Beats Netflix

„Beats“ // Deutschland-Start: 19. Juni 2019 (Netflix)

Dass sich jemand mal nicht gut fühlt und lieber zu Hause bleibt, das kommt natürlich vor. Lieber etwas richtig auskurieren, anstatt es ewig mit sich herumzuschleppen. Aber gleich Monate nicht in die Schule zu kommen? Das ist schon ein bisschen arg. Und so macht sich Romello Reese (Anthony Anderson), der als Sicherheitsmann an besagter Schule arbeitet, auch auf den Weg, um nach August (Khalil Everage) zu schauen, der nach dem Tod seiner Schwester nicht mehr das Haus verlässt. Nicht ganz schuldlos daran: seine Mutter Carla (Uzo Aduba), die alles dafür tun würde, nicht noch ihr zweites Kind zu verlieren. Zu seiner großen Überraschung stellt der ehemalige Musikmanager dabei fest, wie begabt der Jugendliche ist, und versucht nun seinerseits, August zu einer großen Karriere zu verhelfen.

Hier in Europa ist die Vorstellung gleichermaßen unwirklich wie erschreckend, sich nicht mehr aus dem Haus zu trauen, weil man dadurch Gefahr läuft, auf offener Straße ermordet zu werden. In der Dokumentation What You Gonna Do When the World’s on Fire? ist eine der eindrücklichsten Szenen, wie eine Mutter ihren beiden Kindern einbläut, vor Anbruch der Dunkelheit zu Hause zu sein, nachdem es wieder ein paar Tote gegeben hat. Und wir sprechen hierbei von den USA wohlgemerkt, nicht einem beliebigen Dritteweltland.

Das Spiel mit der Angst
Vor diesem Hintergrund spielt auch der neue Netflix-Film Beats, wenn ein Jugendlicher nach dem Tod der geliebten Schwester eine gravierende Phobie entwickelt. Das ist erst mal schwer zu schlucken, ein Mensch, der bereits in frühen Jahren quasi lebensunfähig wird, das ist schon eine sehr tragische Geschichte. Der Film weiß das auch zu nutzen, ohne gleich daraus ein tränenreiches Drama machen zu wollen. Die großen Manipulationen des Publikum bleiben aus, von den wenigen Schrecksekunden abgesehen, wenn August Panikattacken bekommt, bleibt das hier recht ruhig, das Thema wird nicht über Gebühr ausgeschlachtet.

Das hängt allerdings auch damit zusammen, dass August nur eine von zwei Hauptfiguren ist und auch Romello seine Probleme mit sich herumträgt. Bei ihm ist es stärker das eigene Verschulden, was zu seinem Abstieg geführt hat. Ein ehemaliger Musik Manager, der jetzt als Sicherheitsmann für die von seiner Ex-Frau geleitete Schule arbeiten muss? Das ist auf eine ganz andere Weise bitter, bei Beats müssen zwei Verlierer zusammenarbeiten, um wieder in die Spur zu kommen. Um wieder ihr Leben in den Griff zu bekommen, das ihnen auf unterschiedliche Weise entglitten ist. Das bedeutet gleich doppeltes Daumendrücken! Dachte sich wohl zumindest Miles Orion Feldsott, der hier das Drehbuch geschrieben hat.

Viele Teile auf einem Haufen
So ganz geht dieser Plan dann aber doch nicht auf. Schon das Zusammentreffen an sich ist eine solche Anhäufung von Zufälligkeiten, dass man der Geschichte kaum glauben mag. Dass ausgerechnet der Musikprofi in seinem ungewollten Zweitjob auf ein traumatisiertes Musiktalent trifft, das erfordert schon viel Bereitschaft zur Gutgläubigkeit. Außerdem verheddert sich der Film dadurch mit den diversen Handlungssträngen: Es müssen schließlich nicht nur alte Wunden versorgt werden, neue Freundschaften geschlossen, auch der Kampf in dem Haifischbecken Musikindustrie wird angesprochen. Das Leben soll ja nicht plötzlich zu einfach werden.

Davon versteht Regisseur Chris Robinson sicher einiges, schließlich hat er bislang fast ausschließlich Musikvideos gedreht und dürfte auf diese Weise genügend Einblicke erhalten haben. Mehr als solide ist sein Beats dennoch nicht. Während Uzo Aduba (Orange Is the New Black) beispielsweise Glanzauftritte als besorgte Mutter hat, ist das restliche Ensemble weniger mitreißend. Wobei das zumindest teilweise natürlich auch durch den Inhalt vorgegeben ist: Der Film ist über weite Strecken ein eher farbloses Aufsteigerdrama, das es – trotz des tragischen Fundaments – nicht schafft, das Szenario genügend mit Leben auszufüllen. Das kann man sich anschauen bzw. auch anhören, sofern man selbst Anhänger von Hip-Hop-Beats ist. Muss man aber nicht.



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Beats
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Beats
„Beats“ erzählt von einem ehemaligen Musikmanager und einem traumatisierten Musiktalent, die zusammen an einer Karriere arbeiten und dabei ihre traurige Vergangenheit aufarbeiten. Das schwankt zwischen tragisch und banal, zeigt teilweise erschreckenden Alltag, ist an anderer Stelle jedoch zu fahrig und unglaubwürdig.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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