The I-Land Netflix

„The I-Land“ // Deutschland-Start: 12. September 2019 (Netflix)

Wohin man blickt, sind nur Traumstände in Sicht, es scheint unentwegt die Sonne, auch das Wasser ist kristallklar. Und doch hält sich die Begeisterung der zehn Leute in Grenzen, als sie auf der tropischen Insel zu sich kommen. Denn da wären zu viele Fragen. Wie sind sie eigentlich dorthin gekommen? Was genau tun sie da? Sie wissen ja nicht einmal, wer sie selbst sind. Von den anderen ganz zu schweigen. Und so sind sie sich dann auch nicht schlüssig, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Während die einen darauf bauen, dass man im Team stärker ist, überwiegt bei anderen das Misstrauen. Es dauert dann auch nicht lange, bis Meinungsverschiedenheiten den Alltag bestimmen, das Eiland einem Pulverfass gleicht – vor allem, als Chase (Natalie Martinez) eine überaus seltsame Erfahrung macht …

Eine Gruppe von Menschen, die auf einer einsamen Insel gestrandet sind, auf der lauter mysteriöse Dinge geschehen, da ist es schwer, nicht an Lost zu denken. Schließlich war die Serie seinerzeit immens populär, ein Muss quasi. Sie ist aber auch nach wie vor umstritten. Viele werfen ihr vor, von Anfang an gar nicht so genau gewusst zu haben, was sie eigentlich erzählen sollte, weshalb gerade das Ende unbefriedigend blieb. Bei einer Geschichte, die immerhin 121 Folgen auf sechs Staffeln verteilt umfasste, hinterlässt das einen bitteren Beigeschmack. Die gute Nachricht bei der neuen Netflix-Serie The I-Land ist: Sie ist nach sieben Episoden tatsächlich abgeschlossen. Die schlechte Nachricht ist: Sie ist irgendwie noch zielloser als das Vorbild.

Waren wir hier nicht schon mal?
Zunächst einmal scheint alles noch in Ordnung zu sein. Protagonisten und Protagonistinnen, die an einem Ort aufwachen müssen und alles vergessen, was zuvor geschehen ist? Klar, kennen wir, ist ein beliebtest Szenario in Thrillern. Meistens geht es dort zwar nur um eine Person, die sich an nichts erinnern kann, bei der jedoch offensichtlich ist, dass sie in irgendeine fiese Sache verwickelt wurde. Aber es spricht ja erst einmal nichts dagegen, das auf mehrere Figuren auszuweiten. Nur dass bei The I-Land erst einmal kaum jemand daran Interesse hat, die Hintergründe tatsächlich herauszufinden. Stattdessen geht man lieber aufeinander los.

Auch dafür gibt es zahlreiche Vorbilder, darunter auch gute. Das offensichtlichste ist Herr der Fliegen, wo der Schiffbruch auf einer einsamen Insel zu brutalen Machtkämpfen führte. Die Sache ist nur: Dort waren die Figuren Jugendliche. Hier sind es Leute jenseits der 30, die sich noch immer so aufführen, als wären sie Jugendliche. Die sich auch ziemlich dämlich anstellen. Das erinnert an Horrorfilme, wo ebenfalls viel zu oft der Mangel an gesundem Menschenverstand neben Attraktivität die einzige Voraussetzung ist, um mitmachen zu dürfen. So nervig wie hier wird es aber auch dort nur selten, da man bei den Filmen – im Idealfall – ohnehin mehr mit den unheimlichen Kräften beschäftigt ist. Wenn die aber fehlen und man allein mit lauter unsympathischen Idioten festsitzt, dann bleibt die einzige Hoffnung: Vielleicht bringen sie sich ja alle um.

Viele Kämpfe, wenig Sinn
An manchen Stellen meint man, The I-Land könnte genau das zum Ziel haben. Eine Art Battle Royale auf einer einsamen Insel. Das hätte funktionieren können, als belangloses Guilty Pleasure. Dafür hätte die Serie aber eben auch die dunkle Seite annehmen müssen. Stattdessen hatte Serienschöpfer Anthony Salter aber eine ganz eigene Idee. Seine Vision ist ambitionierter, so viel muss man ihm zugestehen. Sie funktioniert nur leider nicht. Die Serie verrennt sich zunehmend in einen absoluten Blödsinn, wenn sie gleichzeitig Genreware und Gesellschaftskritik sein will, beides aber nicht hinbekommt. Dafür fehlt letztendlich die Konsequenz. Und es fehlen die interessanten Figuren.

Dabei hat das Drehbuchteam ja durchaus versucht, etwas aus ihnen herauszuholen. In der zweiten Hälfte wechselt The I-Land ständig in den Flashback-Modus, um nach und nach die jeweilige Vergangenheit zu erläutern und aus den hübschen Nobodys Charaktere zu machen. Anders als etwa Orange Is the New Black, das ebenfalls mit einem Mikrokosmos begann, um dann individuelle Figurenforschung zu betreiben, ist das Ergebnis hier jedoch nicht erwähnenswert. Die eine Hälfte der Schicksale ist langweilig, die andere lächerlich. Nicht einmal die eigentlich tragischen Geschichten zeigen Wirkung. Hinzu kommt: Durch die ständigen Unterbrechungen tritt die Handlung zu sehr auf der Stelle. Wer einfach nur mal wieder gut aussehende Menschen durch eine Insellandschaft jagen sehen will, der schaltet ein. Tatsächlich sehenswert ist das aber nicht, daran ändern auch die diversen Twists nicht, die man offensichtlich für clever hielt, einen aber eher dazu motivieren, die Hände vors Gesicht zu schlagen.



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The I-Land
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The I-Land
Eine Gruppe von Menschen wacht auf einer einsamen Insel auf, ohne sich zu erinnern, wer sie sind und wie sie hierhergekommen sind. „The I-Land“ verspricht jede Menge Mystery und Spannung. Das einzige Geheimnis bleibt aber, wie man das hier für eine gute Idee halten konnte. Unsympathische, idiotische Figuren, unsinnige Twists, eine verkorkste Gesellschaftskritik und langweilige Flashbacks verderben einem schnell die Stimmung und vertreiben die anfängliche Neugierde.
4von 10

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