Inhalt / Kritik

Katla Netflix

„Katla – Staffel 1“ // Deutschland-Start: 17. Juni 2021 (Netflix)

Ein Jahr ist es inzwischen her, dass der isländische Vulkan Katla ausgebrochen ist. Doch noch immer hat die Bevölkerung des kleinen nahegelegenen Dorfes mit den Folgen zu kämpfen. So ist sie praktisch von der Außenwelt abgeschnitten, kaum jemand geht noch hinein oder hinaus. Umso größer ist die Überraschung, als eines Tages eine mit Asche bedeckte Frau plötzlich auftaucht. Und sie ist nicht die einzige, immer mehr Leute sind auf einmal da, obwohl sie nicht da sein dürften. Leute, die vor Monaten verschwunden sind. Leute, die längst tot und begraben sind. Und Leute, die es bereits gibt und quicklebendig sind. Aber was hat es damit auf sich? Woher kommen sie? Und weshalb erinnern sie sich nicht daran, was zuvor geschehen ist?

Düster aus Tradition

Wenn sich Baltasar Kormákur mit einem neuen Werk zurückmeldet, dann weiß man eigentlich schon im Vorfeld: Jetzt wird es düster! Zumindest die Filme und Serien, die der Isländer in seiner Heimat gedreht hat, sind Beispiele kunstvoller Abgründe, an denen sich Genrefans erfreuen können. Im Thriller Der Eid legt sich ein Herzchirurg mit einem Drogendealer an, um seine Tochter zu schützen. Die Krimiserie Trapped wiederum erzählt von einem Mord, der sich in einem eingeschneiten Dorf zugetragen hat. In beiden Fällen sehen wir die Figuren durch den tiefen Schnee stapfen, sind an dunklen Orten unterwegs, an denen es nur wenig Hoffnung gibt. Die eisige Umgebung wird zu einem Spiegel für die vielen kaputten Leute.

Das gilt dann auch für seine Netflix-Serie Katla, welche er zusammen mit Sigurjón Kjartansson konzipiert hat. Erneut sind wir hier an einem Ort, der in sich geschlossen ist. Außenstehende kommen aufgrund der vulkanischen Vorkommnisse nur mit einer behördlichen Genehmigung hinein. Anders als bei den beiden obigen Titeln handelt es sich hier jedoch weder um einen Krimi, noch einen Thriller, auch wenn das vorher manchmal behauptet wurde. Stattdessen steht der Mysteryaspekt im Vordergrund, wenn eine Reihe von Menschen auftauchen, die es gar nicht geben dürfte. Mit dem hauseigenen Verkaufsschlager Dark hat das aber trotz häufig bemühter Vergleiche nur das Label auf der Schublade gemeinsam. Auch wenn hier viel gerätselt wird und gerätselt werden darf, eigentlich geht es um etwas Anderes.

Wohin mit den Toten?

Sehr viel passender wäre vielmehr der Vergleich mit The Returned. In beiden Fällen tauchen Tote auf mysteriöse Weise wieder auf, sind seit ihrem Tod keinen Tag gealtert und wissen nicht, was da vorgefallen ist. Gemeinsam ist den beiden Serien auch, dass die Suche nach Erklärungen nur eine Begleiterscheinung ist. Wichtiger sind die Beziehungen untereinander und gerade auch die Frage: Wie gehe ich damit um, dass jemand, den ich als tot akzeptiert habe, wieder Teil meines Lebens ist? Verwirrung und Freude liegen bei Katla eng beieinander, wenn etwa der tote Sohn wieder da ist. Hinzu kommt auch ein wenig Angst, denn insgeheim wissen natürlich alle, dass das so nicht stimmen kann. Aber wie das so ist, wenn man einen anderen Menschen liebt, da drückt man schon einmal ein Auge zu. Eine Illusion kann schließlich auch ganz nett sein.

Dieses sehr hypothetische Szenario wird dabei zum Ausgangspunkt, auch die Beziehungen zwischen den „normalen“ Menschen zu thematisieren. Tatsächlich wird Katla mit der Zeit immer mehr zu einem Drama, das sich mit den traurigen Geschichten seiner Figuren auseinandersetzt. Da geht es mal um das Paar, das an der Trauer zerschellt ist. Mal sind es geheime Gefühle, deren Folgen erst durch die äußeren Umstände später deutlich werden. Tatsächlich glücklich ist in dem Dorf praktisch keiner. Irgendwie haben sie alle ihre hässlichen Erinnerungen, die sie mit sich herumtragen und die das Leben stärker prägen, als sie es sich zunächst eingestehen wollen.

Viel Atmosphäre, wenig Konkretes

Das wird sicher nicht allen vor den Bildschirmen daheim gefallen. Wer vor allem wegen der Auflösung dranbleibt, wird von Katla enttäuscht. Erst spät gibt die Serien überhaupt Antworten. Die bleiben dabei so vage, dass man nicht wirklich viel weiter kommt. Außerdem gibt es typisch Netflix ein sehr offenes Ende, um eine weitere Staffel rechtfertigen zu können. Allein deshalb wäre eine Fortsetzung wünschenswert, die angedeutete Richtung ist reizvoll. Atmosphärisch ist die isländische Produktion ohnehin sehr geglückt, kreiert mit den dunklen, menschenleeren Landschaften den perfekten Ort, um verloren zu gehen. Das Tempo hätte sicher höher sein dürfen, zumal die Charakterisierung nicht so komplex ist wie beim französischen Kollegen oben. Für sich genommen ist das hier aber ein melancholisch vorgeflüstertes Rätsel, auf das es sich einzulassen lohnt, auch wegen der spannenden Doppelgänger-Thematik.

Credits

OT: „Katla“
Land: Island
Jahr: 2021
Regie: Baltasar Kormákur, Börkur Sigþórsson, Thora Hilmarsdottir
Drehbuch: Sigurjón Kjartansson, Davíð Már Stefánsson, Lilja Sigurðardóttir
Idee: Sigurjón Kjartansson, Baltasar Kormákur
Musik: Högni Egilsson
Besetzung: Guðrún Ýr Eyfjörð, Íris Tanja Flygenring, Ingvar Sigurdsson, Aliette Opheim, Þorsteinn Bachmann, Haraldur Stefansson, Sólveig Arnarsdóttir, Baltasar Breki Samper, Birgitta Birgisdóttir, Björn Thors, Helga Braga Jónsdóttir, Aldís Amah Hamilton, Björn Ingi Hilmarsson, Guðrún Gísladóttir, Jóhanna Friðrika Sæmundsdóttir, Kristín Þóra Haraldsdóttir, Hlynur Harðarson, Valter Skarsgård

Bilder

Trailer

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Katla – Staffel 1
Nach einem Vulkanausbruch tauchen in einem isländischen Dorf eine Reihe von mit Asche bedeckten Leuten auf, die es so gar nicht geben dürfte. „Katla“ präsentiert ein reizvolles Rätsel, ist letztendlich aber mehr daran interessiert, die Geschichten der Dorfbevölkerung zu erzählen. Das ist vielleicht nicht befriedigend, aber doch atmosphärisch und mit viel Melancholie vorgetragen.
7von 10

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