
Seit der Schulzeit sind Jo und Raissa beste Freundinnen, gemeinsam sind sie durch dick und dünn gegangen, haben traurige wie wunderbare Erfahrungen geteilt. Doch damit ist es nun vorbei, Raissa will in die USA, um dort die Universität zu besuchen. Raissa, die noch immer in den Tag hineinlebt, ist schwer enttäuscht darüber, dass ihre beste Freundin die Philippinen verlassen will – und damit auch sie selbst. Als die beiden am Abend vor der Abreise noch einmal an den Strand gehen, wo sie früher von fremden Welten geträumt haben, finden sie ein Portal, das sie auf die vergessene Insel Nakali führt – eben jener Welt, von der sie früher geträumt haben. Am nächsten Morgen kommen die beiden zu sich und sind noch immer auf dieser Insel. Es war also nicht alles bloß ein Traum. Nur können sie sich nicht daran erinnern, was nach ihrer Ankunft geschehen ist. Und das muss eine Menge sein, wie ein bloßer Blick verrät …
Zwischen Freundschaft und sonderbaren Wesen
Manchmal kann es ganz schnell gehen und man merkt, das hier ist etwas ganz Besonderes. Das gilt nicht nur für die beiden Protagonistinnen Jo und Raissa, die sich vor dem Büro des Schuldirektors kennenlernen nach einem denkwürdigen Auftritt im Klassenzimmer und sofort Freundschaft schließen. Auch als Zuschauer bzw. Zuschauerin geht es einem so bei Forgotten Island. In Windeseile gelingt es, die langjährige Freundschaft der zwei Hauptfiguren zu veranschaulichen. Es sind nur kurze Szenen, wenige Sekunden lang, zusammengeschnitten in einem hohen Tempo. Aber diese sind so toll inszeniert, bringen einem die Figuren so nahe, als hätte man selbst all die Jahre mit ihnen verbracht. Und das ist nur der Anfang einer Reise, welche die Schönheit einer Freundschaft betont, dabei zugleich aber auch fragt: Was bedeutet Freundschaft eigentlich? Wie weit würden wir für eine solche gehen?
Das Regie- und Drehbuchduo Joel Crawford und Januel Mercado, das zuvor auch schon bei Der gestiefelte Kater: Der letzte Wunsch zusammengearbeitet hat, stellt diese Fragen vor allem am Anfang und am Ende. Zwischendurch geht es stattdessen darum, gemeinsam Spaß zu haben. Das gelingt auch, wenn der Film eine unerwartete Richtung einschlägt. So besteht die Haupthandlung von Forgotten Island darin, wie die beiden versuchen, die vergangene Nacht zu rekonstruieren. Das klingt schon verdächtig nach Hangover und ist auch ähnlich verrückt und temporeich. Der Unterschied ist, dass die Geschichte eben auf einer mystischen Insel spielt, wo die sonderbarsten Fantasywesen herumlaufen. Das ist eine der diversen Stärken, die der Film hat: Das Team hat sich hier so richtig austoben können. Inspiriert von der philippinischen Mythologie waren der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Ein Teil des Unterhaltungsfaktors besteht in der Neugierde, welchen Gestalten wir wohl als nächstes begegnen werden.
Knallbunt, schräg und sehr emotional
Eng damit verbunden ist eine fantastische Optik. Das Animationsstudio DreamWorks Animation (Die Gangster Gang 2) verwendet eine Reihe unterschiedlicher Stile, wechselt etwa zwischen herkömmlichen CGI-Bildern und 2D-Versionen, die an Animes erinnert. Immer wieder gibt es starke Brüche und originelle Details, die Forgotten Island zu einem der abwechslungsreichsten Animationsfilme der letzten Jahre macht. Kein Wunder also, dass er zu den großen Oscar-Favoriten zählt. Musikalisch setzt man hingegen auf Nostalgie, wenn neben indigenen Klängen eine Reihe alter Hits ertönen. Die Lieder sind dabei nicht nur wegen des zeitlichen Settings passend – die Geschichte spielt in den 1990ern und 2000ern. Die Idee, Never Tear Us Apart von INXS und Don’t You (Forget About Me) von dem Simple Minds zu nehmen, war brillant, da sie perfekt zu dem Thema passen.
Das ist beeindruckend und komisch, ein wilder Trip durch eine Welt, in der alles knallbunt und schräg ist. Und doch ist es vermutlich der emotionale Aspekt, der einem am meisten in Erinnerung bleibt. Inspiriert von ihrer eigenen langjährigen Freundschaft erzählen Crawford und Mercado von dem großen Geschenk, das sie darstellt – aber auch von den Schwierigkeiten, die damit verbunden sein können. Zugegeben, Forgotten Island macht es sich am Ende ein bisschen einfach. Das geht dann plötzlich alles sehr schnell, anstatt die Entwicklung organisch voranzutreiben. Dass dabei auch noch Fragen offenbleiben, dürfte manche im Publikum ebenfalls irritieren. Und doch ist es richtig schwierig, nicht davon berührt zu sein, wie zwei Menschen darum kämpfen, einander zu halten und etwas zu bewahren, das ihr Leben und sie selbst entscheidend geprägt hat. Viele Animationsfilme betonen die Wichtigkeit von Freundschaft. Aber selten hat man diese so sehr gespürt wie hier.
OT: „Forgotten Island“
Land: USA
Jahr: 2026
Regie: Joel Crawford, Januel Mercado
Drehbuch: Joel Crawford, Januel Mercado
Musik: Nathan Matthew David
Animation: DreamWorks Animation
Ihr wollt mehr über den Film erfahren? Wir hatten die Gelegenheit, uns mit dem Regie-/Drehbuchduo Joel Crawford und Januel Mercado zu unterhalten. Im Interview zu Forgotten Island sprechen sie über ihre Inspirationen, die Bedeutung von Freundschaft und welche Erinnerung sie selbst um jeden Preis bewahren möchten.
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