Sterbliche Mortel Netflix

„Sterbliche – Staffel 1“ // Deutschland-Start: 21. November 2019 (Netflix)

Ärger hat Sofiane (Carl Malapa) derzeit genug. Seit sein älterer Bruder Reda verschwunden ist, ist sein eigenes Leben ziemlich außer Fugen geraten. Aber das ist noch nichts im Vergleich zu dem, was ihm geschieht, als er dem seltsamen Obé (Corentin Fila) begegnet. Der behauptet, dass Sofiane jemanden töten muss, nur so könne er Reda retten. Warum dafür nicht Victor (Némo Schiffman) nehmen? Der hatte sich doch eh umbringen wollen, ist also prädestiniert dafür. Aber das klappt alles nicht so wie gedacht. Anstatt Victor zu töten, verfügen die beiden plötzlich über Superkräfte. Gemeinsam mit Luisa (Manon Bresch), deren Großmutter Elizabeth (Firmine Richard) Voodoo praktiziert, planen sie Redas Seele zu retten …

Superkräfte sind toll! Nicht nur für diejenigen, die sie haben, sondern auch diejenigen, die sie präsentieren dürfen. Denn das gibt mächtig Kohle. Im Kino gibt es inzwischen bekanntlich kein Entkommen mehr vor den diversen Comic-Adaptionen, in denen sich starke Männer und Frauen mit den fantastischsten Methoden eins auf die Mütze geben. Aber auch Netflix versucht schon seit einer Weile, ein bisschen von dem Hype zu profitieren und haut deshalb in regelmäßigen Abständen entsprechende Serien und Filme raus. Wobei man dem Streamingdienst zugutehalten muss, dass die Figuren und Szenarien dabei etwas anders sind als bei den normalen Heldengeschichten auf der Leinwand. Ob es die kaputte Familie von The Umbrella Academy ist oder die Titelfigur aus dem tragikomischen Geheimtipp Der Mann ohne Gravitation: Es geht auch anders.

Das war ein Witz, oder?
Es geht leider aber auch deutlich schlechter, wie der neueste Zuwachs im Superkräfte-Zirkus beweist. Schon der Einstieg, wenn der mit besonders roten Augen ausgestattete Obé einen dunklen Gang entlangschlurft, hält man kurz inne und fragt sich, ob das eben real war. Einige Minuten später folgt der verwirrte Blick auf die Genre-Angabe einschlägiger Filmdatenbanken: Ist Sterbliche vielleicht doch als Komödie gedacht, aber versehentlich in einer falschen Kategorie gelistet? Aber nein, die Serie meint das, was sie da zeigt, offensichtlich ernst – was den grauenvollen Anblick nur umso komischer macht.

Die Optik, so viel sei gleich verraten, wird sich im Anschluss nicht wesentlich verbessern. Zwischendurch wird es etwas erträglicher, wenn die von Frédéric Garcia kreierte Serie mehr vom Alltag erzählt. Doch wann immer die Abteilung für Spezialeffekte ihr Können demonstrieren muss, wünscht man sich, die Franzosen hätten das lieber gleich ganz bleiben lassen. Wobei der Eindruck, hier übelstes Trashfernsehen zu schauen, nicht nur durch die Bilder entsteht. Es ist vielmehr die Mischung aus einer beleidigend doofen Geschichte und der billigen Umsetzung bei den Kräften, die einen ungläubig auf den Bildschirm starren lässt. Bei den diversen Auftritten der Voodoo-Oma Elizabeth müsste man gar nicht so viel ändern, um eine Parodie auf Horrorfilme zu schaffen.

Es können nicht alle Helden sein
Wobei nicht alles schlecht ist bei der Netflix-Serie. Ist der erste Schock, wahlweise das Gelächter, erst einmal abgeebbt, geht es eine Zeit lang gar nicht so uninteressant weiter. Im Mittelpunkt steht dann nämlich nicht der Kampf gegen das Böse, sondern die beiden Jugendlichen und ihr Einsatz der Kräfte im Alltag. Was macht ein junger Mensch, wenn er anderen auf einmal überlegen ist? Das ist besonders dann spannend, wenn es sich eben nicht unbedingt um zwei Helden handelt. Der eine ist ein Rowdy ohne große Rücksichtnahme, der andere ein suizidaler Außenseiter. Sterbliche verzichtet an der Stelle auch bemerkenswerterweise darauf, die Geschichte zu einem Läuterungsprozess zu machen, an dessen Ende zwei Vorzeigeschüler stehen. Die großen Sympathieträger sind sie sechs Folgen später nicht geworden.

Ob das eine kluge Entscheidung war, darüber kann man sich streiten. Eine Frage bleibt nämlich: Warum genau sollte ich mir das anschauen wollen? Die Teeniedrama-Elemente, welche die Geschichte mit sich bringt, würden voraussetzen, dass man in irgendeiner Form Anteilnahme für die Jungs zeigt. Ist aber nicht. Als tatsächlicher Horrorbeitrag ist das wiederum zu harmlos und nicht spannend genug. Der Humor ist höchstens unfreiwillig. Und was das Ganze sollte, das wird ohnehin nicht klar. Teilweise ist das kurios genug, dass man vielleicht doch zumindest mal reinschauen wollte. Serien mit Voodoo-Bezug gibt es schließlich nicht alle Tage. Wenn Sterbliche nach der ersten Staffel einen frühen Tod sterben sollte und die Cliffhanger zum Schluss ohne Auflösung bleiben, eine schlechte Nachricht wäre das aber kaum.



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Sterbliche – Staffel 1
3.98 (79.5%) 40 Artikel bewerten

Sterbliche – Staffel 1
Ein Jugendlicher will einen anderen töten, um seinen Bruder zu retten. Stattdessen hat er danach Superkräfte. Nicht nur der Einstieg macht stutzig, „Sterbliche“ hat ein Talent dafür, einen ständig darüber nachgrübeln zu lassen, ob der Blödsinn ernst gemeint ist oder ein Witz auf Kosten des Publikums – nicht zuletzt wegen der grausam schlechten Effekte. Zwischenzeitlich wird es immerhin etwas interessanter, wenn es um die Frage geht, was die wenig heldenhaften Figuren mit ihrem Können anfangen werden.
4von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Eine Antwort

  1. Jones

    Ich sehe das Ganze komplett anders als der Autor und würde es schade finden, wenn die Serie „einen frühen Tot“ sterben würde.
    Klar, im Gegensatz zu dem Autor passe ich mit meinen Anfang 20 sicherlich eher in die Zielkategorie, dennoch sehe ich vieles anders als Oliver Armknecht.
    Die Effekte sind wahrscheinlich nicht Hollywood-würdig, dennoch sind sie nicht Trash. Die Serie ist zweifelsfrei nicht dem Genre Horror zuzuordnen, wobei sie dich eher düster ist, anstatt eine Komödie zu sein.
    Um mich mal auf die Aussage des „Chefredakteurs“ zu beziehen, dass „die Teeniedrama-Elemente, welche die Geschichte mit sich bringt, würden voraussetzen, dass man in irgendeiner Form Anteilnahme für die Jungs zeigt. Ist aber nicht“, kann man zwar als Empathieloser durchaus so sehen, wenn man aber selber mal miterlebt hat, dass sein eigener Bruder stirbt oder es bei Freunden geschehen ist und man ihr Leiden gesehen hat, dann nimmt man durchaus Anteil an den Charakteren der Serie.

    Ich brauche nicht zu behaupten, dass die Serie 10 von 10 Punkten verdient (wobei ich mich Frage, ob die Punkte subjektiv vergeben werden, oder ob es dafür einen Maßstab gibt), aber zu behaupten, sie wäre Trash und eher der Kategorie Komödie zuzuordnen ist eine Beledigung gegenüber der Schauspieler und der gesamten Crew, die daran mitgewirkt hat.

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