Kritik

Curtiz Netflix

„Curtiz“ // Deutschland-Start: 25. März 2020 (Netflix)

1942 sind die USA nach langem Zögern in den Zweiten Weltkrieg eingetreten. Doch jetzt gilt es, auch die skeptische Bevölkerung von der Notwendigkeit zu überzeugen. Ein Mittel sollen Filme sein: Mit patriotischen Werken versucht man die Menschen über die emotionale Schiene dranzukriegen. Darunter fällt auch das geplante Casablanca, zumindest wenn es nach den Studiobossen geht. Regisseur Michael Curtiz (Ferenc Lengyel) sieht es hingegen so gar nicht ein, dass sein Drama zu Propagandazwecken missbraucht werden soll, und wehrt sich daher mit Händen und Füßen gegen diese politische Einmischung, Gleichzeitig hat er aber auch privat zu kämpfen, unter anderem mit seiner Tochter Kitty (Evelin Dobos), zu der er ein schwieriges Verhältnis hat …

Trägheit oder mangelnden Schöpfungswillen kann man Michael Curtiz sicherlich nicht vorwerfen. Mehr als 160 Filme inszenierte der Regisseur im Laufe seiner Karriere, zunächst in Europa, später in den USA. Viele Werke des gebürtigen Ungarn sind Klassiker, er hat mit zahlreichen großen Stars zusammengearbeitet. 1939 war er gleich zweimal bei den Oscars für die beste Regie im Rennen: für die Komödie Vater dirigiert und den Gangsterfilm Chicago – Engel mit schmutzigen Gesichtern. Und doch wird der Filmemacher gerne auf einen Titel reduziert, der so groß war, dass er alles andere in seiner Laufbahn überstrahlt, das Liebesdrama Casablanca.

Ein Blick auf ein vergangenes Hollywood
Kein Wunder also, dass Curtiz, welches Netflix kürzlich für sich entdeckt hat, diesen Film als Aufhänger ausgesucht hat. Auch wenn der Titel darauf schließen lässt, dass etwas umfassender über den Regisseur gesprochen wird, am Ende beschränkt sich Regisseur und Co-Autor Tamas Yvan Topolanszky doch auf die Zeit des Drehs. Das ist verständlich, zumal er dabei die Möglichkeit hat, noch den Blick etwas zu weiten. Einerseits plaudert der ebenfalls in Ungarn geborene Filmemacher ein wenig über das private Umfeld seines berühmten Landsmannes. Gleichzeitig zeichnet er ein Bild von Hollywood während des Zweiten Weltkriegs, das noch fest im Studiosystem verankert war und nun politisiert werden soll, anstatt reinen Eskapismus zu bieten.

Allzu kritisch setzt sich Topolanszky damit aber nicht auseinander. Das wird auch schon auf den ersten Blick klar, dafür sind die Schwarzweiß-Bilder zu kunstvoll, ist die Liebe zum klassischen Hollywood zu offensichtlich. Curtiz hat da schon mehr mit The Artist und ähnlich nostalgisch-wehmütigen Rückblicken gemeinsam als mit einer tatsächlichen Aufarbeitung. Von einseitigem Kitsch ist der Debütfilm des Ungarn dennoch glücklicherweise weit entfernt. So hat er keine Hemmungen, ein bisschen an der äußeren Lackschicht herumzukratzen. Curtiz mag ein begnadeter Regisseur gewesen sein. Ein einfacher Zeitgenosse war er dafür nicht, ein Großteil des Films besteht aus Konflikten, die er mit anderen hat, künstlerische, private, sonstige.

Kunst um der Kunst willen
Teilweise ist das sogar unterhaltsam. Curtiz ist an manchen Stellen – innerhalb des ernsten Rahmens natürlich – von einer Komödie gar nicht so weit entfernt. Das führt dazu, dass die bitteren Elemente der Geschichte, darunter die Schwester des Regisseurs, die noch in Ungarn steckt, weniger zur Geltung kommen. Der Film ist immer etwas abgehoben, zu sehr in seiner eigenen künstlerischen Sphäre schwebend, als dass einem das Schicksal der Personen nahe gehen würde. Ein Film, der auch mehr mit der Form beschäftigt ist als mit dem Inhalt, der – wie bei so vielen Biopics – ohnehin nicht immer ganz mit der historischen Vorlage übereinstimmt.

Wie viel man dem Film abgewinnen kann, hängt maßgeblich damit zusammen, ob man ähnlich wie Topolanszky eine Vorliebe für das Kino von anno dazumal hat und sich von dem Zauber einfangen lassen kann. So braucht man beispielsweise Casablanca nicht zwangsweise zu kennen, um dem Inhalt dieser Hommage folgen zu können. Aber es hilft natürlich. Ohne diese Vorliebe wird es schwieriger, wobei die schönen Bilder und ein glänzender Hauptdarsteller ganz losgelöst davon den Film auszeichnen. Curtiz ist eine gelungene, überraschend souveräne Verneigung vor einem der Großen, ohne dadurch zu einem reinen Bittsteller zu werden.

Credits

OT: „Curtiz“
Land: Ungarn
Jahr: 2018
Regie: Tamas Yvan Topolanszky
Drehbuch: Tamas Yvan Topolanszky, Zsuzsanna Bak
Musik: Gábor Subicz
Kamera: Zoltán Dévényi
Besetzung: Ferenc Lengyel, Evelin Dobos, Declan Hannigan, Scott Alexander Young, József Gyabronka, Nikolett Barabas

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Curtiz
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Curtiz
„Curtiz“ nimmt uns mit in das Jahr 1942, wo Regisseur Michael Curtiz mit seinem Film „Casablanca“, mit politischen Vorgaben, aber auch privaten Problemen zu kämpfen hat. Das ist alles recht schön und kunstvoll umgesetzt, teilweise auch unterhaltsam, setzt aber eine gewisse Liebe für das Vorbild und die damalige Zeit voraus.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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