Kritik

Adu Netflix

„Adú“ // Deutschland-Start: 30. Juni 2020 (Netflix)

Der kleine Adú (Moustapha Oumarou) und seine Schwester Alika (Zayiddiya Dissou) müssen raus aus Kamerun, so viel ist klar, um ihr Glück in Europa zu suchen. Doch schon der Weg dorthin an Bord eines Frachtflugs stellt sich als tödliche Falle heraus. Mateo (Álvaro Cervantes) hingegen versucht als Wachmann in der spanischen Exklave Melilla an einem Grenzzaun zu verhindern, dass andere einfach so nach Europa können. Für Gonzalo (Luis Tosar) sind Menschen hingegen ein Mittel zum Zweck, seine Lebensaufgabe sieht er darin, bedrohte Tiere im Senegal zu schützen. Das führt nicht nur regelmäßig zu Konflikten mit Einheimischen. Auch das Verhältnis zu seiner Tochter Sandra (Anna Castillo) ist gestört, hatte seine Arbeit doch immer Vorrang vor dem Familienleben …

Der Umgang mit dem schwierigen Erbe
Wenn derzeit auf der ganzen Welt Menschen auf die Straßen gehen, um unter dem Slogan Black Lives Matter zu protestieren, dann geht es um mehr als übertriebene Polizeigewalt und gesellschaftlich verankerten Rassismus. Dahinter stecken auch Jahrhunderte der Unterdrückung, kolonialistisches Gedankengut, dessen Auswirkungen bis heute zu spüren sind, und ein bis heute nie so ganz geklärtes Verhältnis zwischen Europa und Afrika. Der Zeitpunkt ist daher von Netflix sicher geschickt gewählt, um Adú auf Reise zu schicken und ein bisschen was von der aktuellen Stimmung aufzugreifen. Denn der Episodenfilm nimmt sich gerade dieses schwierigen Verhältnisses an.

Zwei der drei Handlungsstränge, die sich größtenteils unabhängig voneinander durch den Film schlängeln, behandeln dabei den Dauerbrenner Flüchtlingskrise. Die kam in Filmen natürlich in den letzten Jahre nicht gerade kurz, in Deutschland gab es dieses Jahr beispielsweise Zu weit weg und Berlin Alexanderplatz, die sich jeweils auf eine ganz eigene Weise dem Thema annäherten. Ein solcher Einfall fehlt bei dem von Alejandro Hernández verfassten Drehbuch. Originell ist allenfalls, dass es neben dem obligatorischen Schicksal der beiden Kinder auch eine Geschichte um die Gegenseite gibt, welche deren Überforderung zeigt. Männer, die als Prellbock eingesetzt werden, damit niemand von unerwünschten Einreisenden behelligt wird.

Wie kann ich helfen?
Während die beiden Geschichten aufgrund der gut abgegrasten Thematik zwar kompetent umgesetzt sind, aber nicht ganz so viel Wirkung erzeugen, dürfte das Hauptaugenmerk auf dem dritten Strang liegen. Nicht nur, dass dort mit Luis Tosar (Auge um Auge) ein international bekannter Schauspieler auftritt. Es wird zudem das heikle Thema Entwicklungshilfe angesprochen, die leicht zu einem Neo-Kolonialismus werden kann, wenngleich ein gut gemeinter, anstatt von Profitgier getrieben. Sollte man sich als Weißer überhaupt vor Ort einbringen? Sollte man zusehen, wenn die einheimische Bevölkerung alles falsch macht und damit beispielsweise die Umwelt gefährdet? Die Grenze zwischen Hilfe und Bevormundung kann sehr schmal sein, vor allem wenn ein Mann das Sagen hat, der nicht unbedingt für diplomatischen Willen bekannt ist.

Eine Antwort darauf gibt Adú leider nicht. Stattdessen beleuchtet der Film in dem Strang vor allem das Verhältnis des Tierschützers zu seiner Tochter, die ebenfalls ihre Probleme mit dem Dickschädel hat. Das ist alles gut gespielt, funktioniert als Familiendrama, vergeudet aber doch das Szenario und das Thema des Films. Es ist dann auch mindestens schade, wenn nicht gar ärgerlich, dass es dem Drama nicht so recht gelingt, etwas zu der Debatte beizutragen. Dass es gegen Ende hin mit einer dick aufgetragenen Musik auch nicht unbedingt dazu ermuntert, noch selbst irgendwie nachdenken zu wollen. Wie bei der Entwicklungshilfe gilt beim Film: Die gute Absicht allein reicht nicht aus. Phasenweise überzeugt das hier natürlich schon, zeigt authentisch auf, welche Probleme es in dem Bereich gibt, die Komplexität der Situation, die sich nur durch Slogans nicht verändern wird. Aber der Film macht zu wenig daraus.

Credits

OT: „Adú“
Land: Spanien
Jahr: 2020
Regie: Salvador Calvo
Drehbuch: Alejandro Hernández
Musik: Roque Baños
Kamera: Sergi Vilanova
Besetzung: Luis Tosar, Álvaro Cervantes, Anna Castillo, Moustapha Oumarou, Miquel Fernández

Trailer

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Adú
„Adú“ erzählt anhand von drei Parallelgeschichten von dem schwierigen Verhältnis zwischen Afrika und Europa. In Ansätzen ist das durchaus interessant, doch die werden nicht konsequent genug verfolgt. Die Flüchtlingsproblematik findet keine neuen Ansätze, das Thema der Entwicklungshilfe wird zu schnell aufgegeben.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Eine Antwort

  1. Olga

    Mich hat der Film sehr wohl auf vielfältige Weise zum Nachdenken gebracht und sehr gut das Gefühl des Dilemmas mit Flüchtlingsströmen, seine Komplexität widergegeben.. Der Film ist rührend, atmosphärisch und spricht von der Perspektive derer Menschen, denen wir hier in der Endstation begegnen, aber, wie die Rezension auch anmerkt, beleuchtet auch andere Parteien und deren Gefühlswelt. das Anschauen ist wirklich empfehlenswert!

    Antworten

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