Kritik

Der schwarze Diamant Uncut Gems Netflix Adam Sandler

„Der schwarze Diamant“ // Deutschland-Start: 31. Januar 2020 (Netflix)

Juwelen, Uhren, Armbänder, der New Yorker Händler Howard Ratner (Adam Sandler) verkauft so ziemlich alles, was glitzert und funkelt. Die Geschäfte laufen dabei nicht schlecht, da er sich gern auf eine zahlungskräftige Kundschaft verlässt, die vieles nicht so eng sieht. Howard tut das ebenso wenig, gerade auch im Hinblick auf seine vielen Sportwetten. Da werden schon mal die Besitztümer seiner Kunden verpfändet, um noch die große Kohle machen zu können – was ihm regelmäßig Ärger einbringt. Doch das könnte jetzt ein Ende haben, schließlich hält er endlich den schwarzen Opal in Händen, der ihm mindestens eine Million Dollar bringen soll. Zumindest hielt er ihn in Händen, bis Basketball-Star Kevin Garnett ihn zu Gesicht bekam und nun unbedingt als Glücksbringer fürs nächste Spiel braucht …

Adam Sandler und Netflix, das ist eine überaus produktive Kooperation, der US-amerikanische Komiker hat schon eine ganze Reihe von Filmen für den Streamingdienst gedreht. Sie waren auch erfolgreich, so soll der letzte Titel Murder Mystery vergangenen Sommer das beste Startwochenende eines Netflix-Filmes aller Zeiten vorgelegt haben. Kein Wunder also, dass an den nächsten Werken bereits gearbeitet wird. Der schwarze Diamant ist jedoch kein Teil des Deals. Er ist auch so gar nicht mit dem vergleichbar, was Sandler sonst so macht. Tatsächlich war der Schauspieler schon zehn Jahre zuvor gefragt worden, ob er die Rolle spielen wollte, was er damals ablehnte. Und auch dass der Film in den USA über die Indie-Lieblinge A24 vertrieben wird, zeigt, dass man hier keinen typischen Sandler erwarten sollte.

Unverkennbar anders
Das ist für die Freunde und Freundinnen des Indie-Kinos keine Überraschung, handelt es sich doch um den neuesten Titel der Brüder Josh und Benny Safdie. Die werden seit Jahren schon gefeiert, sind auf vielen Filmfesten daheim, auch die Kritiker liegen den beiden zu Füßen. Außerhalb der Filmenthusiastenkreise nahm man sie aber erst 2017 wahr, als Good Time um die Goldene Palme in Cannes konkurrierte, damals mit Robert Pattinson. Wer den Film kennt, der hat auch schon eine recht gute Vorstellung davon, was ihn bei Der schwarze Diamant erwartet: eine rasante Geschichte, die nie anzuhalten scheint, sehr viel Stilbewusstsein mir Retroanklängen und einen kaum wiederzuerkennenden Hauptdarsteller.

Natürlich, die Fallhöhe ist bei den beiden Schauspielern nicht ganz vergleichbar. Die Verwandlung des anfangs zu Unrecht als Schönling verkannten Pattinson in einen blondierten Kleinganoven war auffälliger. Doch auch Sandler darf als schmieriger Händler ganz neue Seiten an sich zeigen – etwa die eines tatsächlich versierten Darstellers, der mehr kann als Blödelfilme. Ganz auf sein komödiantisches Talent müssen wir hier jedoch nicht verzichten. Während Der schwarze Diamant zu einem Großteil im Thrillergenre verankert ist, gibt es immer wieder komödiantische Einbrüche. Die haben jedoch weniger mit den anderen Werken des Humoristen gemeinsam, sondern erinnern eher an die Looney Toons mit einem stark neurotischen Anstrich.

Ich brauch eine Pause …
Die Art und Weise, wie Howard durch die Stadt rennt, mal irgendwo hin, mal weg von jemandem, die hat schon was von einem Cartoon. Dabei ist es nicht nur die Handlung, die immer wieder den Eindruck erweckt, als würde jemand den Film mit anderthalbfacher Geschwindigkeit abspielen. Auch die Dialoge sind ein Feuerwerk aus Beleidigungen, Feilschereien und Beschwichtigungen, wobei das eine gerne mal ins andere übergeht. Dem Ganzen zu folgen, ist nicht immer einfach, zumal Der schwarze Diamant von Szene zu Szene, von Ort zu Ort springt, ohne dass das eine auf dem anderen aufbauen würde. Obwohl der Film eigentlich chronologisch erzählt wird, entsteht so der Eindruck, dass alles praktisch gleichzeitig passiert.

Das ist überaus anstrengend, zumal der Film mit einer Laufzeit von 135 Minuten nicht unbedingt kurz ist. Aber es ist doch eine überaus lohnende Tour de Force, die weder den Figuren noch dem Publikum auch nur einen Moment der Ruhe vergönnt. Es ist auch sehr spannend: Die Safdie-Brüder spielen überaus geschickt mit Erwartungen, halten sich mal dran, nur um im nächsten Moment etwas völlig anderes zu machen, gerne auch mal etwas völlig absurdes, mit dem Ergebnis, dass man kaum vorhersehen kann, was als nächstes geschieht. Sofern man überhaupt dazu kommt, über die Zukunft nachzudenken. Besser ist es, sich so gut zurückzulehnen, wie es Der schwarze Diamant eben zulässt und einen irren Trip zu genießen, der einen auf positive Weise völlig fertig zurücklässt.

Credits

OT: „Uncut Gems“
Land: USA
Jahr: 2019
Regie: Josh Safdie, Benny Safdie
Drehbuch: Josh Safdie, Benny Safdie, Ronald Bronstein
Musik: Daniel Lopatin
Kamera: Darius Khondji
Besetzung: Adam Sandler, Julia Fox, Idina Menzel, Lakeith Stanfield, Kevin Garnett

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Film Independent Spirit Awards 2020 Bester Film Nominierung
Beste Regie Josh Safdie, Benny Safdie  Sieg
Bester Hauptdarsteller Adam Sandler  Sieg
Bestes Drehbuch Ronald Bronstein, Benny Safdie, Joshua Safdie Nominierung
Bester Schnitt Ronald Bronstein, Benny Safdie  Sieg

Filmfeste

Telluride Film Festival 2019
Toronto International Film Festival 2019



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Der schwarze Diamant
2.85 (56.92%) 26 Artikel bewerten

Der schwarze Diamant
„Der schwarze Diamant“ zeigt Adam Sandler als spielsüchtigen Juwelenhändler, der von einem Unglück ins nächste rennt. Das ist grundsätzlich ein Thriller, aber mit vielen humorvollen Momenten. Das hohe Tempo und die Unvorhersehbarkeit der Ereignisse führen dabei zu einer hohen Spannung, auch wenn der stylisch-dreckige Film so anstrengend ist, dass man im Anschluss erst einmal völlig fertig ist.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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