Spuk in Hill House Haunting Netflix

„Spuk in Hill House“ // Deutschland-Start: 12. Oktober 2018 (Netflix)

Richtig gut ist das Verhältnis innerhalb der Familie Crain ja nicht, ist es schon seit vielen Jahren nicht mehr. Seit einem schrecklichen Ereignis, das sie auseinandergerissen hat, als die fünf Geschwister noch sehr klein waren. Bis heute haben sie es ihrem Vater Hugh (Timothy Hutton) nicht verziehen, dass er sie nach dem Tod der Mutter weggegeben hat. Aber auch untereinander gibt es jede Menge Zoff. So nimmt es vor allem Shirley (Elizabeth Reaser) ihrem älteren Bruder Steven (Michiel Huisman) übel, dass er ihre traumatischen Erfahrungen in dem abgelegenen Hill House mit seinem Buch zu Geld machte. Theodora (Kate Siegel) versucht alle auf Abstand zu halten. Luke (Oliver Jackson-Cohen) wiederum belastet die Beziehungen durch seine Drogensucht. Als dessen jüngere Zwillingsschwester Eleanor (Victoria Pedretti) sich ausgerechnet in Hill House das Leben nimmt, sind die übrigen gezwungen, doch noch einmal zusammenzukommen und sich den Geistern ihrer Vergangenheit zu stellen.

Ein bisschen skeptisch durfte man ja schon sein, als angekündigt wurde, dass Shirley Jacksons Gruselklassiker Spuk in Hill House als Serie neu adaptiert werden soll. Skeptisch und neugierig. Auf der einen Seite dürfte manch einer mit Grauen daran zurückdenken, wie ein früherer Versuch, die beliebte Vorlage zu modernisieren, völlig in die Hose ging – das berüchtigte Das Geisterschloss von 1999. Die Vorstellung, wie aus dem viel mit Psychologie und bloßen Andeutungen arbeitenden Schrecken ein CGI-Monster würde, um dem heutigen Publikum zu entsprechen, die konnte einem wirklich Angst machen. Andererseits sollte Mike Flanagan für das Remake zuständig sein. Und der hat sich in den letzten Jahren mit Filmen wie Oculus oder Das Spiel als einer der interessantesten Regisseure im Horrorgenre gezeigt.

Ein Neuanfang, der überrascht und begeistert
Die gute Nachricht: Diesem Ruf wird er in Spuk in Hill House gerecht. Die Serie gehört nicht nur zum Besten, was das Genre seit Langem hervorgebracht hat. Sie gehört auch zum Besten, was Netflix dieses Jahr auf sein Publikum losgelassen hat. Die schlechte Nachricht: Die Serie ist mit Sicherheit nicht das, was viele im Vorfeld erwartet hatten. Denn Flanagan nahm die bekannte Geschichte und hat etwas komplett Eigenes daraus gemacht. Vereinzelt gibt es Überschneidungen mit dem Buch. Aber es ist eine sehr eigenständige Neuinterpretation, die weniger eine Adaption ist als vielmehr ein durch Jackson inspiriertes Werk.

Das fängt schon bei den Figuren an. Waren Eleanor, Luke und Theodora in der Vorlage drei Fremde, die in dem Landhaus von Hugh Crain unheimliche Erfahrungen machen, so wurden die vier hier zu einer Familie, ergänzt um drei weitere Figuren – darunter die nach Shirley Jackson benannte Shirley. Einzelne Szenen, die wir aus dem Buch oder der ersten Verfilmung Bis das Blut gefriert kennen, tauchen hier auf, aber in völlig anderen Zusammenhängen. Sie sind teilweise auch so versteckt, als wären sie lediglich kleine Geschenke für Fans. Was einst noch ein Höhepunkt der Geschichte war, wird hier zu einer Fußnote.

Damit einher geht auch eine radikale Neuausrichtung des Stoffes. Horrorfilme, so auch die Urfassung von Jackson, enden mit der Albtraumnacht, in der die zuvor nur vereinzelt auftretenden Phänomene zum Finale des Schreckens werden. Spuk in Hill House fängt mit dieser Nacht aber schon an und erzählt im Anschluss, wie die einzelnen Familienmitglieder mit der Situation fertig werden. Oder eben nicht fertig werden, denn ganz losgekommen sind sie auch mehr als zwei Jahrzehnte später nicht. Steven machte die Vergangenheit zu Geld, Theodora arbeitet als Therapeutin verstörter Kinder, Shirley richtet als Leichenbestatterin die Toten wieder her, Luke ist drogenabhängig, Eleonora litt unter Depressionen. Die Ereignisse in jener Nacht haben nicht nur ein Menschenleben gekostet, sie haben eine ganze Familie zerstört.

Der Kampf gegen die innere Dunkelheit
Spuk in Hill House ist dann über weite Strecken auch keine wirkliche Horrorserie, sondern eher ein Familiendrama. Eine Serie über Menschen, die jeder auf ihre Weise versuchen, mit einem großen Verlust fertigzuwerden und Traumata zu verarbeiten. Das wird reine Genrefans enttäuschen, trotz einiger unheimlicher Szenen hier bot Bis das Blut gefriert mehr Spannung. Und das obwohl der Film damals überhaupt nichts zeigte, anders als Flanagan, der deutlich expliziter wird und die übernatürlichen Ereignisse auch wirklich als solche darstellt. Gleichzeitig gelingt es dem US-Regisseur aber, auf eine fantastische Weise den Schmerz seiner Protagonisten zu vermitteln, einem inmitten des Schreckens immer wieder das Herz aus dem Leib zu reißen. Dort, wo es noch wirklich wehtut.

Allgemein ist es die Kunstfertigkeit, mit der Flanagan Elemente verbindet, die Spuk in Hill House zu einer Ausnahmeserie machen. Nicht nur, dass er traumwandlerisch zwischen Horror und Drama hin und her wandelt. Er schafft es auch, die beiden Erzählebenen – die der Kindheit und die als Erwachsener – wunderbar ineinander übergehen zu lassen. Das Meisterstück hierbei ist die sechste der zehn Folgen, in denen er alles miteinander verbindet, die Schatten der Vergangenheit und die Schmerzensschreie der Gegenwart, in einer herumwirbelnden Plansequenz sämtliche Grenzen aufgehoben werden. Und auch wenn die Serie diesen Höhepunkt später nicht mehr übertreffen wird, das Ende ein bisschen ungelenk und lang ist: Selten hatte eine Geistergeschichte eine ähnliche kathartische Wirkung wie hier. Hat einen derart stark mitfühlen lassen mit den Menschen, die durch eine Nacht stolpern, die kein Ende zu nehmen scheint, auf der Suche nach Halt und Licht. Nach einem Schlüssel, der das tief in uns verschlossene Zimmer wieder öffnen kann.

Spuk in Hill House
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Spuk in Hill House
Weniger Grusel, mehr Herz: „Spuk in Hill House“ nimmt den Geisterklassiker und macht daraus etwas völlig Neues. Unheimliche Szenen gibt es auch in dieser Version. Doch der Fokus liegt auf den Menschen und ihren Versuchen, mit alten Traumata fertigzuwerden. Aber es ist auch die kunstvolle Umsetzung, welche die schmerzerfüllte Neuinterpretation so sehenswert macht, wenn Gegenwart und Vergangenheit kontinuierlich miteinander verschmelzen, alte und neue Schatten nicht mehr voneinander zu trennen sind.
8von 10

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