Mogli Mowgli Netflix

„Mogli: Legende des Dschungels“ // Deutschland-Start: 7. Dezember 2018 (Netflix)

Eigentlich standen die Überlebenschancen von Mogli (Rohan Chand) schlecht, sehr schlecht sogar. Nachdem seine Eltern von dem Tiger Shir Khan getötet wurden, ist das Waisenkind in der Wildnis des Dschungels völlig auf sich allein gestellt. Zu seinem Glück wird es jedoch von dem Panther Baghira gefunden und zu den Wölfen gebracht. Dort wird er als einer der ihren aufgezogen und gewöhnt sich tatsächlich ausgesprochen gut an seine Umgebung. Doch das Glück kann nicht von Dauer sein. Denn noch immer streift Shir Khan umher, wartet nur auf die Gelegenheit, auch das Menschenkind zu töten, wie einst dessen Eltern.

Und schon wieder ein Titel, den Netflix aus dem Kino geklaut bzw. gerettet hat, je nach Perspektive. Nachdem dieses Jahr bereits Auslöschung und The Cloverfield Paradox kurzfristig aus den Lichtspielhäusern zum Streaminganbieter wechselten, von wiederbelebten Totgeburten wie Mute ganz abgesehen, steht nun das nächste Großprojekt in den Startlöchern. Jahrelang hatte Andy Serkis an Mogli: Legende des Dschungels gearbeitet, mehrfach wurde der Kinotermin nach hinten geschoben. Bis im Juli dieses Jahres der Verkauf der Rechte an Netflix bekannt gegeben wurde – eine Entscheidung, die für manche vermutlich plötzlich kam, letztendlich aber durchaus nachzuvollziehen ist.

Das war früher aber anders …
Das größte Problem des Films ist dabei gar nicht so sehr der Film selbst als vielmehr die Konkurrenz. Wenn wir heute an den Waisenjungen Mogli denken, der sich allein unter Tieren im indischen Dschungel durchschlägt, dann denken nur die wenigsten an die Originalgeschichten des englischen Autors Rudyard Kipling. Sehr viel bekannter sind die Interpretationen aus dem Hause Disney, erst der Zeichentrickklassiker Das Dschungelbuch aus dem Jahr 1967, später dann die Neuverfilmung The Jungle Book (2016). Die hatten mit der Vorlage aber gar nicht so viel gemeinsam, nahmen zwar Figuren und Themen, machten daraus aber ein beschwingtes Abenteuer für die ganze Familie – inklusive musikalischer Evergreens wie Versuch’s mal mit Gemütlichkeit.

Schon das Remake von vor zwei Jahren schlug dabei einen spürbar düstereren Weg ein als die erste Animationsfassung. Doch Mogli: Legende des Dschungels geht da noch deutlich weiter. Die Welt, die Regisseur Andy Serkis (Solange ich atme) uns hier zeigt, ist keine des fröhlichen Zusammenhalts. In seinem Dschungel ist der Tod ständiger Begleiter, das Leben der Tiere ist zwar von eigenen Gesetzen geregelt, aber auch von archaischer Gewalt. Das geht mit einigen Szenen einher, die für das junge Disney-Publikum zu unheimlich sind, nicht nur Mogli eine Heidenangst einjagen. Die Folge: Die FSK erhöhte sich ein weiteres Mal, nun von 6 auf 12 Jahren. Denn kleine Kinder haben hier wirklich nichts zu suchen.

Kreaturen aus der Dschungelhölle
Aber es ist nicht nur die Geschichte, die ein paar mehr Abgründe bereithält als die Konkurrenz. Die Figuren selbst haben so gar nichts mehr von dem gewohnten Erscheinungsbild der alten Bekannten. Denn von kuscheligen Plüschtiervorlagen ist hier weit und breit nichts zu sehen. Was in Mogli durch den Dschungel rennt, hat schon zuvor ein sichtbar bewegtes Leben geführt – allen voran der Gutelaunebär Balu, der nun mit Narben übersät ist. Selbst die Helden der Geschichten werden bei Serkins zu alptraumhaften Schreckgespenstern, die Natur zu einer surrealen Hölle, die so gar nicht für idyllische Wildnis-Romantik geeignet ist. Dass das oft verschobene Großprojekt nicht in die Kinos kommt, ist da aus wirtschaftlicher Sicht sicher die bessere Entscheidung gewesen. Eine bereits bekannte Geschichte als hässlich-böse Variante vermarkten zu müssen, bei der Kinder keinen Zutritt haben, das war als Kassendesaster abzusehen.

Doch darin liegt eben auch der Reiz und die Daseinsberechtigung von Mogli: Legende des Dschungels. Der Film ist viel näher an der literarischen Vorlage, an dessen Abgründen und auch der Kritik am Kolonialismus der Menschen. Er ist auch moralisch ambivalenter, wenn gut und böse hier teilweise nur sehr schwer auseinanderzuhalten sind. So wie es in der Natur eben auch kein gut und böse gibt. Dass das Abenteuer diese Themen nicht sehr konsequent verfolgt, ist schade, aber zu erwarten. Schließlich erzählte schon Kipling keine durchgehende Geschichte, sondern gab lediglich einzelne Erlebnisse zum Besten – was sich in allen Adaptionen widerspiegelt. Etwas enttäuschend sind hingegen die Bilder, des Öfteren sehen die CGI-Kreaturen für ein solches Werk zu billig aus. Dafür ist aber zumindest im englischen Original die Riege an Synchronsprechern hervorragend – unter anderem geben sich Christian Bale, Benedict Cumberbatch und Cate Blanchett die Ehre und entlocken den bekannten Figuren noch einmal völlig neue Aspekte.

Mogli: Legende des Dschungels
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Mogli: Legende des Dschungels
Oft verschoben, im Vorfeld totgeredet ist „Mogli: Legende des Dschungels“ am Ende ein doch überraschend sehenswertes Projekt geworden. Die Geschichte um das Waisenkind, das von Wölfen aufgezogen wird, hat nichts mit den kindlich-bunten Disney-Interpretationen gemeinsam, sondern zeigt sich als düsterer, teils alptraumhaft-surrealer Dschungelhorror. Das ist nicht frei von Problemen, aber doch eine spannende, moralisch ambivalente Alternative.
7von 10

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