Kritik

Freaks Du bist eine von uns Netflix

„Freaks – Du bist eine von uns“ // Deutschland-Start: 2. September 2020 (Netflix)

Aufregend ist das Leben von Wendy (Cornelia Gröschel) sicher nicht: Ihre Ehe mit Lars (Frederic Linkemann) plätschert vor sich hin, bei der Arbeit gibt es keine echten Aufstiegschancen, zumal ihre Chefin ihr nur wenig zutraut, auch das Geld ist eher ein bisschen knapp. Da hat es ihr gerade noch gefehlt, dass ständig dieser Obdachlose (Wotan Wilke Möhring) auftaucht und wirre Verschwörungstheorien von sich gibt. Doch bald muss Wendy feststellen, dass an den seltsamen Geschichten mehr dran ist, als sie dachte. Tatsächlich verfügt sie über geheime Kräfte, die jahrelang durch Medikamente unterdrückt wurden. Und sie ist nicht allein, auch ihr Kollege Elmar (Tim Oliver Schultz) verfügt über solche ungeahnten Fähigkeiten. Aber woher kommen diese? Warum hat man sie gezwungen, die Pillen zu nehmen? Und was sollen sie mit ihrer neuen Macht eigentlich anfangen?

Wenn wir ehrlich sind: Die meisten von uns haben mal davon geträumt, irgendwelche besonderen Kräfte zu haben. Als Kind sowieso, manche vermutlich auch als Erwachsene. Warum auch nicht? Über alle hinwegfliegen zu können, sich unsichtbar machen oder vielleicht mal ein Loch in die Wand schlagen – Einsatzmöglichkeiten gibt es mehr als genug. Und so gab es dann auch eine Reihe von Filmen oder Serien, in denen ganz normale Leute auf einmal weniger normale Sachen tun können. Denn darin liegt ein bisschen der Reiz von Titeln wie Code 8 oder Freaks – Sie sehen aus wie wir: Anders als in den üblichen Comic-Adaptionen, die sich um geborene Helden, Götter oder sonstige Überwesen drehen, hat man hier (fast) das Gefühl, dass die Figuren so sind wie man selbst.

Ein Geheimnis, das keinen interessiert
Der Netflix-Film Freaks – Du bist eine von uns klingt nicht nur praktisch identisch wie der oben genannte Film, er ist auch inhaltlich vergleichbar. Während der US-Kollege jedoch anfangs eine sehr spannende Mystery-Atmosphäre erzeugt und man erst einmal gar nicht so recht weiß, was eigentlich Sache ist, da legt die deutsche Produktion gleich die Karten auf den Tisch. Offene Fragen gibt es zwar schon, etwa zur Herkunft dieser Kräfte und warum die sich mit einer einfachen Pille abschalten lassen. Allerdings hat Drehbuchautor Marc O. Seng, vielleicht aufgrund seiner jahrelangen Arbeit an der Serie Dark der Geheimnisse überdrüssig, überhaupt kein Interesse daran, für Antworten zu sorgen. Die gibt es frühestens in der Fortsetzung.

Stattdessen rückt der Film die Figuren an sich in den Mittelpunkt. Das ist prinzipiell nicht verkehrt, kommen die doch oft in solchen Superheld*innen-Titeln ein bisschen kurz. Klar, wer Häuser zum Einsturz bringen kann und die Galaxis vor ihrem Ende bewahrt, der braucht keine wirkliche Persönlichkeit. Freaks – Du bist eine von uns zeigt hingegen auf eine durchaus sympathische Weise, wie eine überaus gewöhnliche Mutter erst mit dem Leben, dann mit den Fähigkeiten hadert. Letztere bringen ihr zuerst ein bisschen Befriedigung, wenn sie sich damit gegen die Unterdrücker dieser Welt zur Wehr setzt, was auch kräftiges Anfeuern von Seiten des mitfühlenden Publikums mit sich bringt. Aber auf Dauer ist das wenig befriedigend, weshalb irgendwann eine Grundsatzdebatte entbrennt: Wozu sollen Superkräfte gut sein, wenn es keinen Superschurken gibt?

Zu wenig von allem
Daraus hätte man sicherlich eine interessante Dekonstruktion des Genres machen können. Stattdessen gibt es aber ein handzahmes Drama, das sich gar nicht die Zeit nimmt, um die angedeuteten Themen irgendwie vertiefen zu können. Die Figuren etwa müssen rasend schnell Entwicklungen durchmachen, um mit den Konflikten mithalten zu können – oder sie bleiben anderthalb Stunden komplett gleich, werden zu Hintergrunddeko reduziert. Ebenfalls recht genügsam zeigte man sich bei den Spezialeffekten. Dass die hierzulande, selbst bei einer Netflix-Produktion, mit einem niedrigen Budget auskommen müssen, ist bedauerlich und kaum zu übersehen. Begeisterungsstürme löst man mit sowas zumindest nicht aus.

Umso wichtiger wäre es daher gewesen, sich inhaltlich stärker zu emanzipieren. Doch da geschieht trotz der guten Ansätze zu wenig, Freaks – Du bist eine von uns hinterlässt den Eindruck, dass man einfach nur eine deutsche Version der beliebten Superheldenfilme wollte, ohne sich weitere Gedanken zu machen. Nicht einmal bei den Fähigkeiten gab man sich Mühe, nahm drei von den Standardfertigkeiten, die man als Übermensch nun mal so hat. Das erinnert ein bisschen an das berüchtigte Studio The Asylum, das mit sogenannten Mockbusters – billig produzierten Kopien von Blockbustern – ein ahnungsloses Publikum zum Kauf überreden will. Ganz so schlimm wird es hier zwar nicht: Cornelia Gröschel ist sympathisch als Heldin wider Willen, Tim Oliver Schultz (Club der roten Bänder) darf als Nerd nicht nur seines Kostüms wegen für Erheiterung sorgen. Aber wirklich genug ist das nicht.

Credits

OT: „Freaks – Du bist eine von uns“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Felix Binder
Drehbuch: Marc O. Seng
Musik: Matthias Mania, Daniel Großmann
Kamera: Jana Lämmerer
Besetzung: Cornelia Gröschel, Tim Oliver Schultz, Wotan Wilke Möhring, Nina Kunzendorf, Frederic Linkemann, Finnlay Berger

Bilder

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Freaks – Du bist eine von uns
In „Freaks – Du bist eine von uns“ stellt eine einfache Mutter fest, dass sie eigentlich über Superkräfte verfügt, die jahrelang unterdrückt wurden. Der Film hat ein paar interessante Ansätze und gefällt auch durch die untypische Hauptfigur. Ansonsten gab man sich aber nicht sonderlich viel Mühe. Die Effekte sind erwartungsgemäß billig, die Charaktere nicht gut ausgearbeitet, es fehlt überall an eigenen Einfällen, um sich von der zu großen Konkurrenz emanzipieren zu können.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Eine Antwort

  1. Jan Pran

    Eine schwache Story und ein Film, der sich zu ernst nimmt für das bisschen, was er zu bieten hat. Vielversprechend zu Beginn, verläuft der Film sich schnell in belanglose Längen und erfüllt letztlich die sich ab Mitte des Films abzeichnenden, schlimmsten Erwartungen. Wotan Wilke Möhring, Thelma Buabeng, Ralph Herforth und ein teils witziger Trailer haben mich dazu bewogen, mich auf den Film einzulassen. Leider können die Darsteller die schlecht geschriebenen Figuren nicht retten. Besonders tat es mir um die Figur von Wotan Wilke Möhring leid. Eine angenehme Überraschung war Tim Oliver Schultz und seine Darstellung einer Figur, die eigentlich Potenzial hatte, das aber ebensowenig genutzt wurde – im Gegensatz zu einer ziemlich spröden Hauptfigur, deren Erinnerungen, Dialoge und Monologe von vornherein nicht über mangelnde Tiefe, Längen und Widersprüche der Story hinwegtäuschen können. Trist und enttäuschend.

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