Ghul Ghoul Netflix
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Ghul

Ghul Ghoul Netflix
„Ghul“ // Deutschland-Start // Netflix: 24. August 2018

Indien in der nahen Zukunft: Das Land wird von einem autoritären Regime regiert, das mit voller Härte gegen jeden vorgeht, der anders ist, anders denkt oder in einer sonstigen Form gefährlich werden könnte. Im Zweifelsfall hat der Staat oberste Priorität, der sich persönliche Befindlichkeiten unterzuordnen haben. Das muss auch Nida Rahim (Radhika Apte) erkennen, die sich eines Tages gezwungen sieht, ihren eigenen Vater für dessen revolutionäres Gedankengut an die Behörden auszuliefern. Sie selbst ist dabei eine Spezialistin für Verhöre, eine Fähigkeit, die sie unter Beweis stellen soll, als der gefährliche mutmaßliche Terrorist Ali Saeed (Mahesh Balraj) gefangen wird. Doch schon bald müssen sowohl Nida wie auch der befehlshabende Leutnant Dacunha (Manav Kaul) erkennen, dass mehr hinter dem Gefangenen steckt und etwas nicht mit rechten Dingen zugeht.

Die eigenen Welteroberungspläne lassen den Unterhaltungsgiganten Netflix zuletzt immer wieder auch in Indien Halt machen – mit erstaunlich vielseitigen Ergebnissen, fernab von Bollywood. Lust Stories war eine Episodenkomödie über Liebe im heutigen Indien, Der unsterbliche Brij Mohan erzählte die humorvoll gemeinte Geschichte eines Wäscheverkäufers, der zum Mörder wird. Am bekanntesten war aber sicher der Thriller Der Pate von Bombay, der allein dadurch schon Schlagzeilen machte, dass es sich um die erste indische Serienproduktion des Streaminganbieters handelte.

Eine düstere Serie, die keine ist
Nun liegt Nummer zwei vor, gewissermaßen zumindest. Eigentlich war Ghul, international als Ghoul vermarktet, als Film angedacht. Netflix beschloss jedoch, dies auf eine Serie auszuweiten. Abgesehen von einer stärker auf Dreiteilung ausgerichteten Struktur merkt man jedoch nur wenig Unterschied. Selbst die Länge unterscheidet sich nicht sonderlich von einem herkömmlichen Film, die drei Episoden zusammen dauern gerade mal 136 Minuten. Auffällig dafür ist jedoch, dass Ghul – anders als die obigen Indien-Importe – auf Deutsch synchronisiert wurde. Offensichtlich machte man sich hier mehr Hoffnungen auf Massenerfolge, befeuert sicherlich dadurch, dass es sich um eine Coproduktion mit Blumhouse handelt. Und die sind inzwischen ja als Lieferant billig produziertet, höchst profitabler Horrorfilme zu einer eigenen Marke geworden. Aktuelle Beispiele sind unter anderem Wahrheit oder Pflicht und The First Purge.

So wie viele Produktionen, an denen Blum beteiligt ist, gilt aber auch hier: Richtig ambitioniert ist das nicht. Spannend fängt Ghul an, wenn uns Regisseur und Drehbuchautor Patrick Graham ein dystopisches Indien zeigt, in dem Unterdrückung an der Tagesordnung steht. Und vor allem an der Nachtordnung: Sonne ist während der gut zwei Stunden nicht zu sehen, hier spielt sich alles entweder nachts oder in dunklen Gebäuden ab. Vom Farbspektakel Bollywood keine Spur, es dominieren Grau und Schwarz, als ob es schon länger kein Morgen mehr gäbe. Das ist nicht sonderlich subtil, funktioniert aber, legt die Atmosphäre für den Horrortrip fest.

Wenn 1 + 1 zu viel ist … und zu wenig
Problematischer ist da schon die Idee, eigentlich zwei Geschichten miteinander verbinden zu wollen. Da wäre auf der einen Seite die durch das Szenario vorgegebene: Ghul erzählt von einer Welt voller Angst und Gehirnwäsche, in der jeder jeden verraten würde. Eine Art 1984, nur eben in Indien. Das ist als Idee reizvoll, wird hier aber kaum ausgearbeitet. Nach dem stärker auf Terror schielenden Anfang mit einer psychologischen Komponente wechselt die Serie anschließend zu einem reinen übernatürlichen Horror. Aber auch hier verpasst es Ghul, sich eine eigene Identität aufzubauen. Anders als der Geheimtipp Under the Shadow, der geschickt iranisches Gesellschaftsporträt mit folkloristischem Horror verband, kommt hier beides zu kurz. Dass sich Graham für sein titelgebendes Monster in der persisch-arabischen Mythologie bediente, anstatt sich in der indischen umzuschauen, ist das bedauerlichste Versäumnis. Von Horror made in India ist hier nichts zu sehen.

Sieht man einmal darüber hinweg, dass Ghul nicht nur das anfängliche Szenario, sondern auch die Chance auf originären Grusel vergeudet, ist die Serie aber doch zumindest solide. Vor allem Mahesh Balraj als mysteriöser Gefangener hinterlässt einen guten, weil tatsächlich furchteinflößenden Eindruck. Mit einem übernatürlichen Wesen in einem Verlies eingesperrt zu sein, ist zudem immer dankbar. So richtig viel wurde daraus dann aber doch nicht gemacht, auch die Fähigkeiten des Ghuls werden viel zu wenig genutzt, von den langweiligen Figuren ganz zu schweigen. Vom erhofften Highlight ist die Jagd auf Verbrecher und Monster daher leider weit entfernt. Als Horror für einen Videoabend ist diese exotisch angehauchte Variante aber nicht die schlechteste Wahl.



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Ein dystopisches Indien kämpft gegen Rebellen und gegen ein übernatürliches Monster: Die Kombination ist interessant, so wie „Ghul“ insgesamt einige spannende Einfälle hat. Insgesamt enttäuscht die indische Horror-Miniserie jedoch, da sie weder das Szenario noch die Fähigkeiten des Ghuls wirklich ausnutzt, zumal die Chance verpasst wurde, sich mit einer tatsächlich indischen Kreatur aus dem überlaufenen Genreumfeld abzusetzen.
5
von 10