Inhalt / Kritik

Homunculus Netflix

„Homunculus“ // Deutschland-Start: 22. April 2021 (Netflix)

Früher hatte Susumu (Gô Ayano) einen Job, verdiente gut Geld, führte ein richtiges Leben. Doch das war einmal. Inzwischen lebt der 34-jährige in seinem Auto und fühlt sich weder bei den „normalen“ Menschen noch den Obdachlosen zu Hause. Da läuft ihm irgendwann der Medizinstudent Manabu (Ryô Narita) über den Weg und macht ihm ein unglaubliches Angebot. Susumu soll sich im Rahmen eines Experiments ein Loch in den Kopf bohren lassen, dafür gibt es 700.000 Yen. Zunächst lehnt er den Vorschlag ab, lässt sich dann aber doch darauf ein. Ziel des Experiments ist es, das dritte Auge in den Menschen zu wecken, welches einen sechsten Sinn ermöglicht. Tatsächlich beginnt Susumu bald, eigenartige Dinge zu sehen – vor allem, wenn er andere Leute ansieht …

Der lange Schatten des Horrors

Bald zwanzig Jahre ist es inzwischen her, dass Takashi Shimizu mit Ju-on: The Grudge einen der großen Klassiker des J-Horrors geschaffen hat. Und auch wenn der Regisseur seither viele weitere Filme gedreht hat, seinen Namen bringt man dann doch nach wie vor insbesondere mit dem Rachegeist in Verbindung, der allen den Tod bringt, die ihm zu nahe kommen. Kein Wunder also, dass bei seinem neuen Film Homunculus, der exklusiv auf Netflix erscheint, Genrefans hellhörig werden. Zumal im Vorfeld auch fleißig geschrieben wurde, dass der Filmemacher sich hier wieder dem Horror zuwendet. So ganz stimmt das aber nicht. Wer ein besonders furchterregendes Werk erhofft, der geht hier eher leer aus.

Dabei geht es zumindest zu Beginn ziemlich zur Sache. Das angesprochene Experiment, in dem ein Loch in den Schädel gebohrt wird, wird tatsächlich auch gezeigt. Auch im Anschluss gibt es in Homunculus die eine oder andere Szene, die verstören kann. Das betrifft vor allem die bizarren Verwandlungen der Menschen, wenn Susumu seine besondere Sehkraft einsetzt. Da werden mal Körperteile anders angeordnet. Manche verwandeln sich in andere Lebensformen. Und dann gibt es noch solche, bei denen sogar das grundsätzliche Prinzip der Körperlichkeit aufgehoben wird. In dem Film geht alles, Grenzen oder Gesetze werden mit Vergnügen aufgehoben.

Kuriose Alpträume

Das macht durchaus Spaß. Wer ein Faible für surreale Visionen hat, bei denen nichts mehr so ist, wie man es kennt, der bekommt zumindest in der ersten Hälfte einiges geboten. Das Sortiment reicht dabei von kurios-komisch bis richtig erschreckend. Bald stellt sich jedoch heraus, dass Hideo Yamamoto, der den zugrundeliegenden Manga geschrieben hat, etwas anderes mit seiner Geschichte vorhatte. Die grotesken Erscheinungsformen in Homunculus sind kein reiner Selbstzweck, sondern jeweils das Ergebnis nicht verarbeiteter Traumata. Nahezu jeder Mensch, dem Susumu begegnet, hat etwas erlebt und anschließend verdrängt. Sie wissen nicht, was sie plagt – zum Teil nicht mal, dass sie überhaupt etwas plagt.

Was eingangs als Horror verkauft wurde, wandelt sich somit zuerst in einen Mystery-Thriller – schließlich hat Susumu so gar keine Ahnung, worum es geht und was die Operation mit ihm gemacht hat. Ist jedoch erst einmal der Groschen gefallen, wird Homunculus zu einer Art filmischer Therapiestunde. Das erinnert ein bisschen an den Kult-Anime Mushi-Shi. In beiden Fällen gibt es eine Mischung aus Drama, Mystery, Fantasy und Horror, wenn wir in episodenhaft aufgebauten Geschichten von menschlichen Schicksalen erfahren. Während das dort jedoch nachdenklicher angelegt war, die Serie schon mal meditativ-philosophisch werden durfte, da ist Shimizus Film plakativer und gröber.

Mal bewegend, dann etwas zäh

Gewöhnungsbedürftig ist der Film so oder so mit seinen Stimmungsschwankungen und dem fehlenden roten Faden. Aber eben auch sehenswert. Hauptdarsteller Gô Ayano (Lupin III – Der Meisterdieb) überzeugt als ziellos umhertreibender Niemand, der auf einmal zum Helfer verkorkster Männer und Frauen wird. Einige der erzählten Geschichten gehen zudem tatsächlich zu Herzen. Nicht so geglückt ist jedoch der Übergang zur zweiten Hälfte, wenn Shimizu mehr erklären will. Homunculus verliert an diesen Stellen an Schwung, wird etwas umständlich und zäh. Dennoch wäre es schön, wenn der Film noch eine Fortsetzung erhält oder eine Serie aus dem Stoff gemacht wird. Die Mischung aus inneren und äußeren Alpträumen gibt auf jeden Fall genug her für viele weitere abgründig-tragische Momente.

Credits

OT: „Homunculus“
Land: Japan
Jahr: 2021
Regie: Takashi Shimizu
Vorlage: Hideo Yamamoto
Kamera: Jun Fukumoto
Besetzung: Gô Ayano, Ryô Narita, Yukino Kishii, Anna Ishii, Seiyô Uchino

Bilder

Trailer

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Homunculus
In „Homunculus“ erhält ein Mann durch ein brutales Experiment die Fähigkeit, das innere der Menschen zu sehen. Das Ergebnis ist ein Film, der als Horror beginnt, danach zu einem Mystery-Thriller wird, letztendlich aber ein Drama ist, das von nicht verarbeiteten Traumata handelt, welche sich in bizarren Formen äußern.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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