Unser Vater Dr Cline Our Father Netflix
© Netflix

Unser Vater – Dr. Cline

Unser Vater Dr Cline Our Father Netflix
„Unser Vater – Dr. Cline“ // Deutschland-Start: 11. Mai 2022 (Netflix)

Inhalt / Kritik

Nachdem Netflix kürzlich deren Serie Der schlimmste Mitbewohner aller Zeiten veröffentlichte, kommt mit Unser Vater – Dr. Cline nun eine weitere True-Crime-Dokumentation von Blumhouse Productions, dieses Mal handelt es sich um einen Film. Neben Original-Audioaufnahmen und Zeitzeugen gibt es auch einige Reenactments, welche ungewöhnlicherweise oft mit den Opfern selbst inszeniert sind. Unser Vater – Dr. Cline ist hochwertig produziert, einige (sehr) wenige der zu Wort kommenden Betroffenen wirken jedoch, als würde sie sich gerne selbst reden hören, auch wenn sie nichts Substanzielles beizutragen haben.

Die Wahrheit eines DNS-Tests

Genau wie in Found bringt hier ein DNS-Test den Stein ins Rollen. Genau wie in Found stammt das Testkit vom Unternehmen 23andMe. Während die datenschutzrechtlichen Probleme solcher Tests in Found zugunsten einer Wohlfühlstory unter den Tisch fallen gelassen wurden, werden sie in Unser Vater – Dr. Cline wahrscheinlich deshalb verschwiegen, weil die DNS-Datenbank in diesem Fall bei der Aufklärung eines „Verbrechens“ (dazu später mehr) geholfen hat. Die Alternative wäre, dass es sich um bezahlte Propaganda handelt – und während der bloße Gedanke daran absurd ist, lässt sich nicht von der Hand weisen, dass die Dokumentation an einer Stelle gezielt dazu aufruft, sich und sein Kind einem DNS-Test zu unterziehen. Zugegebenermaßen innerhalb eines bestimmten Kontextes, in welchem die Prozedur wahrscheinlich wirklich sinnvoll sein könnte. Allerdings gibt es hier und da immer wieder kleinere Momente, in welchen DNS-Tests als solche in ein positives Licht gerückt werden.

Bereits in jungen Jahren wunderte sich Jacoba Ballard darüber, blond und blauäugig zu sein, was so gar nicht zu ihren direkten Verwandten passen wollte. Als sie zehn Jahre alt ist, eröffnet ihr ihre Mutter schließlich, dass ihr biologischer Vater nicht der Mann sei, den sie für ihn gehalten hatte, sondern ein anonymer Samenspender. 1979 wandte sich ihre Mutter an Dr. Donald Cline, den führenden Fruchtbarkeitsarzt in Indianapolis, da ihr Ehemann keine Kinder bekommen konnte. Dr. Cline versprach, unter seinen Medizinstudenten einen Spender zu finden, der ihrem Gatten ähnlich sähe. Als Einzelkind aufgewachsen, wollte Jacoba immer einen Bruder oder eine Schwester. 1999, mit 18 Jahren, wendet sie sich telefonisch an Dr. Cline, wissend, dass keine Samenspende für mehr als drei Frauen benutzt wird, um herauszufinden, ob derselbe Spender für weitere Kinder verantwortlich ist. Die wenig empathisch vorgetragene Antwort ist ernüchternd: Die Patientenakte ihrer Mutter ist nicht mehr existent, somit lässt sich das nicht herauszufinden. 2014 sind bestimmte Methoden so weit fortgeschritten, dass es Jacoba ermöglicht wird, ihre Neugier beinahe in Eigenregie zu befriedigen. Zu ihrer Überraschung fördert der DNS-Test ganze sieben Halbgeschwister zutage – mehr als doppelt so viele wie zu erwarten waren.

Ein echt gruseliger Fall

Im Laufe der Zeit werden nicht nur immer mehr Halbgeschwister identifiziert, es wird allen Beteiligten auch bald klar, dass Dr. Cline bei vielen seiner Patientinnen sein eigenes Sperma zur Schwängerung verwendet hatte. Dr. Cline zeigt sich unkooperativ, steht Gesprächen ablehnend gegenüber, auch als eine Reporterin auf den Fall aufmerksam wird und recherchiert. Allerdings findet sich jeder, der auf Antworten drängt, schon bald in einer einschüchternden Situation wieder, die wie eine Warnung wirkt, bloß den Mund zu halten. Das ist noch lange nicht alles, aber für das ganze Ausmaß muss Unser Vater – Dr. Cline dann doch selbst angeschaut werden. Um jedoch noch aufzulösen, was es mit dem „Verbrechen“ auf sich hat: Zum damaligen Zeitpunkt gab es kein Gesetz gegen Dr. Clines Handeln. Die unfreiwillige Familie schaffte es zwar irgendwann, ihn doch noch auf die Anklagebank zu zerren; es wird den ein oder anderen aber wohl etwas sprachlos zurücklassen, wie das Verfahren verlief. Als ob die Geschichte, auch dank der Inszenierung, nicht schon fast einem Psychothriller gleichen würde, gibt es im Abspann noch weitere Informationen, unter anderem darüber, was sich seither rechtlich getan oder nicht getan hat – und das alles ist vielleicht noch gruseliger als der vorgestellte Fall selbst.

Credits

OT: „Our Father“
Land: USA
Jahr: 2022
Regie: Lucie Jourdan
Musik: Gregory Tripi
Kamera: Joe M. Han

Bilder

Trailer

Weitere Netflix Titel

Ihr seid mit Unser Vater – Dr. Cline schon durch und braucht Nachschub? Dann haben wir vielleicht etwas für euch. In unserem Netflix-Themenbereich sind alle Original-Produktionen gelistet, unterteilt nach Spielfilm, Serie, Doku und Comedy. Unten findet ihr alle Netflix-Titel, die wir auf unserer Seite besprochen haben.

A
B
D
M
S
T
W

Kaufen / Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.



(Anzeige)

Unser Vater – Dr. Cline
Fazit
„Unser Vater – Dr. Cline“ ist ein hochwertig produzierte True-Crime-Dokumentarfilm, der beinahe wie ein Psychothriller daherkommt – überwiegend inhaltlich, teilweise aber auch inszenatorisch. Die Geschichte eines Fruchtbarkeitsarztes, der etliche Frauen ohne deren Wissen oder Zustimmung mit seinem eigenen Sperma geschwängert hat, ist erschreckend. Beängstigender sind aber das Nachspiel und die rechtlichen (Nicht-)Folgen. Eine undifferenzierte Darstellung von DNS-Tests sowie einige wenige selbstdarstellerische Betroffene hinterlassen jedoch einen faden Beigeschmack.
Leserwertung220 Bewertungen
5.2