Kritik

Schon wieder Weihnachten Tudo Bem No Natal Que Vem Netflix

„Schon wieder Weihnachten“ // Deutschland-Start: 3. Dezember 2020 (Netflix)

So richtig viel hat Jorge (Leandro Hassum) ja nicht übrig für Weihnachten. Entsprechend verhalten ist seine Freude, als er für die Familie den Weihnachtsmann spielen und auf dem Dach herumturnen soll. Der Auftritt endet dann auch mit einer Katastrophe, genauer einem unglücklichen Sturz. Die Blessuren halten sich dabei in Grenzen. Doch eine Sache ist eigenartig: Als er am nächsten Tag erwacht, ist schon wieder Weihnachten, nur ein Jahr später. Was in der Zwischenzeit geschehen ist, daran kann er sich beim besten Willen nicht erinnern. Und das ist nur der Anfang, denn jedes Jahr an Weihnachten scheint er zu einem anderen Menschen zu werden, der die vorangegangenen 364 Tage vergessen hat und damit alle Veränderungen, die eingetreten sind. Und sind jede Menge, denn sein anderes Ich ist nicht gerade untätig gewesen …

Ein Jahr voller Weihnachten
„Ja is’ denn heut schon Weihnachten“ ertönte es Ende der 90er und traf derart einen Nerv, dass auch mehr als zwanzig Jahre später sich jeder noch daran erinnert. Kein Wunder, hat man doch irgendwie jedes Jahr das Gefühl, dass Weihnachten immer früher kommt. Das mag damit zusammenhängen, dass eigentlich schon Anfang November überall Werbung gemacht wird, das eigentliche Fest also inklusive medialer und kommerzieller Vorbereitung rund zwei Monate in Anspruch nimmt. Es ist aber sicher auch Ausdruck des Phänomens, dass das Jahr immer so schnell vorbei ist, weil man mit irgendwelchem Kram beschäftigt ist, man deshalb trotz des zu erwartenden Ereignisses jedes Mal aufs Neue davon eiskalt erwischt wird, wenn es wieder vorbei sein soll.

Auf gewisse Weise ist der Netflix-Titel Schon wieder Weihnachten der Film zu diesem Phänomen, wenn es in dem Leben eines Mannes plötzlich nur noch den Weihnachtstag gibt, alles andere aus seinem Bewusstsein verschwunden ist. Das hört sich nach einem Zeitschleifenfilm an, vergleichbar etwa zu Hello Again – Ein Tag für immer, bei dem die Protagonistin jeden Tag aufs Neue die Hochzeit eines Freundes durchleben muss. Tatsächlich wurde die brasilianische Komödie auch als ein solcher Titel an manchen Stellen verkauft. Das stimmt jedoch nicht wirklich, denn im Gegensatz zu den Kollegen gibt es hier durchaus eine fortlaufende zeitliche Abfolge, anstatt immer wieder zum Anfang zurückzukehren. So springen wir von Weihnachten zu Weihnachten, anstatt jedes Mal dasselbe Weihnachten zu durchleben.

Das wird vor allem zu Beginn zum Zwecke der Komik verwendet. Verständlich, diese Form der Amnesie ist so eigenartig, dass man sie kaum jemand anderem erklären kann. Leider ist es aber keine besonders geglückte Komik. Natürlich ist man schon irgendwie neugierig, was man beim Sprung in die Zukunft wohl als nächstes geschehen wird, zumal es in der Familie von Jorge hoch hergeht. Gerade weil die ganzen Zwischenschritte fehlen, bedeutet Schon wieder Weihnachten zelebriertes Chaos. Diese an und für sich witzige Idee wird jedoch kaum variiert. Es fehlen die Einfälle und die Abwechslung, um die fortlaufende Hysterie auch unterhaltsam zu gestalten. Die Vorstellung, dauerhaft an diese Figuren gefesselt zu sein und ständig dieselben langweiligen Witze zu hören, die sorgt mehr für Frust als Lust.

Nutzt das Leben!
Erst spät entschließt sich Drehbuchautor Paulo Cursino, aus dem Ganzen mehr als ein hektisches Wechselspiel zu machen. Dass es bei dem Film um eine Lektion geht, die Jorge und das Publikum lernen sollen, das wird bei Schon wieder Weihnachten zwar früh klar. Wie beim Urvater, Die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens, geht es um die übliche Besinnung auf das Wesentliche und das Öffnen der Herzen. So etwas kann schnell kitschig werden, geht hier aber mit der anderen Erkenntnis einher: Wie schnell so ein Leben vorbei sein kann, weil man dauernd mit anderem, vermeintlich wichtigerem beschäftigt war. Es geht hier eben doch nicht nur um Weihnachten, sondern grundsätzlich bewusst gelebte Lebenszeit.

Das macht den Film nach einer größeren Durststrecke im Mittelteil noch einmal deutlich sympathischer. In den besten Momenten erinnert das an Us and Them, welches von dem auf und ab eines Paares erzählte, indem wir nur deren aufeinanderfolgenden Silvesterabende erlebten und uns den Rest zusammenreimen musste. Daraus hätte man insgesamt noch deutlich mehr machen können, gerade im Hinblick auf den Humor. Das Ergebnis wird weder dem originellen Szenario, noch der dahinter liegenden Absicht wirklich gerecht. In der Flut doch sehr gleichförmiger Netflix-Weihnachtskomödien ist diese hier aber doch eine der interessanteren.

Credits

OT: „Tudo Bem No Natal Que Vem“
IT: „Just Another Christmas“
Land: Brasilien
Jahr: 2020
Regie: Roberto Santucci
Drehbuch: Paulo Cursino
Kamera: Julio Costantini
Musik: Lucas Marcier, Fabiano Krieger, Gustavo Salgado
Besetzung: Leandro Hassum, Elisa Pinheiro, Danielle Winits, Louise Cardoso, Rodrigo Fagundes, Arianne Botelho, Miguel Rômulo

Bilder

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Schon wieder Weihnachten
In „Schon wieder Weihnachten“ erlebt ein Mann nur noch Weihnachten und vergisst alles, was dazwischen vorgefallen ist. Das Szenario ist originell, später wird es auch genutzt, um sympathische Lebensweisheiten mit auf den Weg zu geben. Der Humor kann da aber nicht mithalten, ist über weite Strecken langweilig und gleichförmig.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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