Wounds Netflix

„Wounds“ // Deutschland-Start: 18. Oktober 2019 (Netflix)

Es war ein Abend wie jeder andere für den Barkeeper Will (Armie Hammer), so schien es zumindest. Er schenkt seinen Stammgästen fleißig ein, darunter seiner nicht ganz so heimlichen großen Liebe Alicia (Zazie Beetz), die mit ihrem neuen Freund Jeffrey (Karl Glusman) auftaucht. Das geht eine ganze Weile gut, bis es zu einer heftigen Auseinandersetzung zweier Gäste kommt. Danach ist die Stimmung im Eimer, viele verlassen fluchtartig die Bar. Dabei muss eine der Jugendlichen ihr Handy verloren haben, wie Will feststellt. Also erst einmal mit nach Hause nehmen, zu sich und seiner Freundin Carrie (Dakota Johnson). Schon bald wird er diese Entscheidung aber bereuen, als er seltsame Nachrichten erhält und verstörende Bilder auf dem Handy entdeckt …

Und der Horrormarathon bei Netflix geht weiter: Nachdem letzte Woche mit La Influencia – Böser Einfluss schon ein bisschen vorgesorgt wurde, gehen diese Woche mit Eli und Wounds gleich zwei neue Titel an den Start. Wobei neu es bei Letzterem nicht ganz trifft. Schließlich feierte der seine Premiere bereits beim Sundance Film Festival Anfang 2019, wurde später auch in Cannes gezeigt. Bei beiden Auftritten Fällen war die Resonanz jedoch bescheiden, da wurden viele Verrisse geschrieben, insgesamt pendelte sich das Echo ungefähr bei Mittelmaß ein. Richtig viel Lob erntete der Film so oder so nicht.

Die Bürde des Zweitlings
Wobei die verheerenden Reaktionen sicher zumindest teilweise auch auf die vorherige Erwartungshaltung zurückzuführen ist. Nicht nur, dass Wounds ein prominentes Ensemble vorweisen kann. Es handelt sich vor allem um den zweiten Spielfilm von Babak Anvari. Und der hatte drei Jahre zuvor mit Under the Shadow einen im Horror-Umfeld selten gesehenen Kritikerliebling geschaffen, der auf zahlreichen Festivals lief und überall Höchstwertungen erhielt. Der Clou damals: Der iranische Regisseur und Drehbuchautor verband eine klassische Horrorgeschichte mit einem Zeit- und Länderporträt, wenn er seine Heimat in den 80ern vorstellte, den Schrecken des Ersten Golfkriegs mit archaischen Dämonen verband.

Dämonen gibt es auch in Wounds. Anders als in Anvaris gefeiertem Erstling lassen die sich hier aber doch recht viel Zeit. Genauer wird hier länger nicht klar, worum der Film denn überhaupt gehen soll. Dass irgendetwas Schlimmes passieren wird, das wird zwar schon früh mitgeteilt, beispielsweise durch die unheimliche Musik von Komeil S. Hosseini, die mal im Hintergrund vor sich hin wabert, gerne aber auch mal etwas aufdringlicher wird. Und noch bevor das Okkulte um sich greift, wird mit einer angespannten Atmosphäre gearbeitet. In der Einstiegsszene in der Bar, wo das Unglück seinen Anfang nimmt, wartet man nur auf den großen Knall. Das kammerspielartige Setting ist so vollgestopft mit unterdrückten Gefühlen, dass nur irgendwo einer den ersten Schritt machen muss, um die Hölle heraufzubeschwören.

Verloren im Horror
Nach diesem vielversprechenden Einstieg verliert sich die Adaption von Nathan Ballingruds Novelle The Visible Filth aber zunehmend in einem Netz aus Andeutungen und Elementen. Mal ein bisschen Body Horror hier, dort dann Beziehungsdrama, zwischendrin die Frage, was genau die Jugendlichen eigentlich getrieben haben. Wounds verfolgt aber keine dieser Spuren konsequent. Es gibt auch keine Entwicklung der Geschichte. Man darf sogar darüber streiten, ob es überhaupt eine Geschichte gibt. Das einzige, was konstant bleibt, ist dass Will im Mittelpunkt steht und von Minute zu Minute unausstehlicher wird. Anfangs noch als sympathischer Ruhepol vorgestellt, was dank des gutaussehenden Charms von Armie Hammer (Call Me by Your Name) immer glaubwürdig ist, wird er zunehmend zum Kotzbrocken, dem man – anders als eben bei Under the Shadow – gar nicht unbedingt die Daumen drücken mag.

Das macht es natürlich schwierig, umso mehr wenn so manches hier keinen Sinn ergibt. Die offensichtlichste Ungereimtheit – warum bringt Will das Handy nicht zur Polizei? – wird nie befriedigend erklärt. Auch andere Stellen erfordern schon viel Gutgläubigkeit vom Publikum. Und doch ist Wounds nicht annähernd so schlecht, wie manche Kritiker ihn machen wollen. Nicht annähernd so schlecht auch wie die Masse an Horrorfilmen, die einem immer wieder zugemutet wird. Selbst wenn vieles hier nicht wirklich passt oder schlecht aufbereitet wird, Anvari zeigt erneut sein großes Talent für unheimliche Momente und eine grundsätzlich beklemmende Atmosphäre. Hinzu kommt eine dicke Portion Wahnsinn, so als hätte der iranische Filmemacher den Mittelweg zwischen Cronenberg und Lovecraft gesucht. Der Gipfel ist das verstörende Ende, welches für so manchen Leerlauf vorher entschädigt.



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Wounds
3.5 (70%) 22 Artikel bewerten

Wounds
Nach einer angespannten Anfangsszene verliert sich „Wounds“ später in einer Mischung aus Body Horror und Okkultem. Das ist nicht konsequent, ergibt teilweise auch keinen Sinn. Und doch zeigt Regisseur Babak Anvari erneut ein Händchen für unheimliche Szenen, gerade auch in den verstörenden Momenten.
6von 10

5 Responses

  1. Jutta John

    Was sollte das denn? Ich hasse Filme die kein Sinn ergeben und dann noch so ein Ende haben. Es gibt rein gar keine Erklärung für die Geschehnisse, und dann hört der Film einfach auf….der is nicht mal spannend der Film. Also leider weiß man ja nie ob sich nen Film lohnt aber seine kostbare Zeit mit sonem Mist verplempern…das will erst recht keiner. Dieser Film ist einfach nur Mist.

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    • Der FilmSuckt

      Hab mir den Film grade angesehen. Größter rotz. 0 spannend, lässt nur fragen auf und es gibt keine antworten. Die Geschichte ist komplett random und macht gar keinen Sinn.

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    • Theodor Fritz

      Ich muss sagen, das ich die Story des Films relativ eindeutig finde. Nicht weil man mir die Erklärung auf die Nase bindet, sondern weil es durch die Charakterentwicklung klar deutlich wird worum der Film sich dreht.

      Denn die Frage die man sich stellen sollte ist nicht etwa warum einzelne Horrormomente passieren, sondern weshalb ein sympathischer, souveräner Typ zu einem Arschloch mutiert. Und immer wiedergibt einem der Film Indizien: Er ist unzufrieden mit seinem Job, Eifersucht spielt eine große Rolle in seiner Beziehung, allgemein scheint es keine positive Spannung mehr zwischen ihm und seiner Freundin zu geben (Diese ist von Uni / Computer dauerhaft abgelenkt), stattdessen ist er in eine andere vergebene Frau verliebt, die ihn jedoch abweist, sein Schrei nach Aufmerksamkeit wird zu Beginn des Horrortrips von der Polizei ignoriert und belächelt. Er ist schlichtweg unzufrieden mit seinem Leben. Und welches Motiv stellt dies besser da als die Kakerlake (Oft aus der gesellschaftlichen Perspektive verbunden mit einem armen, unerfüllten Leben). Zunehmend hat er Wahnvorstellungen andere Menschen tot zu sehen, es passieren Dinge die ihn davon abhalten sich an die Polizei zu wenden, man kann nicht trennen was Traum und Realität nun wirklich ist und sein Charakter formt sich zunehmend ins Negative.
      Kurzum der Mann wird verrückt. Verrückt durch seinen Drang zu einem besseren Leben als sein Eigenes. Er feindet sich auf allen Bereichen mit den Menschen an, die nicht zu seinem ersehnten Leben passen, verlässt seine Freundin, kündigt seinen Job, ist aggressiv zu seinen Bekannten. Und dann am Ende des Films hat er es erreicht, sein „neues Leben“, er will in einem letzten rituell dargestellten Schritt (Zitat) „perfekt“ werden. Doch parallel sammeln sich Scharen von Kakerlaken um ihn als Zeichen dafür, dass er nun ein viel schlechteres Leben hat, denn in Wirklichkeit ist er weiter denn je entfernt von dem Leben, dass er sich ersehnte.
      Er hat keine Beziehung, kaum noch Freunde, keinen Job, keine Wohnung und seine psychischen Probleme verschlimmern sich.

      Wie schon bei anderen Psycho-Thrillern ein Film zum Nachdenken. Nicht jeder muss auf die selbe Lösung kommen, aber genau das macht den Film so spannend und bietet Gesprächsstoff für anschließende Diskussionen. Sicher kein Film, der für alles eine Antwort parat hält, aber dafür die grundlegende Frage mal wieder präzise stellt: „Ist der Protagonist wahnsinnig oder passiert alles in der Realität?“ – Für mich ist die Frage, wie oben beschrieben beantwortet, wie siehts mit euch aus?

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  2. Adonis

    Der Film ist wirklich nicht schlecht gemacht, er liefert zwar keine Antworten, aber liefert eine durchgehend düstere und verstörende Atmosphäre und ist zu keinem Zeitpunkt langweilig. Auch das Ende liefert keine Antworten. Trotzdem hat mir „Wounds“ gut gefallen. Wer sich einfach mal auf etwas neues einlassen möchte, wird hier gut bedient. Der Film hätte gut und gerne noch 30 Minuten länger gehen können um den Wahnsinn noch weiter auf die Spitze zu treiben. Ich mag eigentlich keine Filme die Antworten offen lassen, dieser hier gefällt durch Atmosphäre und ist durchaus sehenswert.

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  3. Jörg F.

    Habe das Buch nicht gelesen, aber habe den Film so verstanden, dass man den Weg eines halbwegs sympathischen Losers über Loser, unsympathischer Loser, Arschloch verfolgen kann. Am Ende ist er soweit, dass er das/die „Höheren Wesen“ durch die Wunde im Gesicht eines anderen Unsympathen bittet, ihn „perfekt zu machen“ (weil er sich selber/sein Leben nicht mehr ausstehen kann?).
    Naja, seltsam und leider zu wenig Logik, einzige Erklärung ist der Text auf dem Laptop seiner Freundin (gnostisches Ritual um durch Wunden hindurch Kontakt mit höheren Wesen aufzunehmen).

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