The Irishman Netflix
© Netflix

The Irishman

The Irishman
„The Irishman“ // Deutschland-Start: 14. November 2019 (Kino) // 27. November 2019 (Netflix)

Frank Sheeran (Robert De Niro) arbeitet als Fahrer für eine Fleischerei, als er die Bekanntschaft des Gangsterbosses Russell Bufalino (Joe Pesci) macht. Eine reguläre Arbeit kommt danach nicht mehr in Frage, stattdessen verdient der in den USA lebende Ire jetzt sein Geld damit, dass er diverse Aufträge für die Clans erledigt – vom Eintreiben von Schulden bis zum Mord. Auf diese Weise lernt er auch Jimmy Hoffa (Al Pacino) kennen, den mächtigen Gewerkschaftsführer, der gerade von mehreren Seiten aus unter Druck steht. Auf Anhieb verstehen sie sich gut, Frank wird bald auch zu einem Bodyguard Jimmys. Doch das Verhältnis wird immer wieder auf eine harte Probe gestellt, da sich der notorisch streitsüchtige Gewerkschafter auch innerhalb der Gangsterreihen bald Feinde macht …

Zuletzt stand Martin Scorsese wieder ungewohnt im Rampenlicht. Das hat aber nur zum Teil mit seinem neuen Werk, der Netflix-Produktion The Irishman, zu tun. Vielmehr ist es seine öffentlich ausgetragene Fehde mit Marvel, denen er jede künstlerische Relevanz abspricht, die für viel Aufmerksamkeit sorgten. Das ist auch deshalb irgendwie komisch, weil der aktuelle Film des Altmeisters einiges mit den Titel des Comic-Universums gemeinsam hat. So ist die Geschichte um einen Gangster extrem lang (dreieinhalb Stunden), extrem teuer (159 Millionen Dollar) und setzt auch die umstrittene Technik ein, Schauspieler und Schauspielerinnen mittels Computer zu verjüngen. So wie es diverse Marvel-Filme, darunter The First Avenger: Civil War, Ant-Man and the Wasp und Captain Marvel, getan haben.

Du siehst aber jung aus!
Im Fall von The Irishman ist dieses sogenannte „de-aging“ aber kaum zu vermeiden. Die Geschichte beginnt in den 1950ern und endet rund ein halbes Jahrhundert später. Wer da immer mit denselben Schauspielern arbeiten will, der muss zwangsläufig in die Trickkiste greifen, vor allem wenn diese eine jüngere Fassung von sich selbst verkörpern. Ein bisschen irritierend sind diese künstlichen Jungbrunnenmaßnahmen schon. Vor allem können sie nicht komplett kaschieren, dass die Darsteller so alt sind, wie sie eben sind. Da mögen noch so viele Falten aus De Niros Gesicht gebügelt worden sein, wenn er sich bewegt, sieht man deutlich, dass es sich um einen Mann jenseits der 70 handelt. Vor allem an zwei Szenen wird diese so offensichtliche Diskrepanz zwischen Erscheinung und Bewegung etwas irritierend.

Aber diese kleineren Makel fallen nicht weiter ins Gewicht, zumal The Irishman fast völlig auf verräterische Actionszenen verzichtet. Das soll nicht bedeuten, dass das Gangsterepos gewaltfrei wäre. Der Body Count ist recht hoch, wird aber meistens nur erwähnt. Stirbt doch mal jemand auf der Leinwand, sind die Szenen kurz. Da wird in den Kopf geschossen und einfach weitergelaufen, so als wäre nie etwas geschehen. Das wird ein Publikum entsetzen, das mit solchen Gangsterfilmen vor allem nervenaufreibende Schusswechsel oder vielleicht Verfolgungsjagden in Verbindung bringt. Beides gibt es hier nicht, Scorsese hat seinen Film bewusst zurückhaltend und spröde inszeniert.

Das wird der eine oder andere vielleicht als langweilig empfinden, passt aber sehr gut zu dem Inhalt des Films. The Irishman will eben kein cooler Mafiafilm sein, wie Scorsese und andere sie früher gedreht haben. Vielmehr entlarvt der Altmeister seine Figuren als selbstverliebte Großmäuler, die sich wegen der kleinsten Bedeutungslosigkeiten in die Haare bekommen können. Sie wirken eher wie eine Gruppe Halbstarker, nur eben mit zunehmend tiefen Falten. Gleichzeitig wird mit der Zeit deutlich, wie wenig die Verbrecher von ihren Leben haben. Sie mögen gefürchtet sein, über Geld und Macht und schöne Häuser verfügen. Aber sie sind gleichzeitig nichts, können keine wirklichen Familien aufbauen und müssen zu jeder Zeit befürchten, dass ihnen ihre „Freunde“ in den Rücken fallen.

Die Tragik eines gewalttätigen Lebens
Insbesondere Frank verwandelt sich mit der Zeit in eine geradezu tragische Figur, wenn von ihm im Alter nur ein erbärmliches Nichts übrig bleibt, verlassen von allen. Das macht ihn nicht zwangsläufig sympathisch. Allgemein gibt es in The Irishman nur wenige, mit denen man sich identifizieren kann oder will. Man ist nicht einmal sonderlich fasziniert von ihnen, da Scorsese ihnen den Coolnessfaktor vorenthält. Dass man ihnen dennoch gern zusieht, ist der Verdienst des Ensembles, Robert De Niro, Al Pacino und Joe Pesci zeigen im hohen Alter noch einmal Meisterleistungen, die man ihnen nach diversen Wegwerfproduktionen so nicht mehr zugetraut hätte. Während Pacino lautstark herumpoltert, sind die beiden anderen deutlich ruhiger unterwegs, zeigen aber durch die minimalistisch-leisen Szenen, dass weniger manchmal eben mehr ist.

Ob es dieses „mehr“ für die Laufzeit unbedingt gebraucht hätte, darüber kann man sich natürlich streiten. Gerade auch weil Drehbuchautor Steven Zaillian (Schindlers Liste, Mission: Impossible) keine geradlinige Geschichte erzählt, sondern stattdessen ein groß angelegtes Porträt entwirft, kommt es zwangsläufig zu Redundanzen und massenweise Figuren, die kaum genutzt werden. Und doch merkt man dem Film seine Länge nicht annähernd so an wie zuvor befürchtet. Ob es die erstaunlich komischen Momente sind, die ohne die heute so inflationär gebrauchten One-Liner auskommen, oder auch die etwas vertrackte Erzählweise, die immer wieder den Zeitfluss unterbricht, Scorsese findet immer Mittel und Wege, um doch noch für Abwechslung zu sorgen. Für das von ihm zuletzt so verachtete Blockbuster-Kino ist The Irishman trotzdem nichts. Doch der zugleich nostalgische und doch auch mutige Abgesang auf klassische Gangstergeschichten gehört zum Besten, was das aktuelle Filmjahr hervorgebracht hat.



(Anzeige)

Der Film ist lang, eher spröde, zudem manchmal verwirrend erzählt: „The Irishman“ richtet sich bewusst gegen das aktuelle Blockbusterkino, wenn die Geschichte um einen Gangster die erbärmlichen und tragischen Seiten eines solchen Lebens in den Vordergrund rückt. Nicht alles davon überzeugt. Und doch ist dieser Gegenentwurf zum klassischen Gangsterepos ein Glücksfall, nicht zuletzt wegen der herausragenden Darsteller.
9
von 10