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Kritik

You Du wirst mich lieben Netflix

„You – Du wirst mich lieben – Staffel 2“ // Deutschland-Start: 26. Dezember 2019 (Netflix)

Nach seinen etwas unglücklichen Erfahrungen zuletzt in Sachen Liebe stehen für Joe Goldberg (Penn Badgley) die Zeichen auf Neuanfang. Eine neue Identität, die er jemandem gestohlen hat. Eine neue Arbeit. Und natürlich auch eine neue Flamme: Jetzt ist es Love Quinn (Victoria Pedretti), die es ihm angetan hat. Die Schöne ist sogar tatsächlich nicht uninteressiert. Die Sache hat nur einen Haken, genauer zwei. Zum einen wäre da Forty (James Scully), Loves drogenabhängiger Zwillingsbruder, der immer wieder Ärger bereitet. Außerdem ist Candace (Ambyr Childers) aufgetaucht, eine weitere Ex von Joe, die leider so gar nicht gut auf ihn zu sprechen ist. Verständlich, schließlich hatte der versucht sie umzubringen und anschließend begraben, ohne zu ahnen, dass sie noch lebt …

You – Du wirst mich lieben war einer der Überraschungshits Ende letzten Jahres für Netflix. Nachdem das Debüt beim US-Paysender Lifetime keine besonders große Resonanz nach sich zog, wurde die Serie dann beim Konkurrenten untergebracht und dort zu einem riesigen Erfolg. Eine Serie über einen Mann, der von einer Frau derart besessen ist, dass er sie auf sozialen Netzwerken stalkt und später zum Mörder wird? Ein charmanter Protagonist, der eigentlich der Antagonist sein sollte? Das ist nicht unbedingt der Stoff, der leicht verkäuflich ist. Ganz schlüssig war das Konzept damals nicht, aber doch interessant genug, damit man bis zum Ende der ersten Staffel ausharrte, die mit einem notorischen Cliffhanger aufwartete.

Ich weiß, was ich will!
Ein Jahr später wird dieser nun aufgelöst, diesmal direkt bei Netflix, die sich die kompletten Rechte gesichert haben. Und es dürfte schon ein ziemliches Wunder sein, wenn Staffel 2 nicht den Erfolg der Vorgängerin wiederholen sollte. Erneut wird hier ein Roman der Autorin Caroline Kepnes verarbeitet. Erneut steht Joe im Mittelpunkt, selbst wenn der sich nun Will nennt. Erneut geht es um Obsessionen, um gewaltige Liebe und menschliche Abgründe. Beim zweiten Anlauf klappt das Ganze sogar noch einmal ein ganzes Stück besser als beim Auftakt: Wo You – Du wirst mich lieben zu Beginn noch ein bisschen orientierungslos durch die Gegend rann und zwischendurch die eigenen Themen vergaß, da ist das hier durchdachter, in sich stimmiger.

Die zweite Staffel profitiert dabei vor allem von den Figuren. Anders als beim letzten Mal, als die Geschichte komplett von Joe abhing, gibt es jetzt eine ganze Reihe von Charakteren, die etwas zu sagen haben – oder zumindest auf eine unterhaltsame Weise kaputt sind. Da wären natürlich die beiden Quinn-Geschwister, die zwar mit viel Geld, aber ohne Halt und Zuneigung aufgewachsen sind und entsprechend wenig mit dieser Welt zurechtkommen. In deren Umfeld treiben sich einige meinungsstarke Gestalten herum. Und dann wären da auch noch die zwei Schwestern Delilah (Carmela Zumbado) und Ellie (Jenna Ortega), die nebenan wohnen und immer wieder für Trubel sorgen. So viel Trubel, dass Joe manchmal aus seiner eigenen Geschichte geschoben wird, er zum bloßen Beobachter degradiert wird.

Unser tödliches Chaos
Das kommt etwas unerwartet, ist jedoch durchaus interessant. You – Du wirst mich lieben ist nun nicht mehr die Geschichte eines Stalkers, sondern die eines Mannes, der aufrichtig für andere das Beste will. Er ist nur nicht besonders gut darin, das Beste auch zu tun. Immer wieder enden Situationen ganz anders als von ihm gedacht, seine regelmäßigen Manipulationsversuche führen manchmal ans Ziel, haben manchmal aber auch das komplette Gegenteil zur Folge. Darin liegt ein guter Teil des Unterhaltungswertes: Man weiß oft nicht, was als nächstes geschehen wird. Obwohl Joe aka. Will an und für sich vorhersehbar ist, kommt vieles dann doch anders, als man zuvor gedacht hat, hier gibt es unentwegt neue Wendungen und ungeplante Abzweigungen.

Glaubwürdig ist das natürlich nicht. Anders als die erste Staffel hat die zweite an und für sich auch nicht wirklich etwas Relevantes zu sagen über unsere Gesellschaft oder zwischenmenschliche Beziehungen – die kleinen Versuchen, Joe durch eine tragische Vorgeschichte mehr Tiefe zu verleihen, sind dafür zu dünn. Gleiches gilt für die Aspekte Geschlechterrollen und soziale Ungerechtigkeit: Da wäre deutlich mehr drin gewesen. Aber es macht einfach Spaß zuzusehen, wie das Ganze immer weiter eskaliert und immer absurder wird. Zuweilen hat You – Du wirst mich lieben durchaus was von einer schwarzen Komödie, wenn einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Was im einen Moment noch selbstironisch überzogen wird, kann im nächsten schon schockieren. Wer die erste Staffel mochte, sollte hier grundsätzlich reinschauen, trotz der Änderungen. Prinzipiell könnte man aber auch direkt bei den neuen zehn Folgen einsteigen, da diese zwar auf der Vorgeschichte aufbauen, jedoch kaum Vorkenntnisse voraussetzen.

Credits

OT: „You“
Land: USA
Jahr: 2019
Regie: Kevin Rodney Sullivan, Silver Tree, John Scott, DeMane Davis, Cherie Nowlan, Meera Menon, Shannon Kohli, Harry Jierjian, Silver Tree
Drehbuch: Sera Gamble, Michael Foley, Neil Reynolds, Justin W. Lo, Amanda Johnson-Zetterström, Adria Lang, Kelli Breslin, Kara Lee Corthron, Mairin Reed
Vorlage: Caroline Kepnes
Musik: Blake Neely
Kamera: Cort Fey, Seamus Tierney
Besetzung: Penn Badgley, Victoria Pedretti, Jenna Ortega, James Scully, Ambyr Childers, Carmela Zumbado, Robin Lord Taylor



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You – Du wirst mich lieben – Staffel 2
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You – Du wirst mich lieben – Staffel 2
In der zweiten Staffel von „You – Du wirst mich lieben“ versucht der liebeskranke Protagonist, ein guter Mensch zu werden – und macht damit alles nur noch schlimmer. Die gesellschaftlich relevanten Aspekte des Auftakts sind leider Vergangenheit. Dafür ist die Serie in sich stimmiger und macht durch die vielen Wendungen und ständigen Eskalationen Spaß, was auch den interessanteren Figuren drumherum zu verdanken ist.
8von 10

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