Hunde Dogs Netflix

„Hunde – Staffel 1“ // Deutschland-Start: 16. November 2018 (Netflix)

Ein bisschen skeptisch durfte man hier natürlich schon sein. Eine Netflix-Dokuserie über Hunde, die kurz vor Weihnachten erscheint, das riecht nach jeder Menge Zucker. Wenn die Serie auch noch den nicht unbedingt vor Kreativität leuchtenden Titel Hunde trägt, dann ist das Urteil bereits gefällt, noch bevor die erste Folge lief: Das ist billig zusammengeschusterter Kitsch, der mit großen Welpenaugen und schwülstiger Musik die Leute zu Tränen rühren will, ungeniert die Gefühle des Publikums manipuliert, Informationen durch nichtssagende Wohlfühlemotionen ersetzt. Am Ende kam es aber doch etwas anders.

Schon ein Blick auf die beteiligten Regisseure verrät, dass sehr viel profunder und professioneller gearbeitet wurde, als man im Vorfeld hätte erwarten können. Eine ganze Reihe namhafter Filmemacher und Filmemacherin sind hier beteiligt, darunter die Oscarpreisträger T.J. Martin, Daniel Lindsay und Roger Ross Williams (Life, Animated). Die Folgen sind zudem überraschend lang: Wo viele Netflix-Dokus zuletzt sehr komprimiert vorgingen und komplexe Themen in verdauliche Häppchen à 20-30 Minuten quetschen wollten – etwa Follow This oder Fragen Sie Ihren Arzt –, da nahm man sich hier richtig viel Zeit. Etwa 50 Minuten dauert jede der sechs Episoden, was sehr üppig ist, manchmal vielleicht sogar etwas zu lang.

Von der Zeit überholt
Die Zeit ist insbesondere in der dritten Folge zu spüren. Ice auf dem See erzählt die Geschichte eines italienischen Fischers, dessen berufliche Zukunft immer unsicherer wird. In ruhigen Bildern und einer oft zu spürenden Melancholie erleben wir hier eine Welt im Wandel, während wir wortlos über das Wasser schippern. Von einem Wohlfühlszenario kann hier nicht die Rede sein, trotz des anwesenden Hundes Ice, der als treuer Freund zur Seite steht, insgesamt aber seltsam unwichtig für den Fortgang und die Problematik ist.

Andere Episoden stürzen sich dafür umso mehr auf die vierbeinigen Begleiter. Etwas kurios ist die Folge Scheren weglegen, die von Hundefriseur-Wettbewerben handelt. Richtig emotional wird es hingegen bei Bravo, Zeus. Dort lernen wir einen jungen Syrer kennen, der bei der Flucht aus seinem Heimatland seinen geliebten Hund zurücklassen musste. Immer wieder wird gezeigt, wie er mit Leuten aus der Heimat skypt, um Zeus auf diese Weise sehen zu können. Das Persönliche trifft hier mit dem Gesellschaftlichen zusammen, so wie die Serie allgemein die komplexe Beziehung zwischen Mensch und Tier beleuchtet.

Nicht auf den Hund gekommen
Über die Tiere selbst erfahren wir dabei jedoch nichts. Wer sich von Hunde eine tatsächliche Tierdokumentation erhofft, die etwas über Hunde als solche zu sagen hat, der ist hier völlig falsch. Bei der von Glen Zipper entwickelten Serie geht es vielmehr darum, welche Bedeutung die Vierbeiner in unserem Leben haben können. Mal spenden sie Trost in schwierigen Zeiten, können Freunde sein. In der ersten Folge Das Kind mit dem Hund geht das noch etwas weiter, wenn der Hund darauf abgerichtet wird, Anzeichen eines epileptischen Anfalls zu erkennen und das Umfeld zu warnen.

Die letzten beiden Folgen befassen sich hingegen mit dem Thema: Was wenn die Liebe zum Hund irgendwann weg ist? Dafür reisen wir nach Costa Rica, wo ein Freiluftgelände mehr als zweihundert ausgesetzten Hunden ein neues Leben ermöglicht. Zum Abschluss geht es um das Thema Adoption. Dass die beiden thematisch ähnlichen Folgen direkt hintereinander kommen, ist nicht ganz glücklich. Denn Hunde lebte vorher von der Abwechslung, sowohl was die Inhalte wie auch die Stimmung angeht. Sehenswert ist die Serie dennoch, teilweise selbst für Zuschauer, die mit Hunden nichts anfangen können. Denn was die Regisseure und Regisseurinnen hier zu erzählen haben, sagt oft mehr über die Menschen und ihr Miteinander aus als über unsere vierbeinigen Begleiter.

Hunde – Staffel 1
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Hunde – Staffel 1
Der Titel klingt wenig spektakulär, trifft es auch gar nicht so sehr: Bei „Hunde“ geht es weniger um die Tiere an sich, sondern vielmehr um die komplexen Beziehungen zwischen Menschen und Hunden. Das ist überraschend abwechslungsreich, von kurios bis zu melancholisch, und sagt oft mehr über die Welt der Menschen aus als über die der Tiere.
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