Kritik

Nach der Razzia After the Raid Netflix

„Nach der Razzia“ // Deutschland-Start: 19. Dezember 2019 (Netflix)

Nicht nur in Europa wird die Debatte um Flüchtlinge und Immigranten hart geführt, in den USA sieht es kein Deut besser aus. Genauer ist der Ton dort noch deutlich rauer: Wo hierzulande und bei unseren Nachbarn eine lautstarke Minderheit gegen alles hetzt, was anders aussieht, da wird in den USA von oberster Stelle nach unten getreten. Das kann verbal sein, Trump ist nicht unbedingt Symbol für Subtilität, sein Wahn von der Mauer wurde längst zum Running Gag. Andere Vorfälle sind viel weniger zum Lachen, wenn Kinder in Käfige gesperrt werden und Familien für immer auseinandergerissen.

Letzteres geschieht auch in Nach der Razzia. Regisseur Rodrigo Reyes hat dieses Thema schon früher mehrfach in seinen Werken aufgegriffen. In dem Doku-Kurzfilm für Netflix nimmt er uns mit in eine Kleinstadt in Tennessee, wo dieses Thema aber nicht allein Inhalt von Debatten ist, sondern konkrete Auswirkungen hatte. Sehr schmerzhafte Auswirkungen: Die Einwanderungsbehörde machte dort vor einiger Zeit eine Razzia, nahm rigoros mit, wer nicht offiziell her gehörte und ließ den Rest verwundert bis verstört zurück.

Der erschütternde Alltag
Reyes unterhielt sich bei Nach der Razzia nun mit eben diesem Rest und ließ sich erzählen, was dieses Ereignis mit ihnen machte. Manche sind unmittelbar betroffen wie eine Frau, die mit ihrem kleinen Kind dort lebt und sich nun alleine darum kümmern muss. Das sind die besonders schmerzhaften Szenen, wenn auf diese Weise vor Augen geführt wird, was das eigentlich heißt Leute auszuweisen. Hier sehen wir eben nicht allein eine Statistik, kein theoretisches für und wider. Aber auch andere Menschen aus dem Ort kommen zu Wort und haben auf ihre Weise mit den Folgen zu kämpfen oder versuchen, etwas gegen die Misere zu tun.

Nach der Razzia spricht dann auch in erster Linie auf der emotionalen Ebene zu einem. Kontexte gibt es relativ wenig, auch wegen der Kürze des Films – rund 25 Minuten – darf man sich inhaltlich nicht zu viel versprechen. Stattdessen baut Reyes auf die Atmosphäre seines Werks, wenn der Ort ein bisschen wie eine Geisterstadt wirkt. Das hat leicht manipulative Tendenzen, auch wegen der Musik. An einer nüchternen Auseinandersetzung mit dem Thema illegale Immigration ist hier niemand interessiert. Aber es ist doch effektiv, wie der Film etwas, das vorher aus Zahlen und Stammtischparolen bestand, zu etwas Menschlichem umwandelt. Und etwas Unmenschlichem mit dazu.

Credits

OT: „After the Raid“
Land: USA, Mexiko
Jahr: 2019
Regie: Rodrigo Reyes
Musik: Pablo Mondragón
Kamera: Alejandro Mejía



(Anzeige)

Nach der Razzia
4 (80%) 8 Artikel bewerten

Nach der Razzia
„Nach der Razzia“ erzählt von einem kleinen Ort in den USA, in dem zahlreiche illegale Immigranten weggeschafft wurden. Der Doku-Kurzfilm ist eine gespenstisch-atmosphärische Demonstration, was dieses Thema im Konkreten bedeutet, auch wenn eine tatsächliche inhaltliche Auseinandersetzung fehlt.
0ohne wertung

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.