Kritik

Freud Netflix

„Freud – Staffel 1“ // Deutschland-Start: 23. März 2020 (Netflix)

Wien, 1886: Nach einer Frankreichreise ist Sigmund Freud (Robert Finster) fest davon überzeugt, dass Hypnose eine ganz große Rolle bei der Heilung von Patienten mit psychologischen Störungen spielen kann. Seine Kollegen sind hingegen mehr als skeptisch, umso mehr als eine geplante Demonstration nicht zum gewünschten Ergebnis führt. Doch dann begegnet er dem Medium Fleur Salomé (Ella Rumpf), die unter seltsamen Ausfällen leidet und sich deshalb von ihm behandeln lassen möchte. Als sie während einer Hypnose ein junges Mädchen in der Kanalisation verschwinden sieht und dieses tatsächlich gefunden wird, ist das nicht nur ein großer Durchbruch. Es bedeutet auch großen Ärger für sie wie auch für den ermittelnden Polizisten Alfred Kiss (Georg Friedrich), denn der Fall führt sie in die obersten Kreise …

Kaum ein Psychologe genoss wohl jemals den Bekanntheitsgrad von Sigmund Freud. Die Idee der Psychoanalyse, das Konzept der Traumdeutung, seine Unterscheidungen zwischen dem denkenden Ich und den menschlichen Trieben – man muss sich nicht einmal besonders für das Feld der Psychologie interessieren, um mit seinen Theorien vertraut zu sein. Dafür sind sie zu sehr Allgemeingut geworden, zu einem Symbol auch für die Beschäftigung mit dem Teil der menschlichen Seele, die wir nicht zu sehen bekommen. Auch in Freud, einer Kooperation zwischen dem österreichischen Sender ORF und dem Streamingdienst Netflix, bekommen wir einiges zu sehen, das verborgen ist oder war und die eine oder andere Überraschung mit sich bringt.

Ein gutaussehender Rebell
Die erste Überraschung ist die Darstellung des Freud selbst. Anstatt das uns vertraute Bild des alten, kopflastigen Mannes zu zeigen, begegnen wir hier einer sehr jungen, ausgesprochen gutaussehenden Interpretation. In Freud wird aus dem Theoretiker ein gut gebauter Adonis, der gerade auch in der zweiten Hälfte immer wieder die Hüllen fallen lässt. Striptease statt Seelenstriptease. Er ist auch nicht der kühle, rationale Mensch, als den wir ihn zu kennen glauben, sondern ein Fantast, der ständig in anderen Sphären unterwegs ist – und das noch, bevor er mit dem Medium in Kontakt kommt. Tatsächlich porträtiert ihn Serienschöpfer Marvin Kren als einen Visionär, der sich mit dem konservativen, meist älteren Wien rangelt. Ein Rebell sozusagen, der sich erst noch beweisen muss.

Anfangs sieht es aus, als würde das im Rahmen seiner kriminologischen Tätigkeiten passieren. Wenn er mithilfe seiner unorthodoxen Methoden das verschwundene Mädchen finden und Hinweise auf den Täter liefert, da mutet die Serie wie eine Mischung aus Sherlock und Hannibal an. Mit Letzterer verbindet sie auch die Neigung zu surrealen, bizarren oft auch alptraumhaften Szenen, die gleichzeitig sehr stylisch sind. Hochglanzhorror im vornehmen Wien, wo teure Kleidung und adrette Frisuren auf innere Abgründe treffen. Normal ist in Freud praktisch niemand, alle tragen sie irgendwelche unerfüllten Sehnsüchte oder Traumata mit sich herum, die entweder den Figuren selbst das Leben schwer machen oder das der anderen.

Von allem ein bisschen
Offensichtlich reichte Kren das aber nicht. Was als eine übernatürlich angehauchte Krimiserie beginnt, weitet sich mit der Zeit aus, versucht gleichzeitig die Stimmung des ausgehenden 19. Jahrhunderts einzufangen und dabei die Fantasy-Anleihen noch einmal deutlich auszubauen. Die Serie, die auf der Berlinale 2020 das erste Mal gezeigt wurde, verheddert sich daraufhin in zahlreichen Nebenhandlungen und Themen, die ebenso verworren sind wie die Träume. Zum Ende hin wird vieles davon zwar wieder aufgelöst, man bekommt eine Reihe von Antworten. Es bleibt aber auch das Gefühl zurück, dass irgendwo irgendwann unterwegs mehr verlorengegangen ist als gefunden wurde.

Atmosphärisch ist das zweifelsfrei, auch weil viel in die Ausstattung investiert wurde. Freud scheut dabei nicht davor zurück, richtig dick aufzutragen, Wien in einem Kunstnebel zu ersticken und die Figuren derart mit Kunstblut zu ertränken, dass der Mensch dahinter kaum mehr zu erkennen ist. Als reine Krimiserie ist das weniger zu gebrauchen, als tatsächliches Porträt von Freud und seiner Zeit sowieso nicht. Von einigen obskuren Situationen abgesehen erfährt man zudem wenig über die damaligen Psychologie-Gepflogenheiten. Aber wer sich auf diesen ganz eigenen Wahnsinn einlassen kann und ein Faible hat für die Mischung aus Kunst und Schund, für den wird das hier einen beträchtlichen Sog entwickeln. Ein schicker kleiner Albtraum, der nie konkret genug wird, als dass man ihm etwas abgewinnen könnte, der aber doch Spaß macht.

Credits

OT: „Freud“
Land: Österreich
Jahr: 2020
Regie: Marvin Kren
Drehbuch: Marvin Kren, Stefan Brunner, Benjamin Hessler
Musik: Stefan Will, Marco Dreckkötter
Kamera: Markus Nestroy
Besetzung: Robert Finster, Ella Rumpf, Georg Friedrich, Brigitte Kren, Christoph Krutzler, Anja Kling, Philipp Hochmair

Bilder

Trailer

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Freud – Staffel 1
3.83 (76.67%) 12 Artikel bewerten

Freud – Staffel 1
„Freud“ hat zwar den berühmten Psychologen als Hauptfigur, interessiert sich jedoch weniger für die reale Figur – oder die Realität als solches. Teils Krimi, teils Okkult-Horror, teils Zeitporträt eines Wiens Ende des 19. Jahrhunderts ist die österreichische Serie kaum zu fassen. Das ist durchaus atmosphärisch, auch wegen der kunstvoll-surrealen Anmutung, der Inhalt bleibt am Ende aber doch ohne große Substanz.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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