Apollo 10 1/2: Eine Kindheit im Weltraumzeitalter A Space Age Childhood Netflix

Apollo 10 1/2: Eine Kindheit im Weltraumzeitalter

Apollo 10 1/2: Eine Kindheit im Weltraumzeitalter A Space Age Childhood Netflix
„Apollo 10 1/2: Eine Kindheit im Weltraumzeitalter“ // Deutschland-Start: 1. April 2022 (Netflix)

Inhalt / Kritik

Im Jahr 1969 scheint es in den USA kein größeres Thema zu geben als der Wettlauf zum Mond. Werden wir es wirklich schaffen, mit einer Rakete dorthin zu fliegen? Und vor allem: Werden wir es vor den Russen schaffen? Auch bei der Familie des 10-jährigen Stanley dreht sich vieles um die Raumfahrt, nicht zuletzt weil sein eigener Vater bei der NASA arbeitet. Leider ist es ein nur unbedeutender Bürojob, was dem Jungen peinlich ist, der sich insgeheim wünscht, sein Vater wäre wichtiger, größer, aufregender. Umso größer ist seine eigene Begeisterung, als eines Tages zwei Männer vor ihm stehen und Stanley sagen, dass sie ihn im Rahmen einer streng geheimen Mission zu einem Astronauten ausbilden wollen. Dummerweise hätten sie die Rakete zu klein gebraucht, weswegen sie nun dringend ein geeignetes Kind brauchen …

Richard Linklaters Reise in die Vergangenheit

Nachdem es in den letzten Jahren ein wenig ruhiger um Richard Linklater geworden war, meldet sich der gefeierte Regisseur und Drehbuchautor mit dem Netflix-Film Apollo 10 1/2: Eine Kindheit im Weltraumzeitalter endlich wieder zurück. Ein Film, der in vielerlei Hinsicht eine Zeitreise für den Filmemacher darstellt. Die auffälligste besteht darin, dass Linklater in die Welt der Animation zurückkehrt. Zweimal hatte er bereits mithilfe von Animationstechniken Geschichten erzählt, in Waking Life (2001) und A Scanner Darkly – Der dunkle Schirm (2006). Wer jedoch erwartet, dass sein dritter Film in diesem Stil gehalten ist, der sieht sich getäuscht. Die Bilder sind kaum zu vergleichen, da er hier sehr viel mehr auf Realismus setzt als bei den oben genannten Werken, die deutlich experimenteller und abgehobener waren. Animation diente dort der Verbildlichung von etwas, das im realen Leben nicht dargestellt werden kann.

Aber auch inhaltlich geht es um die reale Welt und wie wir diese wahrnehmen. Dabei führt einen Linklater zunächst auf eine falsche Fährte, wenn er von einem Jungen erzählt, der für die NASA ins All fliegt. Warum er und kein Schimpanse will Stanley wissen. Sein Englisch wäre besser, lautet die ebenso knappe wie einleuchtende Antwort. Während sich Apollo 10 1/2: Eine Kindheit im Weltraumzeitalter anfangs noch als fantasievolles Kinderabenteuer verkleidet, stellt sich bald heraus, dass Linklater in Wahrheit seine eigene Geschichte erzählen will. Oder zumindest eine Geschichte, die gefüllt ist von seinen eigenen Erinnerungen an die späten 1960er, als der spätere Regisseur selbst in Texas aufwuchs – der Teil der USA also, wo auch sein Film spielt. Der Handlungsstrang um die kindliche Raumfahrt steht dabei gar nicht im Mittelpunkt. Über weite Strecken des Films kommt diese sogar überhaupt nicht mehr vor.

Coming of Age und 60s Porträt

Stattdessen verwandelt sich Apollo 10 1/2: Eine Kindheit im Weltraumzeitalter in eine Mischung aus Boyhood und Dazed and Confused bzw. Everybody Wants Some!!, kombiniert die Coming-of-Age-Geschichte des ersten mit dem Zeitporträt der letztgenannten. Wo diese festhielten, wie sich das anfühlte, Mitte der 1970er bzw. Anfang der 1980er ein Jugendlicher und später ein junger Mann zu sein, da stehen hier die 1960er auf dem Programm. Die 1960er jedoch, wie sie ein Kind wahrnehmen würde. Vieles von dem, was damals von großer Bedeutung war, wird hier deshalb nur am Rande abgespielt. Warum sollte sich beispielsweise ein Kind für den so fernen Vietnamkrieg interessieren? Nur über Umwege bekommt Stanley etwas davon mit, sei es durchs Fernsehen oder die Aufforderung, sein Essen nicht zu verschwenden, schließlich würden Kinder in Vietnam hungern.

Das Fernsehen ist auch anderweitig ein größeres Thema, wenn sich die Familie regelmäßig davor versammelt, um gemeinsam Filme und Serien zu schauen. Linklater lässt hierbei seiner nostalgischen Ader freien Lauf. Allgemein ist Apollo 10 1/2: Eine Kindheit im Weltraumzeitalter von einer gewissen Sehnsucht nach einfacheren Tagen geprägt. Da geht es darum, was die Mama kocht, Ausflüge zum Schwimmbad oder dem inzwischen geschlossenen Freizeitpark AstroWorld  stehen an. Aber auch so simple Tätigkeiten wie Telefonstreiche, neue Musiktrends oder die Frage, wie ein Hippie aussieht, werden zwischendurch eingeworfen. Eine wirkliche Geschichte hat Linklater dabei nicht zu erzählen. Er verzichtet auf einen roten Faden, von der anstehenden Mondlandung einmal abgesehen. Stattdessen gibt es ein Sammelsurium aus Momentaufnahmen, die aus der Retrospektive erzählt werden und bei denen kindliche Präsenz und erwachsene Distanz miteinander vermischen.

Reflektierte Nostalgie

Das ist reflektierter, als es zunächst den Anschein hat. Das Animationsdrama, welches auf dem South by Southwest Festival 2022 Premiere hatte, gibt beispielsweise Erinnerungen wieder, zeigt dabei aber auch auf, wie dynamisch und volatil Erinnerungen sind. Zusammengefasst wird das gegen Ende, wenn es darum geht, dass sich Stanley an etwas erinnern wird, ohne es selbst je gesehen zu haben. Auch andere kleine Denkanstöße gibt es, etwa zum Umgang mit Minderheiten, der Sinnhaftigkeit extrem teurer Weltraummissionen, während viele Menschen nicht genug Geld für den Alltag haben, oder auch gesundheitsschädliche Tätigkeiten, die damals noch ganz normal waren. Apollo 10 1/2: Eine Kindheit im Weltraumzeitalter führt vor Augen, wie schön das Leben damals sein konnte, macht aber keinen Hehl daraus, dass dies auch Teil einer Verklärung ist. Ein Paradies, das maßgeblich eine Interpretation ist, das Ergebnis einer Sehnsucht, die individuell ist und doch so allgemein, dass man sich als Zuschauer und Zuschauerin nur zu gern von Linklater mitnehmen lässt.

Credits

OT: „Apollo 10 1⁄2: A Space Age Childhood“
Land: USA
Jahr: 2022
Regie: Richard Linklater
Drehbuch: Richard Linklater
Kamera: Shane F. Kelly

Bilder

Trailer

Filmfeste

SXSW 2022

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Apollo 10 1/2: Eine Kindheit im Weltraumzeitalter
Fazit
Im Animationsdrama „Apollo 10 1/2: Eine Kindheit im Weltraumzeitalter“ gibt sich Richard Linklater seinen Kindheitserinnerungen hin, kombiniert Coming of Age mit Zeitporträt der späten 1960er. Das ist klar nostalgisch gefärbt, gleichzeitig aber auch reflektiert, wenn vieles von dem, was wir wahrnehmen, eine eigene Interpretation und Perspektive darstellt.
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