Kritik

All Day and a Night Netflix

„All Day and a Night“ // Deutschland-Start: 1. Mai 2020 (Netflix)

Eigentlich hatte Jahkor Abraham Lincoln (Ashton Sanders) immer davon geträumt, als Rapper Karriere zu machen. Doch schon von klein auf war sein Leben von Gewalt geprägt, musste er sich als Kind gegen andere wehren. Vor allem aber sein Vater JD (Jeffrey Wright) trug viel dazu bei, dass er sich durchs Leben kämpfte, im Zweifel die Fäuste sprechen ließ. Und auch wenn Jahkor nie so werden wollte wie JD, den er für seine Brutalität verabscheute, am Ende landete er doch im Gefängnis – jenem Gefängnis, in dem auch sein Vater eine Haftstrafe absitzt …

Wie sehr sind wir in der Position, unser Leben zu bestimmen? Wie sehr sind wir von diesem bestimmt? Das sind Fragen, die Joe Robert Cole in seinem neuesten Film, der Netflix-Produktion All Day and a Night stellt. Zuletzt hatte dieser als Drehbuchautor bei zwei überaus erfolgreichen Titeln mitgewirkt. Zuerst war dies in The People v. O. J. Simpson, aus der Krimi-Anthologie American Crime Story. Danach arbeitete er an dem Marvel-Blockbuster Black Panther, das Superhelden-Konventionen mit einer Ausführung zur Unterdrückung von Schwarzen verband und mit dem Aufarbeitung eines kollektiven Schmerzes einen absoluten Nerv traf.

Teufelskreis der Gewalt
All Day and a Night
 ist nun ein bisschen die Mischung aus beiden Thematiken. Zum einen spielt der Film komplett in einem kriminellen Milieu, kaum einer hier, der nicht irgendwelche Verbrechen begeht. Zum anderen berichtet der Film aus einem Ghetto von Afroamerikanern, das selbst zu einem Gefängnis geworden ist. Wer hier aufwächst, wird von Anfang an unterdrückt, sei es von den eigenen Mitgliedern oder dem rassistisch geprägten Rest-Amerika. In diesem Milieu heißt es schon früh, dass man sich mit Gewalt durchsetzen muss. Zerstöre andere, damit sie dich nicht zerstören, lautet hier das Lebensmotto.

Das Ziel Coles ist dadurch klar: Er will einen Teil der Gesellschaft aufzeigen, der von Anfang an in einem Teufelskreis gefangen ist und nur wenige Chancen hat, aus diesem auszubrechen. Zu diesem Zweck springt der Netflix-Film kontinuierlich zwischen mehreren Zeitebenen hin und her: Jahkor, meistens Jah genannt, als kleiner Junge, als junger Erwachsener und als Insasse im Gefängnis. Einer beliebten Erzähltechnik im Genrefilm folgend beginnt die Geschichte gegen Ende mit einer besonders krassen Szene und zeigt anschließend, wie es zu diesem Moment kommen konnte.

Die übliche toxische Männlichkeit
Wobei anders als in vielen Fällen der Weg dorthin ohne größere Überraschungen oder Wendungen einhergeht. Die fragmentarische Erzählstruktur versucht das zwar ein wenig zu überdecken, aber im Grunde weiß man von den ersten Minuten an ziemlich genau, worum es insgesamt gehen wird. Szenen, in denen der Vater den Sohn verprügelt. Szenen, in denen der Sohn andere verprügelt. Szenen, in denen die Frauen hilflos danebenstehen, gegen die sinnlose Gewalt anschreien, aber nicht ernstgenommen werden: All Day and a Night, das ist konzentrierte toxische Männlichkeit, wenn der Selbstwert der Leute davon abhängt, wer über wen bestimmt. Wer andere nicht verprügeln kann, der ist nichts wert.

Das beschert uns einige gute Szenen, gerade auch mit Jeffrey Wright als bedrohlichem Schatten, der über dem Leben des Jungen liegt. Oft ist der Film aber auch ein bisschen beliebig in der Darstellung. So nachvollziehbar das Anliegen eines Fatalismus ist, aus dem es kaum Entrinnen gibt, packend ist dieser aufgrund der vielen Klischees nicht gerade. Man entwickelt auch nicht wirklich ein Gespür für das Viertel, das ebenso zerfleddert ist wie die Geschichte, da waren beispielsweise On My Block und Blindspotting deutlich interessanter und persönlicher. Wer deren humoristische Ausrichtung nicht mag und stattdessen lieber ein düsteres Krimidrama sehen will, der macht hiermit zwar nicht wirklich was verkehrt. Aber es fehlt eben eine Vision, sowohl von den Figuren wie auch von Cole.

Credits

OT: „All Day and a Night“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Joe Robert Cole
Drehbuch: Joe Robert Cole
Musik: Michael Abels
Kamera: Jessica Lee Gagné
Besetzung: Jeffrey Wright, Ashton Sanders, Yahya Abdul-Mateen II, Jalyn Hall

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All Day and a Night
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All Day and a Night
„All Day and a Night“ erzählt von einem schwarzen Jungen, der in einem Umfeld der Gewalt groß wurde und später auch selbst gewalttätig wurde. Das Krimidrama rund um Fatalismus und toxische Männlichkeit hat einige gute Szenen, wiederholt oft aber nur Klischees, ohne daraus eine eigenständige Vision zu machen.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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