Kritik

Das Grab im Wald The Woods W głębi lasu Netflix

„Das Grab im Wald“ // Deutschland-Start: 12. Juni 2020 (Netflix)

25 Jahre ist es mittlerweile her, dass das Sommercamp von einem furchtbaren Verbrechen heimgesucht wurde: Zwei Jugendliche starben, zwei weitere verschwanden seinerzeit. Doch so richtig über die Tragödie hinweggekommen sind die Einwohner und Einwohnerinnen nach all der Zeit noch immer nicht. Paweł Kopiński (Grzegorz Damiecki) beispielsweise fragt sich noch immer, was seinerzeit mit seiner Schwester passiert sein mag, eine der beiden Verschwundenen. Da bietet sich dem Staatsanwalt unverhofft eine neue Spur, als im Wald die Leiche eines Mannes aufgefunden wird, von dem er überzeugt ist, dass er mit der Sache damals zu tun gehabt haben muss…

Und die polnischen Wochen bei Netflix gehen weiter. Auf die atmosphärische Krimiserie Im Sumpf folgte der bizarre Serienmörder-Thriller Plagi Breslau – Die Seuchen Breslaus, zuletzt gab es den gefragten, jedoch auch sehr kontroversen Erotikfilm 365 Days. Erotik wird man in Das Grab im Wald, der nächsten Serie unserer östlichen Nachbarn, zwar vergeblich suchen. Doch erneut treiben die sich in Genregefilden herum, versuchen sich hier erneut an einem vergleichsweise klassischen Krimi. Denn auch wenn hier Haken geschlagen werden, wann auch immer es gerade passt – oder nicht passt –, im Mittelpunkt steht immer die Frage, was genau sich vor 25 Jahren zugetragen hat.

Ein Wald voller Irrwege
Dass die Antwort hierauf nur über ein paar Umwege erreicht wird, sollte niemanden wirklich wundern. Denn auch wenn die Serie in Polen entstanden ist, die Vorlage stammt aus den USA, von einem guten alten Bekannten: Harlan Coben. Der Amerikaner machte als Autor von Krimis und Thrillern Karriere, erlebt dank Netflix derzeit so etwas wie seinen zweiten Frühling. Erst arbeitete der Streamingdienst mit ihm an der Serie Safe, später folgte die Romanadaption Ich schweige für dich. Und auch Das Grab im Wald basiert auf einem seiner Bücher, genauer dem 2007 erschienenen The Woods. Das spielte seinerzeit natürlich nicht in Polen, wurde für die Serie aber verlegt.

Über Sinn und Zweck solcher Änderungen kann man immer geteilter Meinung sein. Im Fall von Das Grab im Wald hat das zumindest nicht geschadet. Es verleiht der Serie sogar ein etwas eigenes Flair, wenn hier mal ein anderer Schauplatz gewählt wird, wird uns in der polnischen Provinz bewegen. Rein optisch kann man der Romanadaption ohnehin nicht wirklich etwas vorwerfen. Sicher, dass die Szenen von 1994, welche zur Katastrophe führen, in warmen Farben gezeigt wird, während die Ermittlungen in der Gegenwart in bläulich-gräulichen Tönen erfolgen, das ist jetzt nicht unbedingt subtil. Da wird eine ausgelassene Jugend gegen das niedergeschlagene Alter ausgespielt. Aber es hilft doch, bei den ständigen Zeitenwechseln nicht die Orientierung zu verlieren. Schwieriger ist da schon die aufdringliche, zuweilen unpassende Musik, welche der Atmosphäre mehr schadet als nützt.

War das schon alles?
Die größten Probleme finden sich jedoch auf der inhaltlichen Seite. Auch wenn durch die Parallelhandlungen immer wieder etwas geschieht, man hat nicht unbedingt das Gefühl, dass sich die Geschichte großartig weiterentwickeln würde. Nur sehr langsam nähert sich Paweł der Auflösung an, kämpft sich durch das Dickicht aus Geheimnissen und Lügen. Das ist in Krimis keine Seltenheit, hängt hier aber eher damit zusammen, dass ständig vom Pfad abgewichen wird, um sich stärker mit den Figuren und ihren vielen Dramen zu befassen. Die eigentliche Erklärung ist dafür umso schneller. Vor allem ist sie nicht befriedigend, weil das Ergebnis völlig willkürlich ist. Da kann man auch gleich den Mörder auswürfeln.

Obwohl die Serie durchaus ihre Momente hat, teilweise atmosphärisch geworden ist, als Krimifan muss man sich Das Grab im Wald nicht unbedingt anschauen. Wer es doch tun möchte, dabei vor allem Wert auf zwischenmenschliche Abgründe legt, der sollte sich das Ganze dann im Original mit Untertiteln anschauen. Eine deutsche Fassung ist derzeit nicht verfügbar, soll wohl zu einem späteren Zeitpunkt folgen. Die englische Synchronisation wiederum ist wie bei Reality Z die Woche eine bodenlose Frechheit und nimmt der Serie den Reiz, den sie ansonsten zumindest phasenweise hat.

Credits

OT: „W głębi lasu“
IT: „The Woods“
Land: Polen
Jahr: 2020
Regie: Leszek Dawid, Bartosz Konopka
Drehbuch: Agata Malesinska, Wojciech Miloszewski, Michael Armbruster, Emilio Mauro, Michael Yebba
Vorlage: Harlan Coben
Besetzung: Grzegorz Damiecki, Agnieszka Grochowska, Hubert Milkowski, Wiktoria Filus, Jacek Koman, Krzysztof Zarzecki, Ewa Skibińska, Martyna Byczkowska, Roman Gancarczyk, Adam Wietrzynski

Bilder

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Das Grab im Wald
In „Das Grab im Wald“ bekommt es ein Staatsanwalt mit einer Leiche zu tun, die einen Hinweis auf seine vor 25 Jahren verschwundene Schwester liefert. Die über zwei Zeitebenen gestrickte Erzählstruktur ist ebenso gelungen wie die Atmosphäre. Dafür hat die polnische Krimiserie mit dem Tempo ihre Probleme, wenn sie sich ständig mit Nebengeschichten ausbremst, und überzeugt auch beim Finale nicht.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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