Kritik

The English Game Netflix

„The English Game“ // Deutschland-Start: 20. März 2020 (Netflix)

Ende des 19. Jahrhunderts wurden in England die zuvor sehr chaotischen Regeln des Fußballs vereinheitlicht, jetzt gilt gleiches Recht für alle. Zumindest theoretisch. Denn als Arthur Kinnaird (Edward Holcroft), Kapitän und Star des Clubs Old Etonians, und Fergus Suter (Kevin Guthrie), Spieler beim Darwen FC, sich gegenüberstehen, könnten die Unterschiede kaum größer sein. Schließlich entstammen die Spieler des Old Etonians der Oberschicht, bei Darwen FC kicken hingegen hauptsächlich Fabrikarbeiter mit deutlich weniger Möglichkeiten. Außerdem wird Suter für seine Dienste von dem Fabrikbesitzer James Walsh (Craig Parkinson) bezahlt – was klar gegen die Regeln des Amateurfußballs verstößt. Doch eben dieses Match wird die Geschichte des Fußballs für immer verändern …

Die Freunde von König Fußball müssen derzeit besonders tapfer sein. Die Bundesliga wurde aufgrund der Virus-Pandemie auf unbestimmte Zeit unterbrochen, ebenso alle anderen nationalen Ligen und internationalen Wettbewerbe. Und selbst die Europameisterschaft war nicht mehr zu halten, soll jetzt erst ein Jahr später stattfinden. Da trifft es sich eigentlich ganz gut, dass Netflix die Fans mit The English Game bei Laune hält. Zwar hat der in der Serie gezeigte Fußball nur bedingt etwas mit dem zu tun, was wir heutzutage in den Stadien und auf den Bildschirmen sehen. Aber die englische Produktion nimmt uns dafür mit zu den Anfangstagen und zeigt uns wichtige Stationen auf, wie aus dem amateurhaften Gekicke ein Milliardengeschäft werden konnte.

Geschichte ist, was wir draus machen
Historisch genau ist das Ganze dabei nicht. Man nahm sich, wie so oft bei derartigen historischen Geschichten, schon sehr viele Freiheiten heraus. Da werden mehrere Fußballvereine zu einem gemacht, man springt von Turnier zu Turnier, die es so nicht gegeben hat, auch die Vereinszugehörigkeit wurde vereinfacht. Bei den ganzen Nebengeschichten, welche sich mit den Hintergründen und dem Privatleben der Akteure auseinandersetzen, ließ man ohnehin der eigenen Fantasie freien Laufen. Oscar-Preisträger und Serien-Schöpfer Julian Fellowes war in The English Game viel mehr mit seinen Seifenoper-Schicksalen und den Klassenunterschieden beschäftigt – Themen, die er schon in Downton Abbey und Gosford Park behandelt hatte – als mit dem Spiel an sich.

Ob die Serie Fußballfans tatsächlich glücklich machen wird, ist deshalb nicht ganz sicher. Man muss nicht einmal Purist und sich der historischen Ungenauigkeiten bewusst sein, um zu merken: Irgendwie geht es hier gar nicht um Fußball. Wirkliche Spielszenen sind rar gesät, beschränken sich auf wenige Sekunden. Ansonsten wird über den Fußball vor allem geredet. Er wird für die einfachen Leute zu einer Art Ersatz für das Glück, das ihnen das Leben in Armut vorenthält. Wenn sie sonst schon nichts anderes haben, während der Spiele können sie abschalten, sich unterhalten lassen, mitfiebern.

Fußball ist für alle da!
Gleichzeitig macht The English Game den Fußball zu einem Symbol der Demokratisierung. Wenn die Mannschaften der einfachen Männer plötzlich mitspielen und sogar zu einer ernsthaften Konkurrenz für den von der Oberschicht für sich proklamierten Sport werden, dann geht es eben nicht nur um Tore, Bälle und Punkte. Es geht um das Selbstverständnis einer Bevölkerung, welche die Mehrheit stellt, aber von allem ausgeschlossen werden soll. Fußball, das sind wir! Das ist natürlich sympathisch, wie es Geschichten von Underdogs, die am Ende über die arroganten Schnösel triumphieren, immer sind. Man muss ihnen einfach die Daumen drücken und freut sich darüber, wenn sie an Stelle des Publikums die Welt etwas gerechter gemacht haben.

Wobei man The English Game zugutehalten muss, dass zumindest teilweise ein bisschen Grautöne in der Schwarzweiß-Zeichnung zu finden sind. So darf Kinnaird eine Wandlung durchmachen, Walsh hat nichts mit dem Bild des ausbeuterischen Unternehmers gemeinsam. Umgekehrt dürfen auch Vertreter der Unterschicht manche moralisch fragwürdigen Entscheidungen treffen. Auf diese Weise zeigt die Serie, dass der Kampf für mehr Rechte und Gemeinschaft deutlich komplexer ist, als man es meistens zu sehen bekommt. Zusammen mit den schönen Aufnahmen gibt es daher schon einige Gründe, weshalb man sich das Ganze ansehen kann, auch wenn man hier dazu neigt, schon sehr dick aufzutragen, sowohl bei den Geschichten wie auch bei der musikalischen Untermalung, die einem kaum einen Moment zum Luftholen gewährt.

Credits

OT: „The English Game“
Land: UK
Jahr: 2020
Regie: Birgitte Stærmose, Tim Fywell
Drehbuch: Julian Fellowes, Tony Charles, Oliver Cotton, Ben Vanstone, Gabbie Asher, Sam Hoare, Geoff Bussetil
Idee: Julian Fellowes, Tony Charles, Oliver Cotton
Musik: Harry Escott
Besetzung: Edward Holcroft, Kevin Guthrie, Charlotte Hope, Niamh Walsh, Craig Parkinson, James Harkness

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The English Game
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The English Game
„The English Game“ will von den Anfängen des professionellen Fußballs erzählen, nimmt das aber in erster Linie zum Anlass, um möglichst viele Seifenoper-Elemente und Ausführungen zum Klassenkampf unterbringen zu können. Das ist teilweise interessant und auch um Zwischentöne bemüht, teilweise aber auch anstrengend und dick aufgetragen.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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