Kritik

AJ and the Queen Netflix

„AJ and the Queen“ // Deutschland-Start: 10. Januar 2020 (Netflix)

Eigentlich hatte sich Robert Lincoln Lee (RuPaul Charles) schon alles ganz genau ausgemalt: Er würde einen eigenen Club aufmachen, in dem er als Ruby Red auftritt, begleitet von vielen weiteren Drag Queens. Doch dann kommt das böse Erwachen, als er feststellt, dass sein Freund Hector (Josh Segarra), den er auch heiraten wollte, mit dem mühsam zusammengesparten Geld abgehauen ist. Also heißt es, erst einmal auf Tour gehen, um wieder irgendwie die Kasse zu füllen. Dabei wird er nicht nur von der 10-jährigen AJ (Izzy G.) verfolgt, die sich in seinen Wohnwagen geschlichen hat, sondern auch von Hector und dessen Partner in Crime Lady Danger (Tia Carrere). Denn die sind so gar nicht happy darüber, von Robert bei der Polizei angeschwärzt worden zu sein …

Keine Drag Queen genießt weltweit mehr Ruhm und Einfluss als RuPaul. Während die Chart-Erfolge seiner mittlerweile 25 Jahre andauernden Musikkarriere zwar überschaubar sind, so ist er doch gerade im Fernsehen oder anderen Auftritten gefragt. Zu einer endgültigen Sensation wurde er durch seine Sendung RuPaul’s Drag Race, ein Reality-TV-Wettbewerb um die beste Drag Queen. Das sorgte zwar immer mal wieder für Kontroversen, auch wegen RuPauls komplizierten Verhältnis zu Transsexualität. Der Beliebtheit hat dies jedoch kaum geschadet: Die Show wurde mit mehreren Emmys ausgezeichnet und umfasst bislang elf Staffeln, die Spin-offs nicht einmal mitgezählt.

Drags am laufenden Band
Als bekannt wurde, dass RuPaul zusammen mit Michael Patrick King (Sex and the City) eine Netflix-Serie namens AJ and the Queen entwickelt, konnte man sich daher auch schon einigermaßen vorstellen, worauf das Ganze hinauslaufen würde. Fans seines schrillen Bühnen-Alter-Egos kommen hier dann auch auf ihre Kosten. Immer wieder tritt der mit bürgerlichem Namen RuPaul Charles heißende Entertainer in schillernden Kleidern auf, trägt Perücken in den leuchtendsten Farben und natürlich High Heels, womit der ohnehin nicht klein gewachsene Charles noch einmal alle anderen deutlich überragt. Eine One-Woman-Show ist das aber nicht, in den zehn Folgen bekommen wir die Gelegenheit, noch viele weitere Transvestiten kennenzulernen.

Glücklicherweise hat AJ and the Queen aber mehr zu bieten als Kerle in Frauenfummeln. Natürlich, ohne Klischees kommt das hier nicht aus. Roberts bester Freund Louis, von dem sonst eher als Synchronsprecher bekannten Michael-Leon Wooley verkörpert, ist beispielsweise ein solches und dazu verdammt, die zehn Folgen hindurch immer wieder dieselben Witze reißen zu müssen – was langweilig bis nervig ist. An anderen Stellen wird hingegen mit den Klischees ein wenig gespielt, Charles und King setzen sich dabei auch mit Aspekten der LGBT-Szene auseinander. Wenn beispielsweise ein Mann, der sich als Frau verkleidet, und ein Mädchen, das kein Mädchen sein will, aufeinandertreffen, dann bedeutet das zwangsweise eine Beschäftigung mit Geschlechteridentität. Denn die ist dann doch mehr als die Frage, ob man nun Kleider trägt und lange Haare hat.

Zwei Welten treffen aufeinander
Überhaupt setzt AJ and the Queen auf einen größtmöglichen Kontrast zwischen den ungleichen Protagonist*innen. Ein hoch gewachsener schwarzer Mann und ein kleines weißes Mädchen, funkelnder Glamour und ein Leben auf der Straße, das passt auf vielen Ebenen nicht zusammen. Bis es das eben doch tut: Die Serie folgt da ganz brav den Erwartungen, dass zwei sehr unterschiedliche Menschen zusammenfinden. Schließlich ist das das Gesetz der Straße, genauer des Roadmovies. Und wenn hier vereinzelt mal ein bisschen umdekoriert wird, so richtig ambitioniert oder fordernd ist das nicht. Selbst Homophobie wird dabei zu ein paar Schilder wedelnden Randnotiz. Auch wenn immer wieder tragische Geschichten vorkommen, vor allem natürlich in der Beziehung von AJ zu ihrer Mutter Brianna (Katerina Tannenbaum), man achtet hier schon sehr darauf, bloß niemandem wehzutun.

Dafür ist die Serie überraschend unterhaltsam. Da gibt es immer mal wieder bissige Kommentare oder witzige Auseinandersetzungen. Sehr schön ist außerdem das Verfolgerduo Lady Danger und Hector. Die tun zwar immer ganz gefährlich, sie mit ihrer Augenklappe, er mit seinem Super-Macho-Gehabe. Die Erfolgsquote ist aber auf einem Level mit dem Kojoten von Road Runner oder Team Rocket von Pokémon, was immer wieder für Erheiterung sorgt. Trotz der etwas enttäuschenden Konventionalität und einem holprigen Finale, wenn die Serie sich zu sehr in Flashbacks verliert, gehört AJ and the Queen damit zu den spaßigeren Netflix-Produktionen der letzten Zeit. Wer nicht grundsätzlich ein Problem mit Travestie hat, der kann hier durchaus reinschauen.

Credits

OT: „AJ and the Queen“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Michael Patrick King, Bobcat Goldthwait, Adam Davidson, Adam Shankman, Anne Fletcher, Michael Spiller, Dennie Gordon
Drehbuch: RuPaul Charles, Michael Patrick King, Jhoni Marchinko, Eric Reyes Loo, Stephen Soroka, Drew Droege, Tracy Poust, Jon Kinnally
Idee: RuPaul Charles, Michael Patrick King
Musik: Lior Rosner
Kamera: Edward J. Pei
Besetzung: RuPaul Charles, Izzy G., Michael-Leon Wooley, Josh Segarra, Tia Carrere, Katerina Tannenbaum, Matthew Wilkas

Bilder

Trailer



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AJ and the Queen – Staffel 1
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AJ and the Queen – Staffel 1
Eine hoch gewachsene schwarze Drag Queen und ein vorlautes weißes Straßenkind, das kein Mädchen sein will, begeben sich beide auf ein gemeinsames Abenteuer – das bedeutet Kontraste ohne Ende. Tatsächlich ist „AJ and the Queen“ überraschend spaßig, auch wenn sich die Serie nie so ganz von den Konventionen und Klischees lösen kann oder will und es gegen Ende holprig wird.
7von 10

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