Kritik

37 Seconds

„37 Seconds“ // Deutschland-Start: 31. Januar 2020 (Netflix)

Seit ihrer Geburt schon sitzt Yuma Takada (Mei Kayama) im Rollstuhl, kann ihre Gliedmaßen nur eingeschränkt nutzen. 23 Jahre ist sie inzwischen, wohnt aber noch immer bei ihrer Mutter (Misuzu Kanno), die sich um alles kümmert. Geld verdient Yuma durchaus, als Assistentin einer Manga-Zeichnerin. Aber sie möchte mehr, sich durch ihre eigenen Werke einen Namen machen. Als sie sich bei einem Verlag für Porno-Mangas vorstellt, erhält sie jedoch den Rat, erst einmal sexuelle Erfahrungen zu sammeln, damit ihre Zeichnungen realistischer werden. Yuma beherzt diesen Rat, will es zumindest. Doch bald geht es ihr um mehr als nur den Job oder auch Sex. Sie will endlich unabhängig sein und herausfinden: Wer bin ich eigentlich?

Sich von den Eltern lösen, unabhängig werden, einen eigenen Platz in der Welt finden, sich selbst finden – das sind Schritte, die so ziemlich jeder von uns irgendwann einmal machen muss. Sehr wichtige Schritte, aber auch zuweilen äußerst schwierige, überwältigt von dem, was uns umgibt, von den vielen Einflüssen und Erwartungen. Besonders schwierig wird das, wenn man in irgendeiner Form anders ist. Denn das kann Ausgrenzung bedeuten, es kann auch bedeuten, auf diese Andersartigkeit reduziert zu werden. So wie Yuma, die von allen mit ihrer Krankheit und ihrem Rollstuhl gleichgesetzt wird, selbst ihre eigene Mutter lässt nicht zu, dass die junge Frau zu einem Individuum heranwächst.

Die ganz alltägliche Diskriminierung
Beispiele dafür liefert 37 Seconds jede Menge. Das japanische Drama, das auf der Berlinale 2019 Premiere hatte und nach einem kleineren Festivalrun jetzt auf Netflix verfügbar ist, nutzt eine ganze Reihe von Beispielen dafür, dass die Menschen Yuma in mehr als einer Hinsicht nicht auf Augenhöhe begegnen. So darf niemand erfahren, dass sie an dem erfolgreichen Manga mitarbeitet. Auch die Begegnung mit einem Callboy, der ihr beim ersten Mal helfen soll, verläuft nicht zufriedenstellend. „Das hättest du mir sagen müssen“, hören wir ihn am Telefon sagen, so als wäre Yuma überhaupt nicht im Raum. Und auch wenn er sich im Anschluss tatsächlich Mühe gibt – die Kundin ist schließlich Königin –, es bleibt unangenehm.

37 Seconds zeigt mit diesen Szenen auf, wie weit der Weg noch ist, um Menschen mit Behinderung voll in den Alltag zu integrieren. Fortschritte hat es natürlich gegeben, etwa bei der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel. Außerdem gibt es im gesamten Film keine Szene, in der Yuma direkt angefeindet wird. Das würde aber auch nicht passen, hat Regisseurin und Drehbuchautorin Hikari doch ganz offensichtlich vor, das Publikum am Ende zuversichtlicher in die Welt blicken zu lassen. Auch wenn der Weg von Yuma nicht geradlinig ist, nicht immer dorthin führt, wohin die junge Frau möchte, dass am Ende irgendwo das Glück wartet, das steht völlig außer Frage.

Moment, wie, was?
Das kann man dann als beschönigend empfinden, etwas zu märchenhaft und unrealistisch. Wobei Hikari auch in anderer Hinsicht nicht viel davon hält, sich sklavisch an die wirkliche Welt zu halten. Gegen Ende hin, wenn die innere Reise von Yuna in eine äußere mündet, geht das mit ein paar Wendungen einher, die nun wirklich weit hergeholt sind und die alltäglichen Szenen ad absurdum führen. Der Wechsel ist sogar so abrupt, dass man sich fragt, ob das noch derselbe Film ist. Das ist auch deshalb irritierend, weil der Abschnitt relativ kurz ausfällt und durch nichts vorbereitet wird, also nicht das Ergebnis der vorangegangenen Geschichte ist. Er wird nicht einmal wirklich erklärt.

Aber auch wenn 37 Seconds zum Ende hin ziemlich holprig wird, auf eine völlig unnötige Weise, sehenswert ist das Drama schon. Amateur-Schauspielerin Mei Kayama, die auch im wirklichen Leben an einer Zerebralparese leidet, bringt die notwendige Natürlichkeit mit, eine Mischung aus Verletzbarkeit, Schüchternheit und Unnachgiebigkeit. Und auch der Rest des Ensembles, wenngleich im Schatten der Hauptfigur stehend, hat immer wieder starke Auftritte. Der Film hat dabei natürlich ein etwas spezielles Thema, enthält aber so viele universale Coming-of-Age-Elemente, dass man sich relativ leicht in das Schicksal der jungen Frau einfühlen kann und dabei zudem lernt, die Welt wieder aus einer anderen Perspektive zu sehen.

Credits

OT: „37 Seconds“
Land: Japan
Jahr: 2019
Regie: Hikari
Drehbuch: Hikari
Musik: ASKA
Kamera: Stephen Blahut, Tomoo Ezaki
Besetzung: Mei Kayama, Misuzu Kanno, Shunsuke Daitō, Makiko Watanabe

Trailer



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37 Seconds
In „37 Seconds“ versucht eine junge Japanerin, die im Rollstuhl sitzt, endlich ein eigenständiges Leben zu führen. Trotz der speziellen Thematik ist das Drama ausgesprochen universell, auch dank der starken Schauspielleistungen. Zum Ende hin nimmt der Film aber ein paar unnötige Wendungen zu viel, welche sich nicht mehr mit der realistischen Anmutung vereinbaren lassen.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

2 Responses

  1. Silvia

    Gut anaylisiert.
    In der Zusammenfassung schreiben sie allerdings „An den Rollstuhl gefesselt“
    Dieser Ausdruck ist absolut überholt und sollte heutzutage nicht mehr benutzt werden.

    Ich fand den Film brigens sehr gut und realistisch, konnte mich einfühlen.

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