Die Warnung

„Die Warnung“ // Netflix-Start: 24. Juli 2018

Nur mal kurz zur Tankstelle, mehr wollten Jon (Raúl Arévalo) und David (Sergio Mur) ja gar nicht. Aber das Schicksal hatte etwas anderes vor: Kaum hat David den Verkaufsraum betreten, wird er in eine Schießerei verwickelt und lebensgefährlich verletzt. Während seine Familie im Krankenhaus auf ein Wunder hofft, stolpert Jon über einige Ungereimtheiten, die einen früheren Überfall auf die Tankstelle betreffen. Zehn Jahre später hat der junge Nico (Hugo Arbues) ganz andere Sorgen: Immer wieder wird er von Mitschülern gehänselt und misshandelt. Als er dann auch noch eine mysteriöse Drohnachricht erhält, reicht es seiner Mutter Lucía (Aura Garrido) und fordert Konsequenzen für die Missetäter. Was aber, wenn der Zettel gar nicht von den Mitschülern stammt? Und wenn es in Wahrheit eine Warnung war?

Schätze aus dem alten Kontinent
Man mag von den oft fragwürdigen Bemühungen von Netflix, mit Hollywood-Stars Zuschauer anzulocken, halten, was man will. Wenn sich der Streaminganbieter in Europa mit Filmen versorgt, kommen des Öfteren recht interessante Ergebnisse dabei heraus. Das italienische Moraldrama Vergib uns unsere Schuld ist ebenso empfehlenswert wie der englische Jagdthriller Calibre – Weidmannsunheil oder der Arthousewald von Die Haut des Wolfes aus Spanien. Von dort stammt auch Die Warnung, das es zwar nicht ganz mit den zuvor genannten Titeln aufnehmen kann, wohl aber zu den spannenderen Film-Originalen der letzten Zeit gehört.

Der Anfang wirkt dabei noch wenig außergewöhnlich: der Besuch einer Tankstelle, ein tödlicher Überfall, der anschließende Kampf um das Leben von David. Aber schon bei Jeder gegen Jeden zeigte der spanische Regisseur Daniel Calparsoro, dass hinter der vermeintlich klaren Fassade eines Überfalls noch deutlich mehr steckt. Das ist bei seinem neuesten Werk nicht anders. Ganz nachvollziehbar ist es zwar nicht, wie der psychisch angeknackste Jon überhaupt auf die Idee kommt, mehr Gedanken an das Ereignis zu verwenden. Als Zuschauer kann einem das aber – fast – egal sein, so lange wir ein paar schöne Rätsel bekommen. Deren Lösung ist wichtiger als die Art und Weise, wie sie eingeführt werden.

Hmm, das ergibt aber nur wenig Sinn
Ganz befriedigend ist auch das nicht. Die Adaption von Paul Pens Roman El Aviso aus dem Jahr 2011 gibt zwar Hintergründe an, was genau hinter dem Überfall und den Zufällen steckt, die Jon entdeckt. Viel mehr als eine Pseudoerklärung ist es aber nicht, wirklich viel schlauer ist man nach den anderthalb Stunden auch nicht. Wenn das spärliche Umfeld des Protagonisten ihn ein wenig schief anschaut, als er seine Theorien verbreitet, dann ist das nur allzu leicht nachzuvollziehen. Einem selbst geht es ja nicht anders, trotz des Wissensvorsprungs, den ein solcher Film mit sich bringt. Da hätte es gar nicht den etwas erzwungenen Zusatz gebraucht, dass Jon an Schizophrenie leidet.

Aber auch wenn man sich zum Schluss vielleicht doch ein bisschen mehr gewünscht hätte, spannend ist Die Warnung. Wie in einem Horrorfilm, in dem alte Flüche oder vergessene Sagen gesucht werden, um seltsame Ereignisse zu erklären, so ist auch dieser rätselhafte Thriller mit kleineren Ermittlungen verbunden. Dass sich Jon wie ein Detektiv fühlt, das machen auch seine Aufzeichnungen deutlich, die seinem Mathematikfimmel angemessen sehr penibel ausfallen und mit allerhand Querverbindungen arbeiten. Während dieser Bereich etwas over the top ist, funktioniert er doch ganz gut mit dem zweiten Handlungsstrang rund um den gemobbten Nico. Vor allem später, wenn sich der Film auf die Zielgerade zubewegt und die verschiedenen Fäden zusammenbringt, wird es emotional ein wenig packender und brenzliger – und bleibt doch zugleich auch tragisch.

Die Warnung
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Die Warnung
Das kann doch alles kein Zufall sein! Der spanische Mysterythriller „Die Warnung“ gefällt mit einem interessanten Szenario um wiederkehrende Muster bei Tankstellenüberfällen. Das ist spannend, auch die Verknüpfung mehrerer Handlungsstränge funktioniert ganz gut. Ganz befriedigend ist die Auflösung jedoch nicht, kümmert sich mehr um eine brenzlig-tragische Entwicklung als darum, wirklich etwas erklären zu wollen.
6von 10

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