Ganze authentisch genug in Szene gesetzt, um auch als Generationenporträt durchzugehen. Das reicht aber nicht für einen wirklichen Grund, warum man sich das anschauen wollte oder müsste. Die späte Veröffentlichung der Serien-Verfilmung hätte man sich auch sparen können.

Credits

OT: „Anne+“
Land: Niederlande
Jahr: 2021
Regie: Valerie Bisscheroux
Drehbuch: Maud Wiemeijer
Musik: Tess van der Velde
Kamera: Cor Booy
Besetzung: Hanna van Vliet, Jouman Fattal, Thorn Roos de Vries, Jade Olieberg, Eline van Gils, Jesse Mensah

Bilder

Trailer

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Anne+: Der Film
fazit
„Anne+: Der Film“ begleitet eine homosexuelle Mittzwanzigerin, die nicht wirklich weiß, was sie vom Leben will. Das Drama bietet dabei schon den einen oder anderen Denkansatz, zeigt zudem, wie Freiheit zu Orientierungslosigkeit führen kann. Die wenig sympathischen Figuren gehen aber auf die Nerven, machen es sich wie der Film selbst auf sehr einfach, indem sie sich hinter letztendlich nichtssagenden Schlagwörtern verstecken.
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