Kritik

All Together Now Netflix

„All Together Now“ // Deutschland-Start: 28. August 2020 (Netflix)

Amber Appleton (Auli’i Cravalho) hat einen großen Traum: Sie will unbedingt an der Carnegie Mellon aufgenommen werden! Das Talent dazu hat sie, die High-School-Schülerin ist eine begabte Sängerin, die sich sowohl im Theaterclub wie auch anderweitig sehr für andere einsetzt. Dabei könnte sie in ihrem eigenen Leben gut Hilfe gebrauchen. Ihre alleinerziehende Mutter Becky (Justina Machado) hat nie genug Geld, nicht mal eine Wohnung, weshalb Amber viel in einem Donut-Laden jobbt, wenn sie nicht gerade in einem Altersheim unterwegs ist. Hinzu kommt das Problem mit dem Alkohol. Und das ist nicht die eine Schwierigkeit, die der Jugendlichen zu schaffen macht …

Folge deinen Träumen, wird einem als Jugendlichen immer wieder vorgesäuselt. Du kannst alles werden, was du willst, wenn du nur an dich glaubst und hart genug arbeitest. Diese Überzeugung ist nicht nur in Amerika verbreitet, auch hierzulande wird einem gern suggeriert, dass man das eigene Schicksal in den Händen hält – sei es durch Politiker gehobener Kreis oder auch kitschige Filme, bei denen sich alles immer wunderbar auflöst für die Helden und Heldinnen. Dass die Realität anders aussieht, die Idee der Chancengleichheit selbst in der selbsternannten ersten Welt nur eine Illusion ist, das ist eine Erfahrung, die viele im alltäglichen Umgang machen. Gerade das soziale Milieu und die finanziellen Voraussetzungen durch die Eltern beeinflussen maßgeblich, wohin die Reise geht.

Das Leben als fortwährende Prüfung
Zumindest teilweise geht All Together Now darauf ein, dass das eigene Leben nicht in dem Maße planbar oder wenigstens steuerbar ist, wie man es gern hätte. Basierend auf dem Roman Sorta Like a Rockstar von Matthew Quick erzählt das Netflix-Drama von einer Jugendlichen, die alles richtig gemacht hat, freundlich ist, hilfsbereit, dazu noch talentiert, die aber trotz allem schwer zu kämpfen hat. Die Bandbreite an Stolpersteinen ist hoch. Neben dem fehlenden Geld, welches früh thematisiert wird, kommen unter anderem die Themen Alkoholismus und Missbrauch auf. Später wird die Palette noch erweitert, damit Amber noch einmal so richtig ins Schlingern gerät, obwohl es endlich einmal gut aussah.

Das hört sich nach einem rauen Sozialdrama an, welches eine Familie vorstellt, die vom Leben überrannt wurde und täglich Kämpfe auszutragen hat. Mit Aussagen zur Gesellschaft hält sich Regisseur und Co-Autor Brett Haley (Herzen schlagen laut, All die verdammt perfekten Tage) jedoch zurück. Er hat auch nicht so wirklich Interesse daran, seinen Film realistisch auszugestalten. Wenn in All Together Now etwas Schlimmes geschieht, dann nicht weil sich das aus der Situation heraus organisch ergeben würde. Vielmehr ist der Schicksalsschlag ein kalkuliertes, irgendwie auch zynisches Mittel, um die Handlung voranzutreiben. Zumal es noch nicht mal eine wirkliche Auseinandersetzung damit gibt oder es zu tatsächlichen Folgen kommt, das traute man sich dann doch nicht. Schließlich ist die Zielgruppe hier jünger, da darf dann nichts zu Ernstes zugemutet werden.

Eine Ansammlung von Klischees
Hinzu kommt, dass All Together Now auf viele Klischees zurückgreift, gerade auch bei der dürftigen Figurenzeichnung. Amber wird auf Schritt und Tritt idealisiert, darf so gar keine Kanten haben oder Makel. Lediglich ihr Unwille, sich von anderen bei ihrem Martyrium helfen zu lassen, wird ihr vorgeworfen. Als Charakterisierung ist das nicht gerad spannend. Vor allem nicht, wenn Amber die einzige ist, der überhaupt noch etwas wie eine Persönlichkeit zugesprochen wird: Der Rest wird zu Nebenfiguren degradiert, hat nichts zu sagen, wird im Zweifelsfall ebenso zu einem reinen Handlungselement, das als Katalysator dient, ohne selbst in Erscheinung zu treten. Wer für sich in Anspruch nimmt, die Realität da draußen abbilden zu wollen, der sollte sich nicht gerade vor den Menschen fürchten, sonst wird das schnell kontraproduktiv.

Hauptdarstellerin Auli’i Cravalho, die filmisch zuvor nur als Synchronsprecherin der Hauptfigur in Vaiana in Erscheinung getreten ist, tritt zwar tapfer gegen die Klischees, Konventionen und Oberflächlichkeiten an, es gelingt ihr aber nicht, die vielen inhaltlichen Schwächen tatsächlich ausgleichen zu können, zu denen sich später auch noch manipulativer Kitsch gesellt. Aufgrund der diversen angesprochenen Themen und dem Plädoyer für mehr Gemeinschaft sammelt All Together Now zwar schon den einen oder anderen Sympathiepunkt. Mehr als ein durchschnittliches Jugenddrama, welches letztendlich doch mehr Märchen als Porträt sein will, ist dabei aber nicht rausgesprungen.

Credits

OT: „All Together Now“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Brett Haley
Drehbuch: Matthew Quick, Brett Haley, Marc Basch
Vorlage: Matthew Quick
Musik: Keegan DeWitt
Kamera: Rob C. Givens
Besetzung: Auli’i Cravalho, Rhenzy Feliz, Judy Reyes, Justina Machado, Taylor Richardson

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All Together Now
Keine Wohnung, kein Geld, dafür aber viel Talent: „All Together Now“ beginnt als Geschichte über eine Jugendliche, welche alle Hindernisse überwindet und ihren Traum erfüllt. Die Romanverfilmung setzt die Schicksalsschläge aber zu kalkuliert ein, um glaubwürdig zu sein, versagt zudem bei der Figurenzeichnung. Übrig bleibt ein gut gemeintes Jugenddrama, das statt echter Auseinandersetzung lieber das kitschige Märchen sucht.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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