Kritik

„Das Letzte, was er wollte“ // Deutschland-Start: 21. Februar 2020 (Netflix)

Eigentlich ist es Elena McMahon (Anne Hathaway) gewohnt, als Journalistin der Washington Post die Geheimnisse anderer aufzudecken und der Öffentlichkeit mitzuteilen. Doch dann lässt sie sich von ihrem sterbenden Vater Richard (Willem Dafoe) dazu überreden, einen Auftrag zu erfüllen. Der ist nicht nur äußerst illegal, sondern auch gefährlich, schließlich dreht es sich dabei um Waffengeschäfte in Zentralamerika. Ehe sie es sich versieht, ist sie tief in die Geschichte verstrickt, gerät zwischen alle Fronten und muss nach einem Weg suchen, wieder heil aus der Sache herauszukommen …

Die Welt der Filme steckt doch immer wieder voller Überraschungen, positive wie negative. Eine solche ist sicher Das Letzte, was er wollte. Leider, wie man hinzufügen muss. Eigentlich war der Netflix-Thriller heiß erwartet, handelt es sich dabei doch um den neuen Film von Regisseurin und Drehbuchautorin Dee Rees, die mit dem für mehrere Oscars nominierten Drama Mudbound von sich reden machte. Der Wechsel zum Genrefilm war unerwartet, machte aber neugierig. Zudem konnte sie ein hochkarätiges Ensemble um sich herum versammeln – neben Hathaway und Dafoe sind auch Rosie Perez und Ben Affleck mit an Bord. Was kann da schon schief gehen? So einiges, wie sich herausstellt.

Die verlogene Suche nach der Wahrheit
Dabei ist die Geschichte des Films sicherlich interessant. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Joan Didion nimmt uns Das Letzte, was er wollte mit ins Jahr 1984. Ein sehr ereignisreiches Jahr. Nicht nur, dass ein neuer US-Präsident gewählt wird. Gleichzeitig geht es in Südamerika hoch her, mit viel Gewalt, viel Intrige und vielen Geheimnissen. Wenn Figuren in einen solchen Schlamassel hineingeraten und dabei finstere Ereignisse aufdecken, dann kann das schön spannend sein. Hier ist der Fall noch mal extra knifflig, weil sich die Ermittlerarbeit und die Arbeit innerhalb des Waffengeschäfts überlappen, man irgendwann gar nicht mehr sagen kann, ob McMahon nun als Journalistin oder Verbrecherin auftritt.

Das klingt erst einmal ganz gut. Dummerweise ist diese Verwirrung hier aber eher das Ergebnis eines Betriebsunfalls als eines durchgängigen Konzepts. Immer wieder neue Figuren hinzuzufügen, weitere Informationen, den Blick zu weiten, das geht prinzipiell in Ordnung. Es sollte nur irgendwann auch dazu führen, dass sich die einzelnen Bestandteile mal zusammenfügen, man erfährt, was das Ganze denn nun sein soll. Entweder hat Rees dies jedoch selbst nie verstanden oder sie hat schlicht vergessen, es einem außenstehenden Publikum mitzuteilen, das darauf wartet. Vielleicht sind auch einfach zu viele Szenen, die dazu hätten dienen können, Verbindungen aufzubauen, beim Schneideprozess auf der Strecke geblieben.

Wo geht es hier zum Ausgang?
Das Ergebnis ist ein auf bemerkenswerte Weise überfrachtetes Werk, das nie so wirklich viel Sinn ergibt oder Fahrt aufnimmt, trotz vieler Ereignisse. Natürlich ist das keine Grundvoraussetzung, um bei einem Film Spaß zu haben. Actionreiche Guilty Pleasures sind legitim, ebenso bewegte Rätselbilder, wie sie beispielsweise David Lynch gern gedreht hat. Nur ist Das Letzte, was er wollte weder das eine, noch das andere, erweckt mehr den Eindruck, dass man hier durchaus etwas sagen wollte. Man wusste nur nicht was. Oder wie. Es ist noch nicht einmal so, dass man sich darüber wahnsinnig ärgern würde. Denn dafür wird der Film nie wichtig genug.

Schöne Bilder hat der Thriller ja, der auf dem Sundance Film Festival 2020 Premiere hatte. Ein bisschen Zeitreisecharme der 80er. Das reicht aber nicht aus, um dauerhaft das Interesse hoch zu halten. Denn dafür hätte wenigstens bei den Figuren etwas geschehen müssen. Anne Hathaway müht sich zwar redlich ab, innerhalb dieses Wirrwarrs die Kontrolle zu behalten, wächst aber durch die unscharfen Konturen nie zu einem Menschen heran, mit dem man unbedingt mitfiebern müsste. Beim Rest sieht es noch deutlich schlimmer aus, hinter den bekannten Gesichtern ist nichts, das irgendwie Substanz hätte. Anschauen kann man sich Das Letzte, was er wollte sicher. Wer aber nicht gerade großer Fan von Hathaway ist oder das Gefühl liebt, Teil einer undurchsichtigen Verschwörung zu sein, für den gibt es keinen unbedingten Grund, das tun zu müssen.

Credits

OT: „The Last Thing He Wanted“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Dee Rees
Drehbuch: Marco Villalobos, Dee Rees
Vorlage: Joan Didion
Musik: Tamar-kali
Kamera: Bobby Bukowski
Besetzung: Anne HathawayBen Affleck, Rosie Perez, Edi Gathegi, Mel Rodriguez, Toby Jones, Willem Dafoe

Bilder

Trailer



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Das Letzte, was er wollte
3.88 (77.5%) 40 Artikel bewerten

Das Letzte, was er wollte
Das Talent vor und hinter der Kamera ist groß. Umso enttäuschender ist das Ergebnis: Wenn „Das Letzte, was er wollte“ von einer Journalistin erzählt, die in gefährliche Waffengeschäfte hineingezogen wird, dann verspricht das viel Spannung. Tatsächlich krankt der Thriller ab seiner konfusen Erzählweise, die zusammen mit den wenig interessanten Figuren dazu führt, dass man gedanklich schon weit vor Schluss aussteigt.
4von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Eine Antwort

  1. Sir Mixalot

    musste leider auch 30 minuten vor ende abbrechen
    konnte nicht mehr folgen-Tatsache:extrem gut gespielt v.a. Hathaway grandios aber die Story ui ui ui Wer ist gut? wer böse? wer mit wem? für was? totaller Filmriss…..schade den hat sicher kein breites Testpublikum vorher gesehen sowas kann man nicht raushauen.Schade.

    Antworten

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