Inhalt / Kritik

„Wendepunkt: 9/11 und der Krieg gegen den Terror“ // Deutschland-Start: 1. September 2021 (Netflix)

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 sind eine der markantesten Zäsuren in der moderneren Geschichte. Der wenige Tage später in Kraft getretene Ausnahmezustand hält bis heute an und dessen Einschränkungen wurden erst 2020 durch die Coronamaßnahmen übertroffen. Vermutlich weiß auch jeder, der damals alt genug war, noch ganz genau, was er tat und wo er war, als er von den Anschlägen hörte. Neben den gesellschaftlichen Konsequenzen hatte das Ereignis natürlich auch medialen Einfluss; 501 Treffer liefert die IMDb zum entsprechenden Schlagwort, der überwiegende Teil davon Dokumentarisches, aber auch Spielfilme wie etwa Die Welt wird eine andere sein. Mit Wendepunkt: 9/11 und der Krieg gegen den Terror bringt Netflix nun eine weitere, fünfteilige Dokuserie auf den Markt, welche nicht nur die Ereignisse dieses schicksalhaften Tages beleuchtet, sondern auch aufarbeiten will, wie es zu diesem Moment kommen konnte und was seither geschah.

Bilder des Todes

Der erfahrene Dokumentarregisseur Brian Knappenberger (unter anderem der exzellente The Internet’s Own Boy – Die Geschichte des Aaron Swartz) hält sich nicht zurück. Alles wird hier unzensiert gezeigt: die Flugzeuge, die ins WTC krachen, verbrannte Körper, Menschen die aus den brennenden Türmen in den sicheren Tod springen … Bilder, die auch nach knapp zwanzig Jahren mindestens Beklommenheit auslösen; wie viel schlimmer muss das für Menschen sein, welche jene Ereignisse aus nächster Nähe mitbekamen. Knappenberger entscheidet sich für eine zeitsprunghafte Erzählung, die aber dennoch einem klaren Narrativ folgt. Beginnt die erste Folge etwa mit den Attacken selbst, geht es kurz darauf zurück ins Jahre 1979, genauer zu jenem Wendepunkt, welcher den Anstoß zum titelgebenden Wendepunkt 2001 gab.

Diese Erzählweise kann anstrengend und verwirrend sein, ist hier aber konsequent und kompetent eingesetzt. Neben Archivaufnahmen setzt Knappenberger auf talking heads, nicht nur auf amerikanische wie etwa ehemalige CIA-Mitarbeiter oder Überlebende, sondern auch afghanische Soldaten oder Warlords; diese Interviews sind wohl auch das einzige Novum der Serie, da die inhaltlichen Aspekte wie eingangs angedeutet bereits eingehend präsentiert wurden, Wendepunkt: 9/11 und der Krieg gegen den Terror aber unter anderem Personen vor die Kamera holt, die bisher nie das Wort an die Öffentlichkeit gerichtet haben und interessante Einblicke in die Geschehnisse zu vermitteln mögen. Störend fällt dabei lediglich auf, dass die USA hier anscheinend von jeglicher Schuld ausgenommen werden zu sein scheint, kritische Nachfragen zu den damaligen Fehlern werden hier umsonst erwartet. Zudem scheint Knappenberger nicht darauf verzichten zu wollen, manche Szenen mit tendenziöser Musik zu unterlegen, vereinzelt scheinen sich auch einige der Interviewten regelrecht in ihren Erzählungen zu suhlen. Die ganze Sache ist tragisch genug wie sie ist, eine künstliche Überdramatisierung ist nicht nur überflüssig, sondern unangebracht und wirkt nach Sensationsgeilheit, welche nicht zur ansonsten sachlichen Aufarbeitung der historischen Zeitleiste passt.

Eine Geschichte ohne Ende

Angesichts der aktuellen Entwicklung hätte die Veröffentlichung von Wendepunkt: 9/11 und der Krieg gegen den Terror lieber noch um ein paar Monate verschoben werden sollen. In der fünften Episode wird zwar auf den Rückzug der amerikanischen Truppen aus Afghanistan eingegangen, das Ganze wirkt aber eher wie auf den letzten Drücker reingequetscht, um die Abgabefrist einhalten zu können; es wäre wohl mindestens eine weitere Folge nötig gewesen. Während Anhänger und Mitarbeiter von US-Präsident Joe Biden im Internet beziehungsweise öffentlich im Fernsehen auf Ungenauigkeiten in den behaupteten Zahlen hinweisen und betonen, das zurückgelassene Equipment sei „demilitarized“ und dass die Taliban sowieso rein gar nichts davon nutzen könnte, werden munter Videos gepostet, in denen die Taliban jemandem am rumfliegenden Blackhawk erhängen als würden sie Scarface nachspielen oder mit den Humvees ihre eigene Militärparade abhalten und mit dem entmilitarisierten Equipment rumballern. Das konnte bei Drehschluss zwar tatsächlich keiner vorhersehen, es zeigt aber, dass dieses Kapitel vielleicht auch in den nächsten 20 Jahren noch nicht abgeschlossen worden sein wird.

Credits

OT: „Turning Point: 9/11 and the War on Terror“
Land: USA
Jahr: 2021
Regie: Brian Knappenberger
Musik: Jason Tregoe Newman
Kamera: Scott Sinkler, Jay Visit, Axel Baumann

Bilder

Trailer

Weitere Netflix Titel

Ihr seid mit Wendepunkt: 9/11 und der Krieg gegen den Terror schon durch und braucht Nachschub? Dann haben wir vielleicht etwas für euch. Unten findet ihr alle Netflix-Titel, die wir auf unserer Seite besprochen haben.

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Wendepunkt: 9/11 und der Krieg gegen den Terror – Staffel 1
„Wendepunkt: 9/11 und der Krieg gegen den Terror“ bietet einen guten Überblick über die Anschläge, was dazu führte und die Nachwirkungen, jedoch abgesehen von ein paar bisher noch nie interviewten Beteiligten wenig Neues. Während der historische Abriss akkurat und sehenswert ist, tendiert die Dokuserie teilweise zur unnötigen Überdramatisierung und scheint vor allem kein Interesse daran zu haben, irgendeine Art von Schuld bei den USA zu suchen.
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3.7

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Eine Antwort

  1. T.

    „…scheint vor allem kein Interesse daran zu haben, irgendeine Art von Schuld bei den USA zu suchen.“
    Stimmt nicht, die Serie geht ziemlich kritisch mit den Nachwehen der Anschlägen, also den Kriegen, um. Davon abgesehen – für die Anschläge sind die Terroristen und ihre kranke Weltsicht verantwortlich, nicht die USA. Diese Anschläge als logische Folge der Außenpolitik zu betrachten ist klassischer Antiamerikansmus und Täter-Opfer-Umkehr.

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