Gentle Monster (Kinostart: 17. September 2026) erzählt die Geschichte von zwei Frauen, die sich mit einer schockierenden Wahrheit rund um die Männer in ihrem Leben auseinandersetzen müssen. Während die Konzertpianistin Lucy (Léa Seydoux) mit dem Vorwurf zu kämpfen hat, dass ihr Mann Philip (Laurence Rupp) Kinderpornografie besitzt, hat die ermittelnde Sonderermittlerin Elsa (Jella Haase) Probleme mit ihrem Vater, der sexuell übergriffig geworden sein soll. Stimmen diese Vorwürfe? Und wenn ja, wie kommt es, dass das all die Jahre unbemerkt geblieben ist? Regisseurin und Drehbuchautorin Marie Kreutzer wirft diese und weitere harte Fragen auf, über die auch das Publikum nachdenken soll. Wir haben uns mit ihr bei der Deutschlandpremiere auf dem Filmfest München 2026 getroffen. Im Interview spricht sie über die Entwicklung des Stoffes, die ungewohnte Perspektive und die Bedeutung des Bauchgefühls beim Umgang mit anderen Menschen.
Könntest du uns mehr über die Entstehung von Gentle Monster erzählen? Warum wolltest du diese Geschichte erzählen?
Es fing mit einem Zeitungsartikel in „Die Zeit“ im Sommer 2020 an. Es war ein sehr großer und expliziter Artikel über den Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach, bei dem viele Pädokriminelle aufgeflogen sind. Der Artikel hat mich physisch und psychisch erschüttert. Ich konnte ihn gar nicht auf einmal lesen. Er machte mir aber auch klar, dass ich nicht nur Opfer sexualisierter Gewalt kennen muss, sondern auch Täter. Das kann der nette Typ von nebenan sein. Das kann sogar ein Freund von mir sein. Sexualisierte Gewalt geschieht im nächsten Umfeld von Kindern. Sie wird nicht von dem gefährlichen Typ begangen, der hinter der nächsten Bushaltestelle lauert und Süßigkeiten anbietet. Den gibt es auch, aber das ist ein Einzelfall. Viel häufiger ist der Fall des nahen Angehörigen. Das hat mich so erschüttert, ich fühlte mich so ohnmächtig, dass ich nur eins tun konnte: eine Geschichte darüber erzählen.
Die meisten von uns haben keine Berührungspunkte mit Kinderpornografie und es ist uns auch völlig fremd und unbegreiflich. Nachdem du dich näher damit befasst hast, ist es irgendwie für dich greifbarer geworden?
Sie ist wie jede Form von Gewalt so alt wie die Menschheit. Für mich ist es etwas greifbarer geworden, weil die Wurzel von sexualisierter Gewalt die gleiche ist wie für Krieg. Es geht letztendlich immer um Macht und darum, Macht über einen anderen Menschen oder eine andere Kultur zu haben. Das habe ich verstanden, was das Thema zwar nicht besser, aber etwas fassbarer macht. Wichtig ist auch, dass wir lernen, was wir tun können. Wir müssen unsere Kinder früher über Grenzen aufklären. Wir müssen aber auch aufpassen, dass wir die Grenzen von Kindern einhalten. Ich habe zum Beispiel komplett aufgehört, anderer Leute Kinder zu berühren – früher habe ich oft reflexartig die Haare gewuschelt oder ähnliches. Sie sollen nicht lernen, dass jeder Erwachsene sie einfach berühren darf. Natürlich müsste aber auch strukturell etwas geschehen. Wir müssen viel früher erkennen, ob jemand pädophile Neigungen hat. Sie müssen es auch selbst früher erkennen und sich Hilfe suchen. Wir haben als Gesellschaft auch die Aufgabe, diesen Machtrieb zu hinterfragen. Gerade Jungen und junge Männer werden so sozialisiert, dass Frauen schön und Männer mächtig sein müssen.
Wenn man die Geschichte sexualisierter Gewalt erzählt, sind zwei Perspektiven naheliegend: die des Opfers und die des Täters. Du hast einen dritten Weg gewählt und erzählst aus der Sicht von Angehörigen des Täters. Wie kam es dazu?
Es gibt diesen Spruch, dass man seine schlimmste Angst nehmen und darüber schreiben sollte. Zu den schlimmsten Ängsten von Eltern gehört, dass die Kinder sterben oder ihnen etwas angetan wird. Deswegen war die Perspektive der Mutter und Frau immer meine Perspektive. Außerdem fand ich es interessant, anhand dieser Frau und anderen Figuren aus dem Umfeld zu zeigen, wie wir mit diesem Thema als Gesellschaft umgehen. Dass wir uns diesem nicht stellen, dass wir kein Vokabular dafür haben, obwohl wir es tief in uns natürlich wissen. Da ist so viel Scham im Spiel. Scham ist auch das Wort, das mir am häufigsten während der Recherche begegnet ist. Aus der Opferperspektive zu schreiben, wäre mir aber auch zu hart gewesen. Das hätte ich gar nicht geschafft. Und was den Täter antreibt, interessiert mich nicht. Ich finde, dass wir Tätern medial, aber auch in Geschichten sowieso viel zu viel Raum geben. Wir müssen viel mehr über die Menschen sprechen, die verletzt werden – in welcher Form auch immer.
Die beiden Frauen in deinem Film bleiben bei den Männern. Das geschieht sicher zum Teil aus Verdrängung, weil sie nicht wahrhaben wollen, was da geschieht. Es geschieht aber auch aus Loyalität. An und für sich ist Loyalität etwas sehr Wertvolles. Ab wann ist sie falsch?
Das ist eine dieser Fragen, die man nie allgemeingültig wird beantworten können. Das ist zu sehr vom Einzelfall abhängig. Aber wenn man wie in diesem Fall über lange Zeit belogen und letztendlich auch getäuscht wurde, gibt es keinen Anlass mehr für Loyalität. Du weißt dann auch schon gar nicht, was überhaupt echt war. Was überhaupt Liebe war.
Wenn man von einem Menschen getäuscht wird, der einem so nahe steht wie in deinem Fall, kann man danach überhaupt noch jemandem vertrauen?
Das habe ich mich natürlich auch gefragt. Selbst wenn wir nicht in einer solchen Situation gewesen sind wie die Figuren im Film, wir sind alle schon einmal getäuscht worden, sind in irgendeiner Form hintergangen und belogen worden oder haben erkannt, dass jemand nicht die Person ist, für die wir sie gehalten haben. Trotzdem verlieben wir uns wieder. Trotzdem schließen wir wieder Freundschaften. Wir steigen in Flugzeuge, obwohl wir nicht wissen, ob der Pilot selbstmordgefährdet ist, essen etwas, das fremde Personen zubereitet haben. Vertrauen ist Leben. Ohne anderen Menschen zu vertrauen, können wir nicht leben. Das fällt uns vielleicht manchmal etwas schwerer. Aber Vertrauen ist etwas ganz Natürliches, wie ein Überlebensinstinkt.
Aber wie halten wir die Balance, dieses notwendige Vertrauen zu bewahren, ohne dass daraus ein blindes Vertrauen wird?
Ich muss oft an etwas denken, das ich mal gelesen habe: Unser Bauchgefühl ist so etwas wie unser zweites Gehirn. Wir belächeln das oft. Dabei verarbeitet unser Unterbewusstsein deutlich mehr Informationen als unser Gehirn. Je älter wir werden, umso wertvoller wird dieses Bauchgefühl. Wenn wir bei einem Menschen kein gutes Gefühl haben, dann wissen wir instinktiv: Mit dem stimmt etwas nicht. Das heißt nicht, dass wir dem nachgehen müssen. Oft wissen wir auch nicht, was da nicht stimmt. Dieses Gefühl kennen wir alle, selbst wenn wir es nicht immer wahrhaben wollen. Wenn sich in einer Beziehung oder einer Freundschaft Dynamiken verändern, dann spürst du das. Du willst es dann nur nicht benennen. Wir müssen da alle lernen, ehrlicher zu sein, auch uns selbst gegenüber.
Ist dieses Bauchgefühl etwas, das man trainieren kann? Wächst es aus der Erfahrung?
Es wächst total aus der Erfahrung. Wenn man sich mit 14 Jahren in jemandem täuscht, dann ist das etwas anderes, als wenn du dich mit 45 in jemandem täuschst.
Die beiden Frauen in deinem Film sind durchaus starke Frauenfiguren. Sie haben etwas erreicht, haben sich beruflich verwirklicht. Und doch ist da immer dieser Schatten der Männer aus ihrem Umfeld. Machen wir überhaupt Fortschritte im Hinblick auf Männer-Frauen-Beziehungen?
Ich fürchte, dass wir total wenige Fortschritte machen. Im Moment bin ich wieder sehr pessimistisch. Für mich war das immer ein großes Thema. Ich wurde auch von einer Feministin erzogen. Ich habe immer in der Filmpolitik viel gekämpft, zum Beispiel für eine Frauenquote in der Filmförderung. Feministin zu sein, ist Teil meiner Identität. Meiner Meinung nach sollten wir alle Feministen und Feministinnen sein, weil das ja nicht heißt, Männern etwas wegzunehmen. Es heißt, dass wir alle gleich viel wert sein wollen und die gleichen Rechte und Pflichten haben wollen. Für mich ist es erschreckend zu sehen, wie sich das alles in den letzten Jahren entwickelt hat. Das Schlimmste, was gerade auf der Welt geschieht, ist Afghanistan. Jedes Mal, wenn ich etwas über Afghanistan lese, bricht mein Herz. Die ganze Welt schaut zu und niemand greift ein. Aber auch die USA sind gerade sehr erschreckend, wenn darüber geredet wird, ob Frauen überhaupt wählen sollen. Abtreiben dürfen sie in vielen Staaten sowieso nicht. Und es gibt auch bei uns genügend Beispiele, wenn du den Fall Collien Fernandes nimmst. Es gibt verurteilte Sexualstraftäter, die wieder in Talkshows sitzen, so als wäre nie etwas gewesen. Da fragst du dich schon: Was muss eigentlich passieren?
Was gibt dir in dieser Situation noch genug Hoffnung, dass du trotzdem weitermachst?
Ich finde, wir haben in unserem Leben alle die Aufgabe, gute Menschen zu sein. Es gibt einem auch sehr viel. Kleine Akte der Menschlichkeit, die du nur deshalb machst, weil du anderen etwas Gutes tun möchtest oder in einer schwierigen Situation helfen möchtest. Stichwort Zivilcourage. Oder wenn du mit Klimaleugnern sprichst und etwas bewirkst. Diese Dinge geben mir Hoffnung. Ich glaube noch immer an die Menschen und die Grundsolidarität unter Menschen, auch mit Menschen, die eine andere Meinung haben. Das ist so wahnsinnig wichtig. Und leider ist das so schwierig geworden. Du kannst auch mit Menschen weiterhin befreundet sein, wenn du zu einem Thema anders denkst.
Vielen Dank für das Interview!
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