Die kleine Schweiz The Little Switzerland La pequeña Suiza Netflix

„Die kleine Schweiz“ // Deutschland-Start: 16. August 2019 (Netflix)

Das ist jetzt irgendwie doof gelaufen. Ewigkeiten hatten sich die Einwohner des kleinen kastilischen Dorfes Tellería darauf vorbereitet, Teil des Baskenlandes zu werden. Hatten sich auch richtig darauf gefreut. Und nichts ist draus geworden. Aber vielleicht gibt es ja eine Alternative? Als Gorka (Jon Plazaola), Historikerin Yolanda (Maggie Civantos) und der Priester Don Anselmo (Secun de la Rosa) in der lokalen Kirche über ein geheimes Grab stolpern, erfahren sie, dass das Dorf eigentlich zum Vermächtnis von Wilhelm Tell gehört – und damit zur Schweiz. Während die einen darin eine einmalige Chance sehen und schon fleißig Schweizer Deutsch und Bräuche lernen, sind andere so gar nicht über diese Entwicklung begeistert.

Auch wenn wir ganz gerne mal Spanien als ein homogenes Land betrachten, so sind die regionalen Unterschiede doch gewaltig. So wird in Barcelona, die zweitgrößte Stadt des Landes, eigentlich kein Spanisch gesprochen, sondern Katalanisch. Für große Schlagzeilen sorgte vor bald zwei Jahren ein umstrittenes Referendum, wonach sich die Region von Spanien lösen wollte. Und dann wären da auch noch die Basken im Norden, die ebenfalls immer wieder mal für ihre Unabhängigkeit kämpfen. Dann und wann werden diese Konflikte auch filmisch bearbeitet, nur wenige davon schaffen es aber bis hierher. Verständlich: Wenn nicht gerade wie in 8 Namen für die Liebe daraus eine Liebeskomödie gemacht wird, fehlen einfach die Anknüpfungspunkte für ein hiesiges Publikum.

Worüber streitet ihr eigentlich?
Ein bisschen hat auch Die kleine Schweiz damit zu kämpfen, dass sie mit doch sehr speziellen kulturellen Konflikten spielt. So ganz erschließt es sich nicht, warum hier wer was tut, der plötzliche Sinneswandel bei der Zugehörigkeit zum Beispiel. Das Baskenland und die Schweiz sind schließlich kaum miteinander zu vergleichen. Andererseits besteht genau darin eben auch der Witz, der Netflix-Film will ja eine Komödie sein und sich über die Thematik lustig machen. Die Versuche, sich die baskische Kultur anzueignen, sind ebenso absurd wie die, plötzlich den Schweizer in sich zu entdecken. Oder das, was man für einen Schweizer hält.

Die kleine Schweiz spielt dabei natürlich genüsslich mit Klischees, sowohl auf die Schweiz wie auch Spanien bezogen. Allzu viele Einsichten sollte man sich davon aber besser nicht erwarten. Das aus immerhin fünf (!) Köpfen bestehende Drehbuchteam nutzt die kuriose Ausgangssituation in erster Linie, um möglichst viel Blödsinn anzustellen. Der hat dann auch nur gelegentlich etwas mit der eigentlichen Geschichte zu tun. Ebenso wichtig war es den Autorinnen und Autoren, einfach die Figuren aufeinander loszulassen und deren Verhältnisse in den Mittelpunkt zu stellen. Da gibt es romantische Gefühle, mal offen, mal weniger, alte Rivalitäten, auch mangelnde Anerkennung kann zu den Problemen führen, mit denen sich die Charaktere herumschlagen. Und Probleme gibt es mehr als genug.

Wenig böse, aber sympathisch
Das ist teilweise tatsächlich unterhaltsam, auf eine harmlos-alberne Art. Die Zahl der Einwohner von Tellería mag recht überschaubar sein, der Prozentsatz von Leuten mit ausgeprägten Macken und Schrullen ist dafür umso größer. Die kleine Schweiz ist dann auch vielmehr eine Dorf-Komödie als eine Kultur-Komödie. Culture-Clash-Elemente werden zwar erwartungsgemäß eingebaut, spielen aber nicht die ganz große Rolle. Schließlich gibt es in dem Film nur wenige Schweizer, an denen man sich reiben könnte. Die meisten Konflikte geschehen innerhalb der Gemeinschaft, die nicht ganz so eingeschworen ist, wie sie immer tut.

Der größte Spaß besteht hier dann auch darin mitanzusehen, wie die Geschichte immer weiter eskaliert. Wie kleine Unachtsamkeiten oder Mauscheleien größer und größer werden, irgendwann komplett bescheuerte und nicht zu rechtfertigende Ausmaße annehmen. Dem Ganzen hätte sich noch etwas mehr Biss ganz gut getan, das satirische Potenzial nutzt der Film nur sehr wenig aus. Dafür ist Die kleine Schweiz ein netter und irgendwie sympathischer Streifen für zwischendurch, der auch von der Sehnsucht spricht, irgendwohin zu gehören. Außerdem ist die spanische Produktion lustiger als so manch andere Komödie, mit der Netflix einen zuletzt gequält hat.



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Die kleine Schweiz
4.36 (87.27%) 11 Artikel bewerten

Die kleine Schweiz
„Die kleine Schweiz“ erzählt von einem kleinen spanischen Dorf, das plötzlich zur Schweiz gehören möchte. Die Komödie hat dabei natürlich einiges über kulturelle Unterschiede zu sagen sowie über die Sehnsucht, irgendwo hin zu gehören. Vor allem aber ist es ein Film über ein Dorf voller kurioser Gestalten. Das ist am Ende harmloser, als es das Thema zugelassen hätte, aber doch irgendwie unterhaltsam und sympathisch schrullig.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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