The Hand of God Netflix
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The Hand of God

Inhalt / Kritik

The Hand of God Netflix
„The Hand of God“ // Deutschland-Start: 15. Dezember 2021 (Netflix)

Fabietto (Filippo Scotti) wächst in den 1980ern mit seiner Familie in Neapel auf. Es ist eine glückliche Kindheit, auch wenn man sich daheim gerne mal das eine oder andere an den Kopf wirft. Vor allem die Ehe zwischen seinem Onkel und seiner Tante, welche die unglaublichsten Geschichten erzählt, kriselt immer mal wieder. Doch der Jugendliche hat gelernt damit umzugehen und beschäftigt sich ansonsten mit seiner großen Liebe: dem Fußball. Entsprechend euphorisch ist er, als das Gerücht die Runde macht, der Jahrhundertspieler Diego Maradona würde ausgerechnet beim Verein seiner Stadt anfangen. Tatsächlich geht dieser Traum in Erfüllung, was für Fabietto Grund genug ist, so viele Spiele wie möglich mit seinem Idol anzuschauen. Als er eines Tages wieder seiner Leidenschaft nachgeht, ahnt er noch nicht, dass sich sein ganzes Leben bald verändern wird …

Die Rückkehr eines großen Künstlers

Wenn es um das Thema internationales Renommee geht, gehört Paolo Sorrentino neben Luca Guadagnino und Matteo Garrone sicher zu den größten Regisseuren, die es in Italien derzeit gibt. La Grande Bellezza – Die große Schönheit (2013) erhielt einen Oscar, BAFTA und Golden Globe als bester fremdsprachiger Film. Ewige Jugend (2015) war unterem anderen für einen César und die Goldene Palme in Cannes im Rennen, erhielt am Ende beim Europäischen Filmpreis die Auszeichnung als bester Film. Seine Serie The Young Pope (2016) sorgte weltweit für Furore. Wenn sich der Filmemacher mit einem neuen Werk zurückmeldet, ist ihm die Aufmerksamkeit daher sicher. So auch bei seinem Netflix-Drama The Hand of God, welches bei den Filmfestspielen von Venedig 2021 um den Goldenen Löwen wetteiferte und anschließend auf mehren anderen bedeutenden Festivals lief.

Der Titel selbst lässt dabei auf einen Film über Diego Maradona schließen, bezieht er sich doch auf das legendäre Handspiel im Viertelfinale der Fußballweltmeisterschaft 1986. Und nachdem Sorrentino bei seinem letzten Spielfilm Loro – Die Verführten über das Umfeld von Silvio Berlusconi sprach, wäre der Schritt zu einem richtigen Biopic nicht weit. Tatsächlich ist der berühmte Fußballer in The Hand of God aber nur eine Randerscheinung. Stattdessen steht im Mittelpunkt seiner Geschichte der junge Fabietto. Ganz ohne biografische Bezüge ist das Drama dabei aber nicht. Stattdessen lassen sich Parallelen zwischen dem Lebensweg seines Protagonisten und dem des Regisseurs ziehen. Vor allem das zentrale Unglück wie auch die spätere Zuwendung zum bewegten Bild sind klar von der eigenen Biografie geprägt.

Die komischen Seiten einer tragischen Jugend

Anders als man es vielleicht meinen könnte, ist der Film aber nicht auf diese Besonderheiten ausgerichtet. Wo andere Dramen Schicksalsschläge in den Mittelpunkt stellen, da ist dieser hier nur einer von mehreren Punkten, welche die Biografie beeinflussen. Einer dieser Punkte ist die erweiterte Familie von Fabietto, mit denen er so manches durchzustehen hat. Das betrifft nicht nur die tragischen Elemente seines Lebens, sondern auch die heiteren. Tatsächlich hat The Hand of God einige sehr komische Momente zu bieten, gerade zu Beginn ist man sich nicht ganz sicher, ob das nicht sogar eine Komödie sein soll. Das liegt maßgeblich an den lustvoll überzeichneten Figuren, die dann und wann schon in die Nähe einer Karikatur gehen.

Überhaupt ist der Film, wie man es bei Sorrentino gewohnt ist, kein sonderlich zurückhaltender. Immer wieder zeigte der Italiener in seiner Karriere Vergnügen an einer überlebensgroßen Inszenierung. Das ist bei The Hand of God nicht anders. Das könnte für ein Publikum zum Problem werden, das einen naturalistischeren Zugang zum Jugenddrama sucht. Der Regisseur will kein sprödes Handkameraabbild der Wirklichkeit, sondern sucht die großen Bilder. Und die liefert er hier, ohne Ende. Tatsächlich sind die Aufnahmen wie so oft bei ihm derart überwältigend, dass man hier ein wenig traurig sein darf, dass das Werk „nur“ daheim gezeigt wird anstatt im Kino. Ob es nun die Landschaften sind, das Stadtbild Neapels oder auch die Szenen der Familie, das Auge bekommt hier mehr als zwei Stunden lang genug zu tun, darf sich an kunstvollen Kompositionen sattsehen, wie man sie viel zu selten angeboten bekommt.

Zwischen Melancholie und Neugierde

Gleichzeitig ist The Hand of God aber auch ein intimer Film, der vom Aufwachsen erzählt, von der Sinnsuche, von der Frage, was man mit dem eigenen Leben eigentlich anfangen soll und kann. Klassisches Coming-of-Age-Material eben. Da trifft Universelles auf Besonderes, wenn ein außergewöhnlicher Lebenslauf Momente hervorbringt, in denen sich jeder und jede wiedersehen kann. Das klappt auch wegen der wunderbaren Darstellung von Nachwuchsdarsteller Filippo Scotti, der in Venedig für seine Leistung zurecht ausgezeichnet wurde. Durch ihn wird das Drama um einen strauchelnden Jugendlichen zu einem Werk, welches die Balance aus Melancholie und Neugierde hält, aus Nostalgie und Aufbruchsstimmung. Das wird zwar nicht vergleichbar in die Geschichtsbücher eingehen wie das titelgebende Tor. Dafür hat es eine Qualität, die außerhalb der Zeit zu stehen scheint.

Credits

OT: „È stata la mano di Dio“
AT: „Die Hand Gottes“
Land: Italien
Jahr: 2021
Regie: Paolo Sorrentino
Drehbuch: Paolo Sorrentino
Musik: Lele Marchitelli
Kamera: Daria D’Antonio
Besetzung: Filippo Scotti, Toni Servillo, Teresa Saponangelo, Luisa Ranieri, Massimiliano Gallo, Renato Carpentieri

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Europäischer Filmpreis 2021 Bester Film Nominierung
Beste Regie Paolo Sorrentino Nominierung
Bestes Drehbuch Paolo Sorrentino Nominierung
Golden Globes 2022 Bester fremdsprachiger Film Nominierung
Venedig 2021 Goldener Löwe Nominierung

Filmfeste

Venedig 2021
Telluride Film Festival 2021
Zurich Film Festival 2021
Filmfest Hamburg 2021

Weitere Netflix Titel

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„The Hand of God“ ist ein mal überzeichnetes, dann wieder intimes Porträt eines Jugendlichen, der in den 1980ern in Neapel aufwächst. Dabei gelingt es dem Drama, Gegensätzliches zu vereinen, von überzogener Komik zur Tragik, von Nostalgie zur Aufbruchsstimmung. Das ist toll gespielt und bleibt auch wegen der überwältigenden Bilder in Erinnerung.
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