All Quiet on the Western Front Im Westen nichts Neues 2022 Netflix
© Netflix/Reiner Bajo

Im Westen nichts Neues (2022)

„Im Westen nichts Neues“ // Deutschland-Start: 29. September 2022 (Kino) // 28. Oktober 2022 (Netflix)

Inhalt / Kritik

Die Freude ist groß bei Paul Bäumer (Felix Kammerer), Albert Kropp (Aaron Hilmer), Frantz Müller (Moritz Klaus) und Ludwig Behm (Adrian Grünewald), als sie den Weg an die Front antreten. Dort wollen sie gegen die französischen Truppen kämpfen und dabei ihr Vaterland ehrenvoll vertreten. So haben sie sich das zumindest vorher ausgemalt. Kaum dort angekommen, müssen sie jedoch feststellen, dass der Kampf sehr viel weniger heroisch ist. Tag für Tag sterben in den Schützengräben Männer, ohne dass die deutsche Armee auf diese Weise nennenswert vorankäme. Doch in dem erfahrenen Stanislaus „Kat“ Katczinsky (Albrecht Schuch) finden sie einen Mentor, der ihnen nützliche Tipps gibt, wie sie den Kriegsalltag überstehen können. Monate später dauern die Kämpfe noch immer an, der deutsche Staatssekretär Matthias Erzberger (Daniel Brühl) steht dabei vor einer schweren Aufgabe. Schließlich wissen alle, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen ist. Doch der Preis für einen Waffenstillstand ist hoch …

Ein Klassiker neu aufgelegt

Mittlerweile hat es Tradition: Jedes Jahr im Spätsommer bzw. Herbst zeigt Netflix Filme auf größeren Filmfesten, bei denen die Hoffnung groß ist, damit Renommee und im Idealfall den einen oder anderen Filmpreis zu bekommen. Da ist 2022 keine Ausnahme. So eröffnete der Streamingdienst die Filmfestspiele von Venedig mit Weißes Rauschen, wo auch die Netflix-Titel Athena, Bardo und Blonde im Wettbewerb liefen. Beim Toronto International Filmfestival wiederum debütierten A Jazzman’s Blues, Wendell & Wild und auch Im Westen Nichts Neues. Letzteres hat natürlich nicht ganz den internationalen Appeal, wie es die mit Hollywood-Stars gefüllten Titel haben. Immerhin aber wurde der Film bereits vor der Premiere als deutscher Beitrag bei den Oscars eingereicht – das Vertrauen ist also groß.

Dabei war das Misstrauen im Vorfeld groß. Braucht es wirklich eine neue Adaption von Erich Maria Remarques 1929 veröffentlichten gleichnamigen Roman? Schließlich gilt die bereits ein Jahr später erschienene Verfilmung als absoluter Klassiker. Seinerzeit erhielt er den Oscar als bester Film, das American Film Institute zählte ihn in 1997 zu den 100 wichtigsten US-Filmen aller Zeiten. Große Fußspuren also, in die Regisseur und Co-Autor Edward Berger (All My Loving) da treten will. Gleichzeitig durfte man schon neugierig sein, wie eine moderne Fassung des Buches aussehen könnte. Hinzu kommt: Obwohl der deutsche Autor Remarque seine eigenen Erfahrungen während des Ersten Weltkriegs schilderte, gab es bislang keine deutsche Verfilmung. Tatsächlich war auch die Hollywood-Fassung anfangs hierzulande nicht verfügbar, da die Nationalsozialisten alles andere als angetan davon waren.

Die Sinnlosigkeit des Krieges

Bei der Neuverfilmung wäre das kaum anders. Auch dieses Mal verwandelt sich anfängliche Euphorie in Ernüchterung und Horror. Dabei ist der Krieg nicht nur besonders brutal. Er ist auch besonders sinnlos: Während ständig irgendwelche Menschen sterben, auf beiden Seiten der Front, kommt es zu keinen nennenswerten Veränderungen. Nichts geht voran. Berger kostet diese Sinnlosigkeit und die massenweise Verschwendung menschlichen Lebens aus, auch bis über die Schmerzgrenze hinaus. Geradezu symbolisch ist eine frühe Szene in Im Westen nichts Neues, in der Paul seine Uniform erhält und darin der Name eines anderen Soldaten steht. Er meldet dies pflichtbewusst, ohne zu realisieren, was der Name bedeutet. Das Publikum schon, sah es doch während der Einleitung, wie Ausrüstung der gefallenen Soldaten wiederverwendet wird – der Tod der Männer gehört zu dem Kreislauf dazu.

Und auch die Musik kündigt bereits an, dass das Publikum sich auf einiges gefasst machen muss. Wo bei anderen Filmen der Score gern mal ganz dramatisch wird, um die Zuschauer und Zuschauerinnen in die entsprechende Stimmung zu versetzen, da setzt der deutsche Komponist Volker Bertelmann, auch unter dem Künstlernamen Hauschka bekannt, auf einen brachial-dröhnenden Sound, den man eher in einem Horrorfilm vermuten würde. Visuell dominieren hingegen in Im Westen nichts Neues Grautöne. Gerade wenn uns Berger mit zu den Schützengräben nimmt, wandelt sich die Welt in eine von Schlamm und Dreck geprägte Parallelwelt, aus der alles Leben und jede Farbe gewichen ist. Das ist wie so vieles in dem Film nicht übermäßig subtil. Aber es ist doch sehr effektiv.

Düster und trostlos

Überhaupt ist der Antikriegsfilm einer, der großen Eindruck hinterlässt und den man soweit möglich deshalb auch auf der großen Leinwand sehen sollte. Im Gegensatz zum Roman, der mit Szenen an der Schule oder während des Heimaturlaubs noch eine Welt außerhalb des Krieges zeigt, da ist der Blickwinkel hier deutlich verengt. Lediglich die kurzen Ausflüge zu den Friedensverhandlungen und dem abgehobenen General Friedrichs (Devid Striesow) sorgen für starke Brüche. Ansonsten gibt es kein Entkommen, für keinen der Männer, die in der Kriegsmaschinerie gefangen sind. Kurze Momente des Glücks, wenn ein Brief von daheim ankommt oder etwas Leckeres auf den Tisch kommt, können nicht darüber hinwegtäuschen, wie düster und trostlos der Film ist. Auch wenn Im Westen nichts Neues letztendlich nicht viel zu sagen hat und für die eigenen Figuren trotz einer Laufzeit von zweieinhalb Stunden kaum Charaktereigenschaften zur Verfügung stellt: Am Ende ist man so niedergeschlagen von dem Anblick, dass einem erst einmal die Kraft fehlt, das Kino oder die Couch zu verlassen.

Credits

OT: „All Quiet on the Western Front“
Land: Deutschland, USA
Jahr: 2022
Regie: Edward Berger
Drehbuch: Lesley Paterson, Edward Berger, Ian Stokell
Vorlage: Erich Maria Remarque
Musik: Volker Bertelmann
Kamera: James Friend
Besetzung: Felix Kammerer, Albrecht Schuch, Aaron Hilmer, Moritz Klaus, Edin Hasanović, Thibault de Montalembert, Daniel Brühl, Devid Striesow

Bilder

Trailer

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Im Westen nichts Neues (2022)
fazit
„Im Westen nichts Neues“ reduziert den Romanklassiker fast ausschließlich auf die Erfahrungen an der Front und ist auch bei der Figurenzeichnung minimalistisch. Aber es gelingt der Adaption sehr gut dabei, die Sinnlosigkeit des Krieges zu veranschaulichen, wenn zweieinhalb Stunden lang ein in Grau erstarrter Tod durch die Schützengräben streift, unentwegt Opfer sucht und nichts davon einen Unterschied macht.
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