Dear Ex Netflix

„Dear Ex“ // Deutschland-Start: 1. Februar 2019 (Netflix)

Hat sich denn die ganze Welt gegen San Lian (Ying-Xuan Hsieh) verschworen? Als wäre es nicht schon schlimm genug gewesen, dass ihr Mann Zhen Yuang (Spark Chen) ausgezogen ist und sie allein mit ihrem Sohn Chengxi (Joseph Huang) gelassen hat. Nein, er musste sie auch noch für einen Mann verlassen, den Möchtegernschauspieler Jay (Roy Chiu). Und als wäre das alles noch nicht demütigend genug, hat er ihm nach seinem Tod auch noch sein Geld hinterlassen. Dass das Geld moralisch eigentlich ihr zusteht, das steht völlig außer Frage. Doch als sie den Ehebrecher zur Rede stellen und ihr Erbe einfordern will, zieht Chengxi ausgerechnet bei ihm ein. Sie muss jetzt also nicht nur um ihr Geld kämpfen, sondern auch noch ihren Sohn und sich dabei ihrer eigenen Vergangenheit stellen.

Man mag ja von Netflix halten, was man will. Freunde des asiatischen Kinos zumindest können dem Streamingdienst dankbar sein, da dieser lauter Filme und Serien hierher holt, die wir ansonsten niemals zu sehen bekommen würden. Ob nun bizarre Animes (Devilman Crybaby), Zombiehorror aus dem alten Korea (Kingdom) oder auch ungewöhnliche Liebesfilme aus China (Us and Them), die Auswahl ist groß, sowohl auf die Genres wie auch die Herkunftsländer bezogen. Und auch Singapur war zuletzt recht kräftig unter den fernöstlichen Neuerscheinungen vertreten.

Große Gefühle auf kleinem Raum
Mit Dear Ex kommt nun auch Taiwan in die Ehre, ein eigenes Netflix Original ins Rennen zu schicken. Und wenn der Film ein Vorgeschmack ist auf das, was uns da noch bevorsteht, dann ist das allemal ein Grund zur Freude. Einen wirklichen Einblick in das fernöstliche Land gibt das hier sicher nicht, dafür ist das Setting auch zu begrenzt: Ein Großteil der Geschichte spielt in der Wohnung von Jay, in der Praxis von Chengxis Therapeutin oder im Theater. In Letzterem könnte man sich den gesamten Film vorstellen, der in erster Linie auf Dialoge setzt, Handlung jedoch nur sparsam einsetzt.

Damit die Geschichte dennoch nicht zu langweilig wird, dürfen wir in Form von regelmäßigen Flashbacks erfahren, mit wem wir es da eigentlich zu tun haben. Dear Ex verrät auf diese Weise nicht nur, wie Zhen Yuang und Jay sich eigentlich begegnet sind, auch die Bedeutung ihrer Beziehung wird verdeutlicht. Denn die war mehr als nur eine kurze Affäre: Je mehr gemeinsame Situationen wir sehen, je mehr wir über die Männer lernen, umso schwieriger wird es, das anfangs noch zelebrierte Feindbild aufrechtzuerhalten. Jay ist nicht einfach ein nichtsnutziger Schmarotzer, der in den Tag lebt und Träumen nachrennt. Er ist doch ein wenig komplexer, so wie sämtliche Beziehungen innerhalb des Films komplex sind.

Viel Streit, viele Macken
Ganz so schwermütig, wie sich das anhört, wird es jedoch nicht. Über weite Strecken ist Dear Ex einer Komödie näher als einem Drama. Nicht nur, dass es immer wieder zu unterhaltsamen Auseinandersetzungen kommt und sich die drei Überlebenden verbale Kleingefechte liefern – mit jeder Menge Beleidigungen. Das Regieduo Chih-Yen Hsu und Mag Hsu baute außerdem zahlreiche Spielereien wie kleine Animationen ein, um das Geschehen aufzulockern und sorgt so für einen heiteren, verspielten Ton – vergleichbar zur ähnlich skurrilen philippinischen Komödie Saving Sally.

Ganz so verträumt wie dort wird es hier aber nicht, was auch damit zusammenhängt, dass Liebe hier in erster Linie im Rückblick gezeigt wird. In der Gegenwart ist hingegen nur wenig davon zu spüren. Das ist gerade anfangs etwas anstrengend, wenn Hysterie die Dialoge bestimmt. Erst später, wenn die Töne leiser werden, mehr Zwischenstufen zulassen, bewegt sich Dear Ex auf die Herzen des Publikums zu. Das ist dann alles nicht sonderlich überraschend, irgendwie weiß man hier mal wieder sehr viel früher als die Betroffenen, worauf das nun hinausläuft. Aber es verfehlt doch seine Wirkung nicht, wenn die Streithähne sich annähern und der Film seine eigenen Wohlfühlqualitäten entdeckt.

Dear Ex
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Dear Ex
Erst anstrengend, später verspielt, zum Ende rührend: Die taiwanesische Tragikomödie „Dear Ex“ erzählt von einer Frau, die sich mit dem Liebhaber ihres verstorbenen Mannes zofft. Der Ablauf ist vorhersehbar, die Geschichte trotz der zahlreichen Flashbacks geradlinig. Aber es ist doch ein schöner Film, der irgendwie auch zu Herzen geht und zeigt, wie furchtbar kompliziert das Leben manchmal sein kann, ohne dass jemand daran Schuld hat.
7von 10

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