Tu Hijo Your Son Netflix

„Tu hijo – Sohn der Vergeltung“ // Deutschland-Start: 1. März 2019 (Netflix)

Jaime Jiménez (Jose Coronado) ist ein fürsorglicher Arzt, für den das Wohl anderer Menschen immer an erster Stelle steht. Das tat es zumindest bis zu jenem Tag, an dem sein Sohn Marcos (Pol Monen) vor einem Club brutal zusammengeschlagen wurde und nun ausgerechnet in seinem Krankenhaus um sein Leben ringt. Für Jaime steht fest, dass er nicht einfach tatenlos zusehen kann. Er will Antworten, will verstehen, wer seinem Sohn etwas Derartiges antun konnte. Und er will, dass diese Täter ihrer gerechten Strafe zugeführt werden. Als jedoch genau das nicht geschieht, entscheidet der Mediziner, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

Die Welt ist voller wütender Männer, die ein ihnen zugefügtes Unrecht mit jeder Menge Gewalt sühnen wollen. Zumindest in Filmen ist das so. Inzwischen ist der Bereich des Rachethrillers derart stark überlaufen, dass Videotheken, sofern es sie noch gibt, ihnen gerne eine eigene Sektion widmen. Denn die meisten Vertreter sind typisches Videothekenfutter, austauschbare Massenware, die man kein zweites Mal sehen muss. Oft nicht mal ein erstes Mal. Was nicht heißen soll, dass man mit den zuweilen äußerst brutalen Actionszenen keinen Spaß haben kann. Irgendwie geht es in solchen Filmen schließlich immer um ehemalige Killer, Söldner oder CIA-Agenten, die dann auch gleich das notwendige Waffenarsenal und die dazu passende Expertise mitbringen. Hauptsache, es knallt!

Wenn Normalos zu Killern werden
Inhaltlich interessanter sind jedoch die Werke, in denen ganz normale Menschen beschließen, das Recht in die Hand zu nehmen. Einer nach dem anderen war seinerzeit auch deshalb so unterhaltsam, weil ein älterer Schneepflugfahrer nun einmal nicht unserem Bild des mörderischen Rächers entspricht. Und auch der Netflix-Film Tu hijo – Sohn der Vergeltung setzt auf einen etwas anderen Protagonisten, indem ausgerechnet ein gutbürgerlicher Arzt auf Menschenjagd geht. Ein Mann also, der sich eigentlich dem Erhalt von Leben verschworen hat, nicht dessen Beendung.

Das erinnert ein wenig an den isländischen Kollegen Der Eid. Auch dort war es ein Arzt, der seiner Familie wegen zu unlauteren Mitteln griff – damals, um seine Tochter vor einem Drogendealer zu schützen. Gemeinsam ist den beiden Filmen aber nicht nur der Beruf des Protagonisten. Damit einher geht auch die Frage: Wie weit darf jemand gehen, um für Gerechtigkeit zu sorgen? Während die meisten Rachethriller ihre Figuren zu Helden erklären, da ist Tu hijo deutlich ambivalenter. Regisseur und Co-Autor Miguel Ángel Vivas (Extinction) lässt es langsam angehen, bis es später zunehmend eskaliert und die Neugierde geweckt ist: Wie weit wird Jaime gehen? Wann wird aus einem Helden ein Schurke?

Die ruhige Suche nach dem Abgrund
Actiongeladen ist das Ergebnis dennoch nicht, Tu hijo wandert irgendwo zwischen Drama und Thriller umher. Die Atmosphäre ist zwar düster, auch wegen der vielen dunklen Nachtaufnahmen, viel passieren tut dennoch nicht. Zumindest nicht visuell, akustisch dafür umso mehr, die Filmmusik von Fernando Vacas ist recht schräg, um nicht zu sagen bizarr. Das lenkt zuweilen etwas vom Geschehen ab, von dem geringen Tempo ebenfalls. Wer von einem Rachethriller also in erster Linie deftige Schusswechsel oder Kampfeinlagen erwartet, der kann sich das hier sparen, für ein solches Publikum ist der spanische Film weder gedacht noch geeignet.

Tatsächlich problematisch wird es jedoch erst zum Ende. Offensichtlich wollte Vivas sein Thema der menschlichen Abgründe noch ein wenig mehr vertiefen und baute daher noch Wendungen ein. Das ist einerseits nett, verwischt noch mehr die Grenzen zwischen gut und böse. Es ist nur nicht so wirklich glaubhaft, erinnert eher an die notorischen Twists eines M. Night Shyamalan, der auch ganz gerne aus Prinzip Geschichten entgleisen lässt, ob es das nun braucht oder nicht. Tu hijo hätte das nicht gebraucht, die grundsätzlich moralischen Fragen und die eigenwillige Atmosphäre sind deutlich stärkere Argumente, in den Film hineinzuschauen als clever gemeinte, letztendlich jedoch billige Taschenspielertricks. Da wäre es besser gewesen, ein bisschen mehr in die restliche Geschichte zu investieren, die sich ansonsten des Öfteren an die vorgefertigten Bahnen hält.

Tu hijo – Sohn der Vergeltung
4.23 (84.63%) 147 Artikel bewerten

Tu hijo – Sohn der Vergeltung
In „Tu hijo – Sohn der Vergeltung“ lernen wir einen Arzt kennen, der Gerechtigkeit für seinen ins Koma geprügelten Sohn sucht – notfalls auf eigene Faust. Der moralische Verfall des Protagonisten, die düstere Atmosphäre und die eigenwillige Musik lohnen einen Blick auf das spanische Thrillerdrama, auch wenn die Geschichte nicht besonders ist, zwischen konventionell und übertrieben schwankt.
6von 10

3 Responses

  1. Birgit Fienemann

    Tja, dieser Film hätte was sein können – aber die Story krankt schon an der Wurzel. Ein erfolgreicher Chirurg, dessen Sohn halbtot geprügelt wird, geht auf Rachefeldzug. Aha. Der Sohn lebt noch und wird überleben – völlig unklar, warum ein verheirateter Vater dann Amok läuft und offenbar sein eigenes Leben, sowie das von Frau und Kind gleich mit zerstören will. Wäre der Sohn tot oder meinetwegen hirntod, hätte ich es irgendwie nachvollziehen können, aber so?

    Dann dümpelt der Film dahin und man verbringt nach den ersten 30 Minuten den Rest des Filmes im Tran… Und wartet drauf, daß was passiert. Als ganz zum Ende hin noch etwas wie Dramatik aufkommt, als der Vater den Grund für die Schlägerei erfährt und der Film für eine einzige Szene etwas Fahrt aufnimmt, lässt einen das auch schon kalt, weil man während des ganzen Filmes keinerlei Beziehung zu den handelnden Personen aufbauen konnte. Man nimmt zur Kenntnis, mehr nicht.

    Mit einem Wort: LANGWEILIG! Die Zeit für den Film kann man sich getrost sparen bzw sinnvoller verbringen, beispielsweise mit Stricken. Ist genauso aufregend. Hat aber wenigstens einen Sinn. Der Film nicht.

    Zur Musik sage ich besser nichts. Außer vielleicht, daß diese den Abschaltfaktor nochmal signifikant erhöht.

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    • Thorben

      Danke, ich dachte ich wäre die einzige Person, die so denkt. Was für eine gequirlte Kacke. Der Film war von vorne bis hinten besch*****. Einfach nur langweilig, unspektakulär und blöd. Wenn man sehen will, wie ein „Normalo“ kriminell wird, dann kann man sich Breaking Bad ansehen, aber diesen Müll braucht man sich nicht geben, da kann man lieber Socken bügeln und den Garten staubsaugen. Die knapp 2 Stunden meines Lebens kriege ich nicht zurück…

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