Kritik

Sergio Netflix

„Sergio“ // Deutschland-Start: 17. April 2020 (Netflix)

Sérgio Vieira de Mello (Wagner Moura) hat so ziemlich die ganze Welt schon gesehen, war als Diplomat der UNO ständig im Einsatz, in zahlreichen Krisengebieten, um den Menschen vor Ort zu helfen. Doch dafür musste sein Privatleben immer hintenanstehen, die Pflicht stand immer an ersten Stelle. So auch, als er im Rahmen einer Mission in den Irak geschickt wird, wo er die Bevölkerung auf dem Weg in die Selbständigkeit unterstützt. Seine Frau Carolina Larriera (Ana de Armas) versucht ihn zwar zu überreden, diese gefährliche Aufgabe nicht anzunehmen. Und wenn es nach Sérgio gegangen wäre, er hätte auch darauf verzichtet. Aber am Ende lässt er sich doch breitschlagen – mit fatalen Folgen …

Er hat Filme über Barrack Obama gedreht, über Terroristen, über Kriege: Wenn sich Greg Barker ein Thema aussucht, dann ist es meistens entweder von gesellschaftlicher oder politischer Relevanz. Bislang hatte er sich dafür die Form der Dokumentation ausgesucht, so auch bei Sergio, einem preisgekrönten Werk aus dem Jahr 2009. Offensichtlich reichte ihm das jedoch nicht aus. Vielleicht hatte er auch immer schon mal davon geträumt, einen Spielfilm mit einem richtigen Ensemble zu drehen. So oder so nahm er sich ein rundes Jahrzehnt später erneut des Themas Sérgio Vieira de Mello an und verarbeitete das Material als fiktionalisierte Version, die verwirrenderweise unter demselben Titel bei Netflix veröffentlicht wurde wie der Dokumentarfilm.

Das Leben als Flickenteppich
Eine Freiheit, die sich das Drama herausnimmt: Der Film hält sich nicht an chronologische Vorgaben. Anstatt beispielsweise das komplette Leben des Diplomaten zu behandeln, wurden einzelne Stationen hieraus ausgesucht. Damit die nicht komplett unvermittelt nebeneinander stehen, gibt es in Sergio eine Art Rahmenhandlung. Genauer ist es der Anschlag im Irak, der den gebürtigen Brasilianer das Leben gekostet hat, der immer wieder Ausgangspunkt für Zeitreisen ist. Beides direkt in einen Bezug zu setzen und Querverbindungen aufzubauen, versuchte Barker jedoch erst gar nicht. Vielmehr ist sein Biopic eine Art Collage aus den unterschiedlichsten Momenten, die zusammen ein Bild ergeben sollen.

Das funktioniert auch vergleichsweise gut. Im Laufe der zwei Stunden lernen wir den Titelhelden als einen Mann kennen, der gleichzeitig mutig und unbeirrbar ist, aber auch einfühlsam auf die Belange der Menschen eingehen kann. Und damit das Ganze nicht zu sehr zu einer reinen Heldenverehrung verkommt – eine häufige Gefahr bei solchen Porträts, ob nun dokumentarisch oder fiktionalisiert –, darf er so sehr von seiner Arbeit besessen sein, dass sein privates Umfeld leidet. Am besten klappt dies in zwei tatsächlich bewegenden Szenen, die seine beiden vernachlässigten Söhne betreffen. Weniger pointiert ist die Beziehung zu Carolina, die wir von der ersten Begegnung bis zum traurigen Ende begleiten.

Liebesleben statt Diplomatenarbeit
Leider ist es aber gerade Letztere, auf die sich Barker aus unverständlichen Gründen versteift. Auch wenn die Chemie zwischen Wagner Moura (Narcos) und Ana de Armas (Knives Out – Mord ist Familiensache) nicht die schlechteste ist und es den einen oder anderen schönen Moment gibt, so wird dieser Aspekt doch über Gebühr in den Mittelpunkt gerückt. So sehr, dass man sich fragt, wovon genau Sergio eigentlich erzählen will. Ist das noch ein Porträt oder soll das mehr eine Romanze sein? Weder erfahren wir durch diese Hochglanz-Szenen etwas Relevantes über den Menschen Sergio, noch gewähren sie uns Einblicke in die wichtige Arbeit des Diplomaten. Für einen Dokumentarfilmer ist das schon etwas eigenartig.

Dabei hat das Drama, das auf dem Sundance Film Festival 2020 Premiere feierte, durchaus starke Augenblicke, die in Erinnerung bleiben. Dazu zählen der Einsatz für Osttimor, das sich von der Besatzung Indonesiens emanzipierte. Und auch die Schlussmomente sind beeindruckend aufgrund ihrer beklemmenden Atmosphäre – von den anschließenden Realaufnahmen de Mellos ganz zu schweigen. Aber dem gegenüber stehen eben auch viele Szenen, die nichtssagend sind, irgendwie langweilig, manchmal auch unter Einsatz von Musik so dramatisch aufgeladen, dass wir uns schon in Kitschgefilden befinden. Das passt dann alles inhaltlich nicht so recht zusammen, zieht den Film unnötig in die Länge und wird auch dem spannenden Leben nicht gerecht.

Credits

OT: „Sergio“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Greg Barker
Drehbuch: Craig Borten
Musik: Fernando Velázquez
Kamera: Adrian Teijido
Besetzung: Wagner Moura, Ana de Armas, Garret Dillahunt, Brían F. O’Byrne, Will Dalton, Clemens Schick

Trailer

Filmfeste

Sundance 2020

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Sergio
4 (80%) 8 Artikel bewerten

Sergio
„Sergio“ zeigt anhand einzelner Stationen das Leben des brasilianischen UN-Diplomaten Sérgio Vieira de Mello. Der Film springt dabei wild durch die Zeitgeschichte, präsentiert mal sehr spannende, dann aber auch wieder belanglose Momente. Vor allem der starke Fokus auf die Beziehung zu seiner zweiten Frau irritiert, da diese der Geschichte kaum etwas hinzufügt, teils zudem kitschig ist.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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