Stadtgeschichten Tales of the City Netflix

„Stadtgeschichten“ // Deutschland-Start: 7. Juni 2019 (Netflix)

Viele Jahre ist Mary Ann (Laura Linney) schon nicht mehr in ihrer alten Heimat gewesen, 28 Barbary Lane in San Francisco. Dort hatte sie als junge Frau gelebt, voller Träume. Ihr Ex-Mann Brian (Paul Gross) lebt noch immer dort, ebenso die gemeinsame Tochter Shawna (Ellen Page), die Mary Ann vor mehr als 20 Jahren verlassen hat, um in Connecticut Karriere zu machen. Entsprechend schwer fällt es ihr dorthin zurückzukehren. Auf der einen Seite ist es schön, ihren besten Freund Michael (Murray Bartlett) wiederzusehen und auch Anna (Olympia Dukakis), die Besitzerin des Hauses, die ihren 90. Geburtstag feiert. Andererseits bedeutet es, sich der Vergangenheit stellen zu müssen. Und das war noch nie eine Stärke der Rückkehrerin.

Im Filmbereich ist es keine Seltenheit, Jahre später noch Fortsetzungen zu drehen. Die berühmtesten Beispiele der letzten Zeit waren sicherlich Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht und Blade Runner 2049, bei denen es jeweils mehr als dreißig Jahre später ein Wiedersehen mit den alten Figuren und ihren jeweiligen Darstellern gab. Bei Serien ist das sehr viel weniger üblich. Aber es gibt sie: Der neueste Beweis ist die Netflix-Serie Stadtgeschichten, bei dem Fans immerhin 18 Jahre haben warten müssen, bis es nach der dritten Staffel weitere Geschichten mit den Bewohnern von 28 Barbary Lane gab.

Zwischen gestern und heute
Anders als die ersten drei Ausflüge, die zwischen 1993 und 2001 entstanden sind, handelt es sich bei den neuen Stadtgeschichten um keine direkte Adaption der Kultbücher von Armistead Maupin. Anstatt wie bei den Vorgängern sich direkt auf die literarische Vorlage zu beziehen, ließ sich Serienschöpferin Lauren Morelli bei ihrer Interpretation lediglich von dieser inspirieren. Eine Was-wäre-wenn-Kreation, die das 70er-Jahre-Szenario in die Neuzeit verlegt. Vieles hat sich seither geändert. HIV muss nicht mehr tödlich sein, Männer in Frauenkleidern machen sich nicht mehr strafbar, heute darf man – zumindest theoretisch – den eigenen sexuellen Neigungen nachgehen, ohne gleich dafür verprügelt zu werden.

Am interessantesten ist Stadtgeschichten dann auch, wenn eben diese Unterschiede herausgearbeitet werden. In einer Folge muss sich Michaels neuer Freund Ben (Charlie Barnett), ein 28-jähriger Schwarzer, gegen ältere weiße Schwule verteidigen, die sich ihr Recht auf politische Unkorrektheit nicht nehmen lassen wollen. Denn sie waren es, die jahrelang dafür gekämpft haben, dass Homosexualität kein Tabuthema mehr ist, haben ihre Freunde an AIDS sterben sehen, weil sich niemand für sie interessierte. Jemand, der damals nicht dabei war, könne nicht verstehen, was das bedeutete, hätte auch nicht das Recht, über andere zu urteilen.

Der schwere Abschied
Während diese Konflikte zwischen Generationen spannend und doch natürlich gelöst sind, sind die regelmäßigen Ausführungen zu Influencern und Followern weniger glücklich. Wirken eher wie der krampfhafte Versuch, relevant zu sein und etwas über das Heute sagen zu können. Das fällt auch deshalb auf, weil Stadtgeschichten vor allem mit der eigenen Rückschau beschäftigt ist. Die wiederkehrenden Figuren sind alle von ihrer Vergangenheit bestimmt, von lange bewahrten Geheimnissen. Das wird vor allem zum Ende hin offensichtlich, wenn die Serie so sehr davon besessen ist, in Erinnerungen zu schwelgen, dass für die Gegenwart kein Platz mehr ist. Dass den Verantwortlichen auch völlig das Gespür für Tempo entgleitet, sie einfach nicht loslassen können und wollen.

Fans der alten Serien oder auch der Bücher schauen natürlich trotzdem rein und dürfen sich hier ein bisschen der Nostalgie hingeben. Sehr schön ist beispielsweise, dass Laura Linney und Olympia Dukakis ihre Rollen der ersten drei Staffeln wiederaufnehmen und zu einem Abschluss bringen. Die Figur des Michaels wurde hingegen neu besetzt, dieses Mal darf Murray Bartlett in einer Variation seines Auftritts in Looking den inzwischen 54-jährigen Homosexuellen spielen, der sein Leben nicht in den Griff bekommt. Das ist natürlich irgendwo sympathisch, wie sie hier alle zu kämpfen haben, es nicht so wirklich schaffen, den Safe Haven von Annas Haus zu verlassen. Die Anhäufung von selbst geschaffenen Problemen ist manchmal aber auch etwas anstrengend, ein bisschen Alltag wäre bei den vielen Drama Queens zum Ausgleich nicht verkehrt gewesen. Aber trotz dieser diversen Schwächen war es doch nett, die alten Freunde und Freundinnen noch einmal zu sehen, zumal Stadtgeschichten bei all der Nabelschau doch auch ein freundlich-wohliges Plädoyer für mehr Diversität bleibt – und das ist angesichts aktueller Tendenzen nicht weniger wichtig als damals, als wir das erste Mal das Tollhaus kennenlernen durften.

Stadtgeschichten
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Stadtgeschichten
Wiedersehen macht Freude, zum Teil zumindest. „Stadtgeschichten“ ist eine nostalgisch gestimmte Rückkehr zu Armistead Maupins Kult-Haus in San Francisco, das noch immer ein Safe Haven für die LGBT-Gemeinschaft ist. Spannend sind die Gegenüberstellungen von Vergangenheit und Gegenwart, auch wenn die Serie schon zum übertriebenen Drama neigt und den Abschluss nicht schafft.
6von 10

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