Kritik

The Hater The Hater Netflix

„The Hater“ // Deutschland-Start: 29. Juli 2020 (Netflix)

Eigentlich hatte Tomek (Maciej Musiałowski) große Ziele: Er wollte als Anwalt Karriere machen! Doch damit ist es schlagartig vorbei, als eine seiner Arbeiten als Plagiat enttarnt wird und er von der Uni fliegt. Von dieser Schmach darf natürlich niemand etwas wissen, vor allem nicht sein Schwarm Gabi (Vanessa Aleksander), die aus einer wohlhabenden Familie stammt und die er seit jeher beeindrucken möchte. Skrupel kennt Tomek bei diesem Anliegen keines, er würde alles tun, um sein Ziel zu erreichen. Und so überlegt er auch nicht zweimal, als sich ihm die Möglichkeit bietet, bei einer PR- und Marketingagentur anzufangen, die sich auf schmutzige Kampagnen spezialisiert hat, um andere gezielt in Diskredit zu bringen. Tatsächlich zeigt er darin sogar großes Talent – bis ihm die Sache zu entgleiten droht …

Dieses Jahr hat Netflix offensichtlich Polen für sich entdeckt. Während hierzulande auf regulärem Weg sonst nur relativ wenige Filme und Serien unserer östlichen Nachbarn gezeigt werden, abseits von Filmfesten, da haut der Streamingdienst 2020 einen Titel nach dem anderen raus. Die Auswahl ist dabei nicht immer glücklich, vom bizarren Thriller Plagi Breslau – Die Seuchen Breslaus über die umstrittenen Sexfantasien 365 Days bis zur Krimiserie Das Grab im Wald reicht das Angebot. An düsteren Stoffen mangelt es also nicht, man schaut schon gezielt nach zwischenmenschlichen Abgründen, um das Publikum an die Fernseher zu fesseln. Bei der Qualität ist dabei jedoch oft Luft nach oben.

Ein preisgekröntes Duo
Dafür hat Netflix mit The Hater einen absoluten Coup gelandet, der auch bei einem Arthouse-Publikum auf Interesse stoßen dürfte. Schließlich handelt es sich hierbei um einen neuen Film von Regisseur Jan Komasa und Drehbuchautor Mateusz Pacewicz, das Team also, das auch für das für einen Oscar nominierte Religionsdrama Corpus Christi verantwortlich ist. Und als wäre das nicht genug, hat das neue Werk auch noch den Preis des besten internationalen Spielfilms beim Tribeca Film Festival 2020 abgeräumt. Das Filmfest selbst musste zwar aufgrund der Corona-Lage abgesagt werden, Preise gab es trotzdem. Das in Kombination mit dem ausgesprochen düsteren, zugleich sehr aktuellen Thema sollte für jede Menge Aufmerksamkeit sorgen.

Wobei der Inhalt für Komasa nur zum Teil neu ist. Tatsächlich knüpft The Hater an sein Drama Suicide Room von 2011 an, in dem ein Jugendlicher in den sozialen Medien gemobbt wird. Um virtuelles Mobbing geht es auch hier, nur dass wir dieses Mal die Seiten gewechselt haben und dem Täter über die Schulter schauen. Das ist durchaus interessant: Geht es in Filmen zu dem Thema normalerweise um die Opfer und wie sie mit den Demütigungen umzugehen haben, dürfen wir hier zusehen, wie solche Mobs im Internet überhaupt entstehen. Das Perfide an dem Film ist, dass hier nicht einmal aus Bösartigkeit oder Überzeugung andere zerstört werden. Stattdessen ist es ein Geschäft, wie andere auch, wenn einfach nur Konkurrenten aus dem Weg geräumt werden sollen – mithilfe von Rufmord.

Wahrheit ist, was du draus machst
Das ist in einer Zeit, in der online praktisch alles behauptet werden kann, ohne dass man sich über Folgen ernsthaft Sorgen machen müsste, natürlich ein dankbares Thema. The Hater spielt dann auch geschickt mit der Angst, die das weite, anonyme, unbarmherzige Netz in einem auslöst. Schwieriger ist es, wie der Film diese Erscheinung mit einem Stalkingthriller zu verbinden versucht. Wenn Tomek seinem großen Schwarm hinterhersteigt, sie online verfolgt und auch vor anderen physischen Beschattungsmethoden nicht zurückschreckt, dann erinnert das an die Hitserie You – Du wirst mich lieben. Nur dass dort geschickt mit der Diskrepanz zwischen einnehmender Fassade und seelischem Abgrund gespielt wurde, dabei viele Grenzen verwischten. Im Fall von Tomek ist eher wenig Platz für Ambivalenz: Er wird von Anfang an als amoralisch und unheimlich gezeigt. Einer, dem auch durchaus bewusst ist, was er tut.

Das ist als Figur weniger interessant, zumal die Demütigungen durch die Familie Gabis kaum aufgegriffen werden. Es führt außerdem dazu, dass The Hater schreckliche Ereignisse zu einem reinen Selbstzweck werden, man nicht immer ganz nachvollziehen kann, warum das so eskaliert. Aber auch wenn die Glaubwürdigkeit im weiteren Verlauf eher zu wünschen übrig lässt und auch die Ausführungen zu Nationalismus und Klassenkampf mehr Tiefe vertragen hätten, spannend ist der Film. Er führt auch vor Augen, wie vergleichsweise einfach es ist, andere Menschen zu manipulieren und Wahrheiten zu erschaffen – ein Phänomen, das von Verschwörungstheorien über beeinflusste Wahlen bis zum Umgang mit Prominenten in vielen Formen und Facetten auftritt. Und welche fatalen Folgen das haben kann. Für die Zukunft der Welt macht das wenig Mut, auf die filmische Zukunft des Polen darf man hingegen neugierig sein. Und darauf, was er uns wohl beim nächsten Mal so zumuten wird.

Credits

OT: „Hejter“
Land: Polen
Jahr: 2020
Regie: Jan Komasa
Drehbuch: Mateusz Pacewicz
Musik: Michal Jacaszek
Kamera: Radek Ladczuk
Besetzung: Maciej Musiałowski, Vanessa Aleksander, Maciej Stuhr, Agata Kulesza, Danuta Stenka, Jacek Koman

Bilder

Trailer

Kaufen/Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.




(Anzeige)

The Hater
3.83 (76.57%) 35 Artikel bewerten

The Hater
In „The Hater“ lernen wir einen jungen Mann kennen, der eine Frau beeindrucken will und deshalb bei einer Agentur anfängt, die sich auf Rufmord spezialisiert hat. Das Thema ist aktuell und auch spannend umgesetzt, wenn die Geschichten zunehmend eskalieren – bis zum bitteren Ende. Die Glaubwürdigkeit ist jedoch eher gering, da trotz alltäglicher Beispiele vieles schon überzogen ist.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.